Stimmt es, dass Bonn nach dem Regierungsumzug weniger Arbeitsplätze und Einwohner hat als zu Hauptstadtzeiten?
Die Angst der Bonner um ihre Arbeitsplätze nach dem Umzugsbeschluss des Bundestages am 20. Juni 1991 wurde anfangs von etlichen Prognose-Instituten noch geschürt - regelmäßig wurden neue Horrorzahlen der angeblich in Bonn wegfallenden Arbeitsplätze veröffentlicht. Nicht nur Mitarbeiter der Ministerien, für die ein Wechsel an die Spree nicht in Frage kam, sahen schwarz für ihre berufliche Zukunft. Auch der Handel und die Gastronomie bangten um den Verlust ihrer finanziell gut gestellten Kundschaft - vom Taxifahrer über die Marktfrau bis hin zum Betreiber des Edelrestaurants konnte sich Anfang der 90er Jahre wohl kaum einer vorstellen, dass das Geschäft nicht unter dem Regierungswechsel leiden würde.
Zum Glück für Bonn hatten die Schwarzseher unrecht: Zwar fielen durch die Verlegung der Ministerien, des Bundestages und Bundesrates, des Bundeskanzleramtes und des Bundespräsidialamtes insgesamt rund 11.400 Arbeitsplätze weg. Dafür wurden seit dem Bonn-Berlin-Beschluss aber mit Hilfe der Bundesgelder in der Region 18.500 Arbeitsplätze neu geschaffen oder gesichert. Nur 7500 Bundesbedienstete mussten tatsächlich nach Berlin umziehen. Nach wie vor ist die Zahl der Regierungsmitarbeiter in Bonn mit gut 10.000 höher als die in Berlin; dies entspricht dem Bonn-Berlin-Gesetz.
Vor allem aber der Ansiedlung der "Global Player", der Deutschen Telekom AG und der Deutschen Post World Net, ist es zu verdanken, dass die Zahl der Arbeitsplätze in Bonn seit dem Regierungsumzug tatsächlich gestiegen ist - insgesamt verzeichnet die Region rund 35.000 Arbeitsplätze mehr als 1991. Mit 8,2 Prozent liegt die Arbeitslosenquote deutlich unter dem Bundesdurchschnitt.
Ebenso erfreulich für Bonn hat sich die Einwohnerzahl entwickelt: Keine andere Stadt in Nordrhein-Westfalen wächst so stark wie Bonn. In der Bundesstadt leben heute mehr Menschen als zu Hauptstadtzeiten. Mit über 314.000 Einwohnern gibt es im Jahr 2006 so viele Bürger wie nie zuvor. Seit dem Bonn-Berlin-Beschluss zog es 10.000 Neubürger in die Stadt. In den kommenden 15 Jahren rechnen Experten mit weiteren 10.000 neuen Einwohnern. Mit 10,2 Geburten auf 1000 Einwohner liegt Bonn bei den Geburtenzahlen bundesweit auf Platz drei und ist eine der wenigen Städte, in der mehr Kinder geboren werden als Menschen sterben.
Alle, die befürchtet hatten, dass die Ex-Hauptstadt wieder zum verschlafenen Provinzstädtchen werden könnte, wurden also inzwischen eines Besseren belehrt. Die Beliebtheit Bonns mag unter anderem an der hohen Lebensqualität am Rhein liegen. Laut Städteranking "Perspektive Deutschland" von McKinsey leben in Bonn die "glücklichsten Großstädter" Nordrhein-Westfalens.
Annette Holtmeyer, Stand vom 01.06.2009






