Interview: Kanada - ein Modell für Deutschland?
Planet Wissen (PW): Kanada ist eine multikulturelle Gesellschaft. Was bedeutet das genau?
Prof. Dr. Rainer Geißler (R.G.): Kanada hat sich 1971 offiziell zur multikulturellen Gesellschaft erklärt. 1985 wurde der Multikulturalismus als Grundrecht in der Verfassung verankert. Das Zusammenleben gestaltet sich nach dem Prinzip "Unity-within-Diversity", das bedeutet "Einheit-in-Verschiedenheit". Alle ethnischen Gruppen haben das Recht, ihr kulturelles Erbe zu erhalten, aber ein Kern von Gemeinsamkeiten wie gemeinsame Grundwerte, Verfassung, Gesetze und Sprache garantiert den Zusammenhalt des Ganzen. Es ist allerdings durchaus schwierig, dabei die Grenzlinie zwischen Einheit und Verschiedenheit zu ziehen, nämlich im Detail festzulegen, wo das Recht auf Verschiedenheit endet und wo die Pflicht zur Anpassung an das Gemeinsame beginnt. Ein weiterer wichtiger Baustein des Multikulturalismus ist, dass alle Gruppen die gleichen Teilnahmechancen an der Gesellschaft erhalten sollen.
PW: Wie wird das denn umgesetzt?
R.G.: Das Gleichstellungs-Beschäftigungsgesetz schreibt zum Beispiel vor, alle ethnischen Gruppen im Arbeitsmarkt gleichzustellen. Die Unternehmen müssen darüber Rechenschaft ablegen. Das gleiche gilt für öffentliche Einrichtungen, die Medien und auch in der Politik. Im Parlament sind die verschiedenen Gruppen relativ angemessen vertreten. Man kann schon sagen, dass diese Bemühungen Früchte getragen haben.
PW: Klappt das immer und überall?
R.G.: Das nicht. Von den Gruppen, die durch ihr Äußeres als Minoritäten zu erkennen sind wie Asiaten, Araber oder Lateinamerikaner, die sogenannten "sichtbaren Minderheiten", sind einige stärker sozioökonomisch benachteiligt. Auch eine Ghettobildung, die ja im Prinzip nicht gewünscht wird, lässt sich nicht immer vermeiden. Rassismus ist zwar offiziell verpönt, aber Kanada ist keine vorurteilsfreie Gesellschaft, rassistische Vorbehalte gibt es in einigen Teilen der Bevölkerung vor allem auch gegen die Ureinwohner. Trotzdem: Im Schnitt gibt es kaum einen Unterschied im sozioökonomischen und kulturellen Status zwischen Einheimischen und Zuwanderern.
PW: Was läuft in Kanada besser als in Deutschland?
R.G.: Man kann Kanada und Deutschland schwer vergleichen, weil Kanada von Anfang ein Einwanderungsland war, während das in Deutschland erst in den 50er Jahren losging. Ein großer Unterschied ist auch, dass in Deutschland durch die Gastarbeiterpolitik viele Migranten zur Unterschicht gehören. Das ist in Kanada anders, weil dort die Einwanderung stark gesteuert wird. Die Auslesekriterien sind strikt am Bedarf der Wirtschaft orientiert. Es ist aber nicht nur gut für die Wirtschaft, sondern auch für die Integration, wenn Einwanderer nicht arbeitslos sind.
PW: Können wir trotzdem etwas von Kanada lernen?
R.G.: Die Vorstellung, den kanadischen Multikulturalismus auf Deutschland übertragen zu können, ist utopisch. Trotzdem können wir einiges von Kanada lernen. Wir sollten unbedingt die Frage der gleichen Chancen anpacken. Wir brauchen zum Beispiel mehr Lehrer mit Migrationshintergrund. Bei uns haben Migrantenkinder große Probleme mit dem Bildungssystem, das hat sich auch bei PISA gezeigt. Kanada hingegen hat dabei hervorragend abgeschnitten. Das liegt auch daran, dass dort bis zur neunten Klasse alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden, Lernbehinderte mit Hochbegabten, davon profitieren alle. Aber auch in allen anderen Bereichen müssen Migranten die gleichen Chancen erhalten.
Die Einwanderung muss stärker gesteuert werden, sie bedarf eines durchdachten politischen Managements, schon deshalb, weil eine ungesteuerte Zuwanderung Ängste und Befürchtungen auslösen kann. Gleichzeitig muss von den Meinungsführern aber ein eindeutiges Ja zur Einwanderung kommen. Einwanderung muss als Notwendigkeit und Chance begriffen werden, nicht als Bedrohung. Probleme sollten nicht tabuisiert werden, aber sie sollten die Diskussion nicht beherrschen. Das Prinzip "Einheit-in-Verschiedenheit" ist gut. Einwanderer müssen Deutsch lernen. Einbürgerungstests sind auch in Kanada selbstverständlich. Aber es sollte keine Assimilation erzwungen werden. Als Regel sollte gelten: Ihr müsst euch anpassen, aber ihr dürft auch verschieden bleiben.
Interview: Katrin Mock, Stand vom 04.05.2007






