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Interview: Oliver Scheytt

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Interview: "Eine Riesenchance für das Ruhrgebiet"

Oliver Scheytt ist seit 1993 Kulturdezernent in Essen. Er war als sogenannter Moderator federführend bei der Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2010. Planet Wissen hat mit Oliver Scheytt über die Konkurrenz zwischen den Städten, seine Visionen für 2010 und die einzigartige Kulturlandschaft im Ruhrgebiet gesprochen.

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Essen - Ruhr 2010
Karl Ernst Osthaus
Herbert Knebel
Ruhrdeutsch
Oliver Scheytt
Interview
Was ist der "red dot"?

Planet Wissen (PW): Was bedeutet es überhaupt, wenn eine Stadt Kulturhauptstadt ist?

Oliver Scheytt (O.S.): Seit 1985 gibt es in der Europäischen Union (EU) die Kulturhauptstädte. Diese Städte sollen dann zeigen, was aus ihrer Geschichte an Kulturereignissen und an Kulturpersönlichkeiten hervorgegangen ist und was sie in der europäischen Kulturlandschaft besonders macht. Natürlich richten sich dann auch die Blicke der Kulturinteressierten auf diese Stadt. Wir müssen uns deshalb darauf einstellen, dass es sehr viele Touristen geben wird. Es gibt eine Faustregel, dass 20 bis 30 Prozent mehr Übernachtungen gebucht werden als sonst üblich. Und dann kommen noch die Tagestouristen aus Deutschland oder den Beneluxstaaten dazu.

Das Logo der Bewerbung um die Kulturhauptstadt auf großen Plakatbahnen: Der Schriftzug 'Kulturhauptstadt 2010' steht über einer Anordnung verschiedenfarbiger Quadrate, die stilisiert die Umrisse des Ruhrgebiets darstellen sollen. Ein angeleinter Arbeiter mit Helm und Sicherheitsweste hängt vor einer Plakatbahn. (Rechte: dpa)

Gemeinsam Kulturhauptstadt werden

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PW: Essen hat sich stellvertretend für das Ruhrgebiet beworben. Wie klappt es da mit der Abstimmung und der Gleichberechtigung unter den einzelnen Städten? Schließlich kennen wir ja die Konkurrenz zwischen den Ruhrgebietsstädten.

O.S.: Ich denke, dass die Konkurrenz im Kulturbereich nicht so groß ist wie beispielsweise beim Fußball. Ein bisschen Ansporn ist ja immer da, unter den Theatern, den Konzerthäusern. Aber wir sind ja jetzt als Ruhrgebiet insgesamt angetreten, die sieben Kulturdezernenten der großen Städte haben 2001 bereits gesagt: "Wir wollen gemeinsam Kulturhauptstadt werden". Essen ist dann ja erst im Jahr 2004 als Bannerträger, weil das ja formal erforderlich war, benannt worden. Wir haben die gesamte Bewerbungszeit zusammen gemacht, und wir sind in der Kultur viel weiter als in der Politik oder auch im Fußball.

Das Wichtige ist, dass wir erkennen, dass jede Stadt ihr eigenes künstlerisches und kulturelles Profil in das Gesamtprofil des Ruhrgebiets einbringen muss. Das Gesamtprofil des Ruhrgebiets heißt: Wir haben unsere Kultur nicht ererbt, sondern erarbeitet. Die Kultureinrichtungen sind entstanden aus bürgerschaftlichem Engagement und aus dem Leistungswillen der Städte. Deswegen haben wir die dichteste Kulturhauptstadt in Europa. Wir sind der drittgrößte Ballungsraum nach Paris und London und aus dieser Vielfalt ist eine faszinierende Kulturlandschaft entstanden, die aber als Ganzes noch nicht wahrgenommen wird. Genau darin besteht jetzt die Chance.

Porträt von Oliver Scheytt, dem Essener Kulturdezernenten. (Rechte: Oliver Scheytt)

Oliver Scheytt

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PW: Kultur ist etwas für Gebildete. Das hat eine Studie der EU gezeigt, die unter anderem die Kulturhauptstädte Weimar und Salamanca untersucht hat. Wie wollen Sie diejenigen ansprechen, die nicht zu den klassischen Kulturliebhabern gehören?

O.S.: Zunächst hat jeder Mensch etwas mit Kultur zu tun. Ich habe einen weiten Kulturbegriff, ich verstehe unter Kultur nicht nur Theater, Museum, Orchester. Kultur ist zunächst einmal: Wie lebt und arbeitet der Mensch? Was umgibt uns tagtäglich an Architektur? Was hören wir an Musik? Welche Filme gucken wir? Alles was mit Kulturwirtschaft zu tun hat, gehört natürlich auch zu unserer Kulturhauptstadt, das ist ja tagtäglich gelebte Kultur. Das ist schon in unserem Motto drin: "Wandel durch Kultur - Kultur durch Wandel". Und das spiegelt sich auch in unseren Projekten wider.

Wir fragen, wie die urbane Entwicklung ist. Wir fragen vor allen Dingen auch danach, wie das Zusammenleben der Menschen unterschiedlicher Kulturen sich hier im Ruhrgebiet gestaltet. Wir sind eine Region, die aus der Migration entstanden ist. Wir haben zum Beispiel das deutsch-türkische Kulturfestival "Melez" organisiert in der Jahrhunderthalle in Bochum. Wir haben türkische Künstler auf die Bühne geholt. Wir haben Leute aus der Türkei eingeladen. Es waren dort Hunderte und Tausende von türkischen Mitbürgern, die sich das angeschaut haben, die sich wiedergefunden haben - mit ihrer eigenen Kultur. Denn es geht bei der Kulturhauptstadt auch darum, mit ganz neuen Mitteln die Menschen zu bewegen. Natürlich müssen wir da immer noch Schwellen abbauen. Da bin ich aber nicht skeptisch. Denn in den letzten 20 Jahren haben wir eine Menge erreicht, zum Beispiel auch, dass nicht nur Menschen ins Museum gehen, die sich mit Kunst besonders gut auskennen.

PW: Was wird sich bis 2010 in Essen und dem Ruhrgebiet verändern?

O.S.: Wir müssen erreichen, dass die Menschen, die hier leben, noch stärker zu Botschaftern des gesamten Ruhrgebiets werden und dass sie sich selbst gut auskennen in der Kulturszene. Selbst ich - der tagtäglich damit zu tun hat - mache da immer noch neue Endeckungen. Das ist also gar nicht möglich für einen Menschen, alles zu kennen. Aber wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen, die hier leben, mehr über das wissen, was hier läuft und auch von einer Stadt zur anderen fahren. Die Reichhaltigkeit sollte bekannt sein, man muss nicht unbedingt nach Köln fahren, um ein gutes Konzert zu sehen. Und deshalb möchten wir ganz viele Gästeführer haben und die sollen Bescheid wissen, über das, was da ist. Wenn wir das erreicht haben, dann werden wir auch nach außen ganz anders ausstrahlen können.

Außerdem erhoffe ich mir, dass das Ruhrgebiet als Ganzes stärker von außen wahrgenommen wird. Jetzt haben wir die Möglichkeit, denn wir haben eine Marke, nämlich "Kulturhauptstadt 2010". Und da muss man sich nicht mehr streiten, ob das nun "Der Pott kocht" heißt, oder "ein starkes Stück Deutschland", sondern wir sind Kulturhauptstadt, alle zusammen und ich glaube, dass das eine Riesenchance ist, das jetzt mit Leben und Inhalt zu füllen.

Ein hellgraues Gebäude mit geschwungen Linien, davor eine Wiese und ein Zufahrtsweg. (Rechte: WDR/Hans-Joachim Nitschmann)

Über Essen hinaus bekannt: das Aalto-Theater

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PW: Kritiker meinen, dass Sie in erster Linie auf Hochglanzprojekte setzen, die Breitenkultur aber außen vor bleibt. Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?

O.S.: Das ist eine falsche Sichtweise. Natürlich brauchen wir auch einige Leitprojekte, die besondere Wirkung in der Öffentlichkeit erzeugen. Da kann man nicht nur sagen, wir machen jetzt ein Konzert mit fünf Chören aus Essen und dann meinen wir, dass das die Römer hierher zieht. Da muss man sich schon einige Sachen überlegen, die nicht in Richtung Hochglanz poliert sind, sondern die große Aufmerksamkeit erzielen.

Dabei ist auch noch mal darauf hinzuweisen, dass die Dinge, die wir tagtäglich machen, auch schon dieses Niveau haben. Das Aalto-Theater gehört zu den drei bis fünf besten Opernhäusern im deutschsprachigen Raum, einschließlich Österreich und Schweiz. Aber das ist den Menschen hier noch nicht so bekannt. Die Opernfans, die wissen das schon länger. Oder die RuhrTriennale, ein relativ junges Festival, jetzt kommt es langsam, dass es im europäischen Zusammenhang auch wahrgenommen wird. Oder ich nehme das Klavierfestival Ruhr, das weltweit größte Treffen aller bedeutenden Pianisten. Das hat über zehn Jahre gedauert, um so eine Marke zu werden. Wir haben diese Dinge alle schon, aber wir haben sie noch nicht genug in das Bewusstsein der eigenen und der europäischen Öffentlichkeit gebracht. Da ist die Kulturhauptstadt eine riesige Chance.

PW: Wie soll es mit dem Ruhrgebiet als Kulturmetropole weitergehen, wenn das Jahr 2010 vorbei ist?

O.S.: Die Frage der Nachhaltigkeit ist eine ganz entscheidende. Die Kulturhauptstadt soll keine Eventmaschinerie 2010 sein, sondern wir wollen strukturelle Effekte hinbekommen. Wir zielen eigentlich auf die Jahre danach. Wenn Kulturhauptstädte gut funktioniert haben, sind dauerhaft zehn Prozent mehr Touristen gekommen. Das Zweite ist, dass wir natürlich auch in der Zusammenarbeit der Städte besser werden. Die Verbindungen zwischen den Sehenswürdigkeiten, im öffentlichen Nahverkehr sind ja da, zum Beispiel bei der "Nacht der Industriekultur". Sie werden aber nur einmal im Jahr groß aufgezogen. Ich stelle mir vor, dass wir eine Sightseeing-Linie entwickeln, die wir von den Bahnhöfen auch zu den besonderen Orten der Industriekultur leiten. Beispielsweise gibt es keine Linie, die das Gasometer in Oberhausen mit dem Landschaftspark Duisburg Nord, der Zeche Zollverein, der Bochumer Jahrhunderthalle und der Zeche Zollern in Dortmund oder anderen Sehenswürdigkeiten im östlichen Ruhrgebiet verbindet. In Barcelona, Berlin oder in Wien ist das üblich, da gibt es diese Doppeldecker-Busse. So etwas haben wir noch nicht. Wenn das gelingt, bis 2010 solche Dinge hinzubekommen, dann wird das auch dauerhaft Wirkung zeigen.

Interview: Christiane Tovar, Stand vom 31.10.2006

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Bildcollage zum Thema Nordrhein-Westfalen. (Rechte: WDR)

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