Mexiko – von der Revolution bis heute
Die Unabhängigkeit
"Méxicanos, viva Mexico!" Der Ruf nach Unabhängigkeit, mit dem Pater Miguel Hidalgo im Jahr 1810 die Mexikaner zum Kampf gegen die spanischen Regierung aufrief, traf zwar den Nerv der Zeit, aber noch ging die Lossagung vom spanischen Königreich nicht in Erfüllung. Ein Grund waren die Unterschiede in der mexikanischen Gesellschaft selbst: Die Oberschicht stellten die Kreolen, die in Mexiko geborenen Spanier. Zur Mittelschicht zählten hauptsächlich die Mestizen, Nachkommen der Spanier und der indigenen Volksgruppen, und schließlich gab es noch die zahlreichen Nachfahren der indigenen Volksstämme.
Als der Kreole Hidalgo, zusammen mit dem jungen Armeeoffizier Ignacio Allende, zum Aufstand gegen die spanischen Royalisten aufrief, konnte er zwar auf die Unterstützung der indigenen Volksgruppen und der Mestizen hoffen, aber die kreolische Oberschicht hielt sich vornehm zurück. Hidalgo und sein Kompagnon wurden kurze Zeit später hingerichtet. Letztendlich waren es dann nicht die Revolutionäre, die Mexiko die Unabhängigkeit brachten, sondern die politische Liberalisierung Spaniens. 1821 erklärte der mexikanische General Austin de Iturbide die Unabhängigkeit Mexikos, die jedoch erst 1836 von den Spaniern offiziell anerkannt wurde.
Land im Chaos
Das 19. Jahrhundert verlief äußerst chaotisch für den frischgebackenen Nationalstaat. Durch die neu gewonnene Souveränität änderte sich zunächst nicht viel: Es gab keine sozialen Veränderungen, auf die so viele gehofft hatten. Kirche und Militär hielten weiterhin die Macht in den Händen und die Regierung entpuppte sich als eine Marionette der reichen Oberschicht. Zudem verlor Mexiko in diesem Jahrhundert mehr als die Hälfte seines Territoriums an die USA. Im Jahr 1845 annektierten die Vereinigten Staaten Texas, das zu diesem Zeitpunkt noch zu Mexiko gehörte. Die Antwort war der Mexikanisch-Amerikanische Krieg, der ein Jahr nach der unrechtmäßigen Annexion ausbrach. Er endete damit, dass den USA große Teile des mexikanischen Territoriums zugesprochen wurden.
Aber auch danach kam Mexiko nicht zur Ruhe. Im Inneren tobten Machtkämpfe zwischen der katholischen Kirche, den Liberalen und den Konservativen. Schließlich intervenierten 1863 auch noch die Franzosen in Mexiko-Stadt und riefen die Monarchie aus. Doch Kaiser Maximilian hielt sich nicht lange - fünf Jahre später wurde er von den Truppen des Exilpräsidenten Juaréz erschossen.
"Tierra y Libertad" - die Revolution bricht aus
Nach den Wirren des 19. Jahrhunderts bricht in Mexiko am 22. November 1910 die Revolution aus. Unter der letzten Regierung des Diktators Porfirio Diaz waren die Bauern zunehmend enteignet worden, die Großgrundbesitzer hatten ihren Besitz ausgedehnt. Die Existenzgrundlage vieler Bauern war damit zerstört. Unter der Führung von Pancho Villa im Norden und Emiliano Zapata im Süden kämpften die Bauern für eine Landreform. Zwischen 1910 und 1921 befand sich das Land in einem Zustand völliger Anarchie. Überall im Land kam es zu Kämpfen der Revolutionstruppen, die zwar vorübergehend Erfolge erzielten, aber ihre Forderungen schließlich nicht umsetzen konnten. Immerhin trat 1917 eine liberale Verfassung in Kraft, deren Bodenreform allerdings nicht umgesetzt wurde.
Emiliano Zapata, der Held der besitzlosen Landarbeiter, wurde 1919 in einen Hinterhalt gelockt und ermordet. Noch heute wird er von den Landarbeitern und modernen Revolutionären Mexikos verehrt. Sein Schlachtruf "Tierra y Libertad" (Boden und Freiheit) und seine Überzeugung "lieber aufrecht zu sterben als auf den Knien zu leben", werden gegen Ende des 20. Jahrhunderts erneut aktuell, als es in der Provinz Chiapas zum Aufstand der indigenen Landbevölkerung kommt.
Das 20. Jahrhundert - auf dem Weg in die Moderne
In den 30er Jahren stabilisiert sich die politische Situation in Mexiko. Präsident Lázaro Cárdenas del Río gründet die PRI (Partido Revolucionario Institucional). Diese Einheitspartei regiert das Land bis ins Jahr 2000. In der Regierungszeit von Cárdenas wird auch endlich die lang ersehnte Bodenreform umgesetzt: An die Bauern lässt er große landwirtschaftliche Flächen verteilen und setzt sich für bessere Bildungschancen der indigenen Bevölkerung ein. Außerdem lässt Cárdenas die Erdölindustrie verstaatlichen. Damit legt er den Grundstein für das "mexikanische Wirtschaftswunder".
In den nächsten Jahrzehnten erlebt das Land einen Aufschwung - trotz des Zweiten Weltkrieges. Mexiko darf 1968 - als erstes Land der "Dritten Welt" - die Olympischen Spiele ausrichten. Doch zu Beginn der 70er Jahre gerät das Land in den Strudel einer Wirtschaftskrise und die PRI in die Kritik. Korruption und Misswirtschaft nehmen zu. Am 1. Januar 1994 bricht der Aufstand in der Provinz Chiapas aus. Das "Zapatistische Heer der Nationalen Befreiung" fordert mehr Rechte für die indigene Bevölkerung. Zeitgleich tritt das Freihandelsabkommen mit den USA in Kraft, das Mexiko den Eintritt in die "Erste Welt" verschafft. Als Folge der dramatischen Ereignisse kommt es bei der Präsidentschaftswahl im Jahr 2000 zum historischen Machtwechsel. Mit Vicente Fox siegt zum ersten Mal ein Kandidat der Oppositionspartei - das Mehrparteiensystem ist in Mexiko salonfähig geworden.
Sandra Kampmann, Stand vom 03.12.2010
Sendung: Mexiko - Land der Extreme, 03.12.2010










