Arbeitsmigranten – Rückgrat der Emirate
Planet Wissen (PW): Wer kommt zum Arbeiten in die Emirate?
Prof. Dr. Sabine Liebig (S. L.): Das ist höchst unterschiedlich. Zum einen sind es Hochqualifizierte aus dem arabischen Raum, aber auch aus Indien, Pakistan, Amerika und Westeuropa. Zum anderen sind es Heerscharen von Menschen, die als Bauarbeiter und Zimmerleute, als Dienstmädchen oder in Hotels und Restaurants arbeiten. Sie stammen vorwiegend aus Indien, Pakistan und von den Philippinen, in den letzten Jahren auch zunehmend aus Nepal.
PW: Wie sind die Arbeits- und Lebensbedingungen?
S. L.: Für die Qualifizierten sehr gut. Die Westeuropäer kommen in der Regel, weil sie mehr verdienen als in ihrer Heimat und keine Steuern bezahlen müssen. Sie wohnen oft luxuriöser als zu Hause, haben einen Dienstwagen und Dienstboten. In den großen Malls können sie beinahe alle Produkte aus aller Herren Länder einkaufen. Man bekommt sogar deutsches Vollkornbrot, wenn man meint, man braucht das. Durch die günstigen steuerlichen Bedingungen kann man in wenigen Jahren eine hübsche Summe zusammensparen.
Bei den Minderqualifizierten sieht das Leben ganz anders aus. In der Regel verschulden sie sich in ihrem Heimatland, um den Flug und das Visum zu finanzieren. Bei der Ankunft in den Emiraten müssen sie dann ihre Pässe abgeben und können in den nächsten zwei Jahren erst einmal nicht nach Hause. Die Bauarbeiter leben oft in Baracken unter üblen hygienischen Bedingungen zu zehnt in einem Raum in der Wüste. Die Dienstmädchen sind noch stärker dem Willen des Arbeitgebers ausgeliefert. Arbeitszeitbeschränkungen, Nachtruhe oder sonstige Auflagen gibt es da gar nicht. Sie haben es schwerer als die Bauarbeiter oder die Mitarbeiter in Hotels, weil sie ganz auf sich allein gestellt sind. Das könnte man schon als moderne Sklaverei bezeichnen.
PW: Was passiert, wenn sich die Leute zur Wehr setzen?
S. L.: Dann haben sie starke Repressionen zu befürchten. Ruckzuck werden die Bauarbeiter in den nächsten Flieger gesetzt und nach Hause geschickt, wenn herauskommt, dass sie sich organisieren. Übrigens auch, wenn herauskommt, dass jemand stiehlt oder sonst kriminell wird. Offiziell gibt es keine Gewerkschaften. Bevor diese Arbeiter aufbegehren, müssen sie schon sechs Monate keinen Lohn bekommen oder ähnliches. Hinzu kommt, dass die ganzen Migranten stark in ihrer jeweiligen ethnischen Gruppe verhaftet bleiben und sich kaum mit anderen mischen. Im Gegenteil, es gibt sogar einen gewissen Konkurrenzkampf. Die Nepalesen beispielsweise sind als letzte große Migrantengruppe ins Land gekommen. Sie sind oft bereit, für noch weniger Lohn zu arbeiten als die Arbeiter aus anderen Ländern. Das ist schon fast eine Art Hierarchie unter den Migranten.
PW: Wie sieht es bei den Hausangestellten aus?
S. L.: Die Dienstmädchen oder Kindermädchen - meist ganz junge Frauen von den Philippinen - können sich kaum organisieren. Es ist wohl nicht selten, dass sie von ihren Dienstherren geschlagen werden. Wenn sie es aber bei ihrem Arbeitgeber nicht mehr aushalten, ist der einzige Ansprechpartner, den sie haben, die Arbeitsvermittlerin, die sie ins Land gebracht hat. Dort müssen sie befürchten, ebenfalls geschlagen zu werden, wenn sie von ihrem Arbeitsplatz weggelaufen sind. Besser haben es die Frauen, die als Sekretärinnen oder Verkäuferinnen arbeiten. Sie verdienen mehr und werden auch meist etwas besser behandelt.
PW: Geraten denn die Menschen blauäugig in diese Abhängigkeitssituationen?
S. L.: Die meisten wissen vorher schon recht genau, auf was sie sich einlassen. Sie tun es trotzdem und hoffen eben, dass sie irgendwie durchkommen werden. Denn in der Regel hängt in ihrem Heimatland ihre Familie von ihnen ab. Dadurch stehen die Leute unter enormem Druck. Viele sind auch mit einem anderen Rollenverständnis aufgewachsen, als wir es in Westeuropa gewöhnt sind. Sie erwarten von ihrem Dienstherrn gar keine gleichberechtigte Behandlung.
PW: Wie wichtig sind die Arbeitsmigranten für Dubai?
S. L.: Ganz enorm wichtig. Wenn die alle von heute auf morgen die Arbeit niederlegen würden, würde das Land zusammenbrechen. Vor allem in der Bauindustrie geht nichts ohne sie. Aber die Migranten sind auch sehr wichtig für ihre Heimatländer. In manchen Entwicklungsländern machen die Gelder, die Arbeitsmigranten nach Hause schicken, bis zu 20 Prozent des Bruttosozialproduktes aus. Das ist ein ungeheuer starker Wirtschaftsfaktor.
Interview: Christina Lüdeke, Stand vom 23.06.2008
Sendung: Dubai, Abu Dhabi & Co, 23.06.2008










