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Interview: Das "Bundesdorf" Bonn?

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Interview: Das "Bundesdorf" Bonn?

Dr. Gunter Hofmann, Jahrgang 1942, ist seit 1977 bei der "Zeit". Ab 1994 leitete er das Bonner Büro der Wochenzeitung. Seit dem Regierungsumzug ist er Chef-Korrespondent in Berlin. Hofmann gilt als einer der angesehensten Beobachter des deutschen Politikbetriebs. Mit Planet Wissen hat er über die Eigenarten Bonns als Hauptstadt der Bundesrepublik gesprochen.

Das Foto zeigt ein Porträt des 'Zeit'-Korrespondenten Gunter Hofmann. Er trägt eine Nickelbrille und ein dunkelblaues Hemd und lächelt in die Kamera. (Rechte: Die Zeit)

Hofmann arbeitete als Journalist lange in Bonn

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Planet Wissen (PW): Adenauer hat nach dem Zweiten Weltkrieg gesagt: "Wir haben 50 Jahre hochgestapelt, jetzt müssen wir 50 Jahre tiefstapeln". War Bonn die ideale Hauptstadt, um diese Forderung zu erfüllen?

Dr. Gunter Hofmann (G.H.): Ja, ich finde, Bonn war in einem gewissen Sinne für lange Jahrzehnte die ideale Hauptstadt und zwar als zivile Stadt. Bonn zwang geradezu zu einer gewissen Zivilität. Man konnte sich in Bonn ein großmannssüchtiges Deutschland überhaupt nicht vorstellen. Insofern hat so eine kleinere, mittelgroße Stadt eine gewisse pädagogische Wirkung. Ich finde letztlich den größten Erfolg von Bonn auf uns Journalisten, auf die Beamten, aufs Parlament, auf die politische Klasse, dass die Bundesrepublik sich dort in aller Ruhe ganz gut selber mit sich verständigen und lernen konnte.

PW: Bonn war eine Kleinstadt, wurde auch oft als das "Bundesdorf" bezeichnet. Teilweise wurde deshalb kritisiert, dass es aufgrund der Kleinheit dort eine gefährliche Nähe und Gemütlichkeit zwischen Journalisten und Politikern gegeben habe. Haben Sie das

G.H.: Nähe zwischen Politikern und Journalisten hat es in Bonn natürlich gegeben, aber in welcher Hauptstadt gibt es die nicht? Bonn hat seit der ersten Wahl, seit Adenauer im Grunde unter diesem Klischee gelitten. Koeppen hat in seinem wunderbaren kleinen Roman 1953 das Wort vom "Treibhaus" dafür erfunden und das blieb eigentlich die Metapher für Bonn: Bonn sei ein Treibhaus, da sei es schwül, alle seien reaktionär in den 50er Jahren, alles hocke zu eng aufeinander. Meine Ansicht ist, dass es in anderen Hauptstädten durchaus ähnlich ist. Ich vermute, in Washington glucken Journalisten und Beamte und Politiker mindestens genauso eng beisammen. In der Hinsicht ist auch Berlin davon nicht frei. Das ist nie eine Frage der Kleinheit, das ist immer eine Frage der Souveränität, also wie frei möchten Journalisten und Politiker sein? Die können sich frei machen, wenn sie wollen.

PW: War denn der Umzug von Bonn nach Berlin dann eigentlich eine Zäsur für die Arbeit als Journalist?

G.H.: Einer der wirklich spürbaren Unterschiede für mich jedenfalls war ein völlig überraschender. Ich finde im Rückblick, Bonn ist eine Stadt des Nicht-Identischen, das meine ich sehr positiv. Also Bonn war eine gläserne Stadt; man konnte durch Bonn völlig ungestört in die Bundesrepublik sehen, wenn man neugierig war als Journalist und als Politiker. Es hat einen niemand daran gehindert, das Land zu sehen. Bonn war als Stadt kein störender Faktor, das ist ein unschätzbarer Vorteil gewesen. Berlin ist eine große Stadt und neigt natürlich auch heute zum Selbstreferentiellen. Also man guckt in sich, man ist sich genug, man übersetzt sich als das Paradigma für die Bundesrepublik. Das Missverständnis ist hier einprogrammiert. Diese Neigung, dass man nur nach innen blickt und dies für die Welt hält, die ist in Berlin eindeutig zu groß.

Interview: Annette Holtmeyer, Stand vom 16.10.2006

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