Mongolei - Zwischen Jurte und Plattenbau
Das Erbe des Dschingis Khan
Die Mongolei, vor 800 Jahren vom legendären Dschingis Khan gegründet, war einst das größte Weltreich der Erde. Heute grenzt die mongolische Republik an die beiden mächtigen Staaten China und Russland. Dabei ist die Mongolei knapp fünfmal so groß wie Deutschland.
Kaum ein anderes Land der Erde ist so dünn besiedelt: Auf einen Quadratkilometer Fläche kommen gerade mal zwei Menschen. Die meisten der 2,8 Millionen Einwohner leben noch immer auf dem Land. Doch die Zahl der Städter steigt: Die ärmlichen Jurtensiedlungen am Stadtrand von Ulan Bator wachsen ständig, denn viele Mongolen erhoffen sich in der Hauptstadt bessere Lebensbedingungen als auf dem Land.
Ulan Bator ist die einzige Großstadt der Mongolei und zugleich die kälteste Hauptstadt der Welt: Im Winter herrschen hier Temperaturen von bis zu minus 50 Grad Celsius. Im Sommer kann das Thermometer in der Mongolei dagegen auf 40 Grad plus hochschnellen.
Auf der Suche nach neuen Weidegründen
Immer unterwegs
Obwohl viele Mongolen nach Ulan Bator ziehen, gibt es im Rest des Landes so viele Nomaden wie nirgendwo sonst auf der Welt. Wie vor Jahrtausenden reisen sie mit ihren Herden umher, immer auf dem Weg zu neuen Weidegründen für ihr Vieh. Je nach Region ziehen die Nomaden etwa drei bis zehnmal im Jahr um. In extrem trockenen Gebieten wie in der Wüste Gobi im Süden wechseln die Nomadenfamilien sogar bis zu 20-mal jährlich ihren Standort.
Wendezeit
Während der Zeit des Kommunismus zwischen 1924 und 1990 versuchte das Regime, das Nomadentum einzudämmen, die Viehherden wurden verstaatlicht. Nach der Wende hat sich sehr viel in der Mongolei verändert, auch für das Leben der Nomaden: Mit der Privatisierung der Landwirtschaft brachen die Genossenschaften zusammen. Auch die soziale Sicherheit entfiel. Kostenlose Leistungen des Staates wie Schulbildung oder Krankenversicherung gingen verloren. So schien nur noch der Besitz von Tieren das Überleben sichern zu können: Der Viehbestand wuchs enorm.
Ziegenherde in der mongolischen Steppe
Teure Wolle
Besonders Ziegen haben sich drastisch vermehrt: Sie liefern den Rohstoff für die begehrte Kaschmirwolle. Einmal jährlich, im Frühjahr, werden sie ausgekämmt: Der weiche Flaum von etwa fünf bis sechs Tieren reicht aus für einen Pullover. Ihren wertvollen Rohkaschmir verkaufen die Viehbesitzer zum Großteil nach China, wo er weiterverarbeitet wird. Allerdings sind durch die wachsenden Ziegenherden bereits Probleme entstanden: Die Tiere fressen die Grasdecke derartig knapp ab, dass ihre Weiden dauerhaft beschädigt werden.
Marktplatz Ulan Bator
Ob Wolle, Milchprodukte oder Tierhäute - Umschlagplatz für die Waren der Nomaden ist die Hauptstadt Ulan Bator. Viele Einwohner der Hauptstadt leben vom Handel, von hier aus wird ins Ausland exportiert. In der Mongolei selbst existieren nur wenige produzierende Betriebe, denn während der Zeit des Kommunismus war die Mongolei vor allem ein Rohstofflieferant. Die meisten fertigen Produkte kamen in dieser Zeit aus der ehemaligen Sowjetunion. Inzwischen ist China an die Stelle Russlands getreten. Die Versorgung mit Waren in der Mongolei ist heute sehr gut: Es gibt eine große Vielfalt an Lebensmitteln und auch an anderen Produkten.
Allerdings ist nach der Wende eine Kluft zwischen Arm und Reich entstanden, wie sie vorher nicht existierte: "Straßenkinder, die in der Kanalisation leben, gab es nicht, und auch nicht so viele Obdachlose", berichtet Chinbat Hasbagana, der in Ulan Bator aufgewachsen ist. Andere konnten sich an der Situation bereichern, die Korruption hat sich zu einem großen Problem des Landes entwickelt.
Land im Umbruch
In der Mongolei herrscht Aufbruchstimmung, vor allem in Ulan Bator. Wohin die Reise geht, lässt sich noch nicht genau sagen. Der Bonner Archäologe Dr. Ernst Pohl, der seit mehreren Jahren jeden Sommer in die Mongolei reist, sieht die Zukunft des Landes positiv: "Ich glaube, dass die wirtschaftliche Entwicklung voran schreitet." Auch hofft der Wissenschaftler, dass sich die Trennung zwischen Arm und Reich etwas ausgleichen wird und dass die Infrastruktur ausgebaut wird: Straßen, die wichtige Zentren verbinden, wären dringend von Nöten. Ein Problem für die Umwelt kann Pohl dabei nicht entdecken: "Die Mongolei hat so wenige Einwohner, dass eine Zersiedelung durch Verkehrswege gar nicht erst droht." Etwas hat sich bereits getan: Die Straße von Ulan Bator nach Karakorum ist mittlerweile fast durchgehend asphaltiert. Man kann jetzt die Strecke in vier Stunden fahren, vor wenigen Jahren noch brauchte man für die 300 Kilometer einen ganzen Tag.
Claudia Heidenfelder, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Mongolei - Zwischen Steppe und Stadt, 03.07.2007








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