Berlin entdecken: Kiezspaziergänge
Rund um den Helmholtzplatz
Besonders schön ist er nicht, der Helmholtzplatz im Stadtteil Prenzlauer Berg. Ein lang gezogenes Rechteck mit ein paar Bäumen und einem kleinen Spielplatz, das war's auch schon. Trotzdem ist das Viertel rund um den Platz eine der angesagtesten Wohngegenden der Hauptstadt - die Mieten sind dementsprechend hoch, fast auf Münchener Niveau. Sanierter Gründerzeitaltbau reiht sich an sanierten Gründerzeitaltbau, es wimmelt von wohnzimmerartig eingerichteten Cafés, Bioläden, winzigen Modeboutiquen und allem, was das Leben gut verdienender Akademiker zwischen 20 und 45 schöner macht. Die einstige Bevölkerung des Ostberliner Viertels ist fast komplett weggezogen. Unfreiwillig, weil sie sich die Wohnungen nach der Sanierung nicht mehr leisten konnte.
Von der Bummel-Oase zur "Castingallee"
Für Berlin-Besucher, die Lust auf einen Bummel durch ein Viertel voll kreativer Läden und schöner Häuser haben, ist die Gegend eine Oase. Starten kann man etwa in der Stargader Straße, die nördlich vom Helmholtzplatz liegt, bei "Fräulein Dickes" mit einem Frühstück. In einem gemütlichen Altbau-Zimmer mit nur einer Handvoll Tischen gibt es eine kleine Auswahl an liebevoll zubereiteten Frühstücken. An der Stargarder Straße steht auch die Gethsemanekirche, in der sich in den 1980er Jahren Oppositionelle trafen. An den Mahnwachen kurz vor dem Mauerfall nahmen dort Tausende Menschen teil.
Vom Helmholtzplatz gelangt man über die Lychener Straße, auf der es einige kleine Boutiquen gibt, in denen selbst geschneiderte und dementsprechend teure Mode angeboten wird, in Richtung Danziger Straße. Wenn man dann eine der belebtesten Kreuzungen Berlins am U-Bahnhof Eberswalder Straße schräg überquert, ist man in der Kastanienallee angekommen, die Richtung Berlin-Mitte führt. Hier ist alles hip, das Publikum jung und stylish - weshalb die Straße gerne auch "Castingallee" genannt wird.
Der Neuköllner Reuterkiez
Ganz so angesagt wie der Kiez rund um den Helmholtzplatz ist der Reuterkiez noch nicht. Doch rund um die Reuterstraße, die dem Viertel zwischen Landwehrkanal und Sonnenallee seinen Namen gibt, machen seit einiger Zeit stetig neue Cafés, Kneipen und Restaurants auf. Auch lassen sich immer mehr Kreative nieder. Sie schätzen das multikulturelle Flair, den teils rauen Charme dieser Neuköllner Gegend, das eben nicht so Ordentliche, wie man es in Prenzlauer Berg findet. Und man kann es sich im Reuterkiez, wo etwa 90 Prozent der Gebäude aus Altbauten bestehen, noch leisten, in einem Gründerzeithaus zu leben.
Wer einen bunten Markt mit sich nur träge voranbewegenden Menschenmengen und viel Geschrei erleben möchte, sollte den türkischen Markt am Maybachufer im Norden des Reuterkiezes besuchen. Dienstags und freitags gibt es dort Obst, Gemüse, Fleisch, Stoffe und viele andere Dinge für zum Teil wenig Geld. Am späten Nachmittag, kurz vor Ende des Marktes, verscherbeln die Händler ihre Ware kistenweise.
Abstecher nach Böhmisch-Rixdorf
Cafés mit Wohnzimmerflair findet man im Norden Neuköllns inzwischen auch immer mehr - beispielsweise das "Goldberg" in der Reuterstraße selbst. Dorthin gelangt man, indem man vom Maybachufer - das ist die Straße direkt am Landwehrkanal - in die Liberdastraße biegt, die nach wenigen Metern zur Reuterstraße wird. Im "Goldberg" kann man bei einem sehr guten Kaffee wunderbar die Zeit vertrödeln. Das Publikum ist bunt gemischt, die Atmosphäre entspannt und gemütlich.
Ein Abstecher außerhalb des Kiezes, der sich auf jeden Fall lohnt, ist Böhmisch-Rixdorf rund um den Richardplatz – eine 1737 von protestantischen Flüchtlingen aus Böhmen gegründete Gemeinde, deren Gebäude heute alle unter Denkmalschutz stehen. Das am besten erhaltene historische Gebäude ist das Haus in der Kirchgasse 5, das von 1753 bis 1909 eine Schule war. Noch ein Tipp: Auf dem Richardplatz findet immer am zweiten Adventswochenende der sehr stimmungsvolle Alt-Rixdorfer Weihnachtsmarkt statt. Dabei bieten über 100 Vereine, Organisationen und Verbände beispielsweise selbst gebasteltes Spielzeug, Holzarbeiten, Keramik, Weihnachtsschmuck sowie verschiedene kulinarische Spezialitäten an - und das für einen guten Zweck.
Zwischen Schloss Charlottenburg und Lietzensee
Woher kommt eigentlich der Name Charlottenburg? Nach dem Tod Sophie Charlottes, der ersten Königin von Preußen, nannte ihr Mann das Schloss und die angrenzende Siedlung ihr zu Ehren Charlottenburg. Heute kann man die größte Hohenzollernresidenz Berlins besichtigen und im wunderschönen Barockgarten lustwandeln. Direkt gegenüber dem Schloss findet man in der Schlossstraße das Museum Berggruen (Klassische Moderne, vor allem Klee, Giacometti und Matisse) und die Sammlung Scharff-Gerstenberg (Surrealisten von Dalí bis Max Ernst) - zwei sehenswerte Museen, das erste im westlichen, das zweite im östlichen Stülerbau untergebracht.
Gutbürgerlich? Von wegen!
Schräg gegenüber dem Schloss Charlottenburg liegt der Klausenerplatz, der dem Kiez südlich davon seinen Namen gibt. Verglichen mit vielen anderen Gegenden Charlottenburgs hat dieses Viertel den Zweiten Weltkrieg relativ unbeschadet überstanden; die inzwischen allesamt sanierten Häuser stammen größtenteils aus der Zeit um 1900. Die Bewohner bilden eine bunte Mischung aus alteingesessenen Charlottenburgern, jungen Familien, Menschen mit Migrationshintergrund und Studenten - was nicht gerade für eine ausgesprochen gutbürgerliche Atmosphäre spricht, die viele Menschen mit Charlottenburg verbinden. Man trifft sich vielmehr auf einen Kaffee und ein Stück Kuchen beim Biobäcker "Brotgarten" in der Seelingstraße, kauft sein Biofleisch bei der Fleischerei Bauermeister in der Danckelmannstraße, geht in die kleine Kiez-Buchhandlung und ersteht seinen Salat beim türkischen Gemüsehändler.
Ziegen im Hinterhof
Die Danckelmannstraße, eine schmale, von Bäumen gesäumte Straße, führt vom Klausenerplatz Richtung Süden bis zum Kaiserdamm. Im Hinterhof des Hauses Nummer 14 gibt es eine Attraktion für Kinder, die man hier nicht vermuten würde: den Ziegenhof, auf dem Ziegen, Gänse, Hühner und Enten leben. Die 6000 Quadratmeter große Grünfläche sollte Anfang der 80er Jahre bebaut werden. Dagegen schlossen sich die Anwohner des Klausenerplatz-Kiezes zusammen, begrünten den Hof und gründeten einen Verein, der bis heute für dessen Pflege zuständig ist.
Noch mehr Grün gibt es rund um den Lietzensee, den man erreicht, wenn man der Danckelmannstraße bis zum Ende folgt und dann den Kaiserdamm überquert. Im dazugehörigen zehn Hektar großen Park mit vielen alten Bäumen findet man trotz der zentralen Lage seine Ruhe. Auch gastronomisch gesehen lohnt sich ein Ausflug an den Lietzensee: In der angrenzenden Witzlebenstraße liegt das "Engelbecken", ein schlicht-rustikal eingerichtetes Restaurant mit moderner alpenländischer Küche. Das Wiener Schnitzel dort ist definitiv eines der besten Berlins.
Alexandra Stober, Stand vom 04.11.2009











