Mythos Orient
Orient und Okzident - ein Gegensatzpaar
Da der europäische Westen sich selbst als Okzident versteht, konnte in Abgrenzung dazu ein Bild vom Orient entstehen. Die beiden Begriffe Orient und Okzident gewinnen erst als Gegensatzpaar an Kontur, sind ohne einander nicht denkbar. Oder anders gesprochen: Morgenland und Abendland sind die zwei Seiten einer Medaille.
Geografisch gehören zum Orient die Länder südöstlich von Europa, die Türkei, der Nahe und Mittlere Osten mit den beiden Staaten Iran und Irak, Ägypten sowie Nordafrika. Aussagekräftiger als eine geografische Eingrenzung ist es, den Orient als eigenen Kulturraum zu verstehen. Der Islam ist die wichtigste religiöse und gesellschaftliche Komponente innerhalb der orientalischen Welt. Er hat ein soziales Denken geschaffen, in dem das Leben des Einzelnen innerhalb einer Gemeinschaft wichtig ist, während der Westen durch das Christentum und einen stark durch die Aufklärung beförderten Individualismus geprägt ist.
Westliche Orientbilder
Das westliche Bild vom Orient war vor allem während Kriegszeiten vom furchteinflößenden, säbelrasselnden Orientalen bestimmt. Besonders in der Zeit der mittelalterlichen Kreuzzüge wuchs das Feinbild vom Orient. Islam und Christentum trennte eine unüberwindbare Kluft. Auf dem Konzil in Wien 1312 vertrat man die Auffassung, dass, "das Herz der Muslime verhärtet und weder mit Worten noch mit dem Schwert zu bekehren sei".
Erst mit dem Beginn der Neuzeit veränderte sich die Sichtweise. In Persien entstand das Reich der Safawiden und das Osmanische Reich erlebte einen politischen und kulturellen Aufstieg. Die orientalische Prachtentfaltung faszinierte den Westen und sollte den Ausgangspunkt für ein positiveres Orientbild bilden. Doch die Bedrohung Europas durch das Osmanische Reich zu Beginn des 16. Jahrhunderts machte es zunächst unmöglich, dass sich das westliche Orientbild änderte. Die Ängste, die die Europäer während der zweimaligen Belagerung Wiens 1529 und 1683 erlitten hatten, fanden ihren Ausdruck in den "Türkenliedern" des 16. und 17. Jahrhunderts, in denen sich das Stereotyp vom Osmanen als "grausam" und "wollüstig" herausbildete.
Erst im Zeitalter der Aufklärung im 18. Jahrhundert begannen Philosophen und Dichter, sich wissbegierig und kreativ mit dem fremden Orient auseinanderzusetzen. Lessing beschrieb in seinem Drama "Nathan der Weise" die drei monotheistischen Religionen als gleichrangig. Goethe, noch beeinflusst von frühen Reiseberichten, brachte seinen "West-östlichen Divan" zu Papier und Mozart komponierte unter anderem die Oper "Die Entführung aus dem Serail".
Die Turkomanie
Das Interesse der Europäer an türkischer Kultur und orientalischen Sitten mündete im späten 18. und 19 Jahrhundert in eine schwärmerische Begeisterung, die Turkomanie. An deutschen Fürstenhöfen galt die Türkenmode als besonders chic. Man feierte türkische Feste und verkleidete sich als Sultan mit Turban und Pluderhosen. Befördert wurde die Orientbegeisterung in weiteren Teilen der Bevölkerung durch die als Bestseller verkauften Briefe der Lady Mary Wortley Montagu, der Frau des englischen Botschafters in Konstantinopel.
Besonderen Ausdruck fand die Turkomanie in der Architektur, der Malerei und in der plastischen Kunst. Beispielsweise ließ sich der pfälzische Kurfürst in seinem Schwetzinger Schlossgarten Ende des 18. Jahrhunderts eine Moschee bauen. Und der bayerische König Ludwig II. errichtete eine Sommerresidenz, das "Schachenhaus", das im Inneren einem orientalischen Märchenpalast ähnelt. In der Mitte des "türkischen Saals" plätschert ein orientalischer Springbrunnen, ein Sternenhimmel ziert die Decke und ein Fächer aus Straußenfedern rundet das Ensemble ab.
Der Orient - eine Welt voller Exotik
Es war die ungestillte Sehnsucht nach Exotik, die den Orient für die Europäer immer anziehender machte. Die Welt aus "Tausendundeiner Nacht" erschien als ein imaginärer Zufluchtsort "aus spießbürgerlicher Prüderie", wie es Gustave Flaubert formulierte. Sinnliche Erwartungen, die der Westen nicht erfüllte, und eine Zivilisationsmüdigkeit ließen den Orient in noch schillernderen Farben erscheinen.
Andererseits unterstellten europäische Künstler und Intellektuelle den orientalischen Ländern auch eine mangelnde Modernisierungsfähigkeit und eine Rückständigkeit, die auf eine Weise auch wieder den Reiz des Orients ausmachte. Politisch kam hinzu, dass vom Osmanischen Reich keine Gefahr mehr ausging und die Türken nur noch als "kranker Mann am Bosporus" gesehen wurden. Die Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts hat im Wesentlichen unser verklärtes Orientbild bis heute beeinflusst.
Sabine Kaufmann, Stand vom 01.06.2009







