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  • Interview: Grubenunglück von Lengede

"Die Toten hatten es wenigstens schon hinter sich" - Interview mit Adolf Herbst, Überlebender des Grubenunglücks von Lengede 1963

14 Tage lang Dunkelheit, Hunger und Todesangst in 60 Metern unter der Erdoberfläche. Ein Wassereinbruch hatte 1963 das Bergwerk von Lengede geflutet. Einige Bergleute konnten sich retten. Anderen versperrten die Fluten den Weg in die Freiheit. Immer tiefer flüchteten sie in die unterirdischen Gänge - sogar bis in längst stillgelegte und daher besonders gefährliche Bereiche. Es gleicht einem Wunder, dass sie durch eine Bohrung doch noch gerettet werden konnten. Einer von ihnen ist Adolf Herbst. In Planet Wissen erzählt er von den schrecklichsten zwei Wochen seines Lebens.

Adolf Herbst (Rechte: SWR)

Adolf Herbst , Überlebender von Lengede

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Planet Wissen (PW): Herr Herbst, kaum ein Tag dürfte sich so in Ihr Gedächtnis gebrannt haben wie der 24. Oktober 1963. Was passierte damals?

Adolf Herbst (AH): Ich war 20 Jahre alt und als Starkstrom-Monteur im Bergwerk Lengede. Meine Aufgabe: eine Pumpenkammer erneuern. Eigentlich wäre ich am Abend dieses Tages - zum Zeitpunkt des Unglücks - schon längst wieder draußen gewesen. Aber da ich mich am nächsten Tag verloben wollte, hatte ich eine Doppelschicht gefahren, um meinen Auftrag auf jeden Fall rechtzeitig abschließen zu können. Gegen 19 Uhr 30 war ich fertig, wollte mich auf den Weg nach oben machen.

Dann passierte das Unglück: Während ich Richtung Hauptschacht ging, merkte ich, wie mir die Ohren schmerzten. Der Druck war plötzlich angestiegen, ich hörte ein starkes Rauschen in der Ferne. Bergleute kamen mir entgegengerannt und riefen: "Hau ab!" Weder ich noch die Bergleute wussten, was los war. Einer schrie aufgeregt in ein Bergtelefon. Alle redeten hektisch durcheinander. Erst nach der Rettung erfuhr ich, dass ein Klärteich eingebrochen war und das Bergwerk nach und nach flutete. Eine Todesfalle - doch niemand ahnte die Ausmaße des Unglücks.

PW: Sie waren ja kein Bergmann, kannten sich also kaum aus in diesem Bergwerk. Wie konnten Sie sich dennoch orientieren?

AH: Eine Gruppe Bergleute beschloss kurzerhand, mit einer der Untertage-Bahnen weiter in den Berg zu fahren. Die Bahn setzte sich in Bewegung - und ohne zu überlegen sprang ich gerade noch auf. Nach wenigen hundert Metern Fahrt gab es einen Kurzschluss, die Bahn blieb stehen. Die Bergleute stiegen aus, rannten dem Wasser entgegen. Sie hatten ihre Schicht gerade erst begonnen. Daher waren sie noch voll bei Kräften. Nach meiner anstrengenden Doppelschicht hatte ich Mühe, ihnen hinterherzurennen. Auch war mein Grubenlicht schon erschöpft. In dieser Sekunde wurde mir klar: Ohne die anderen bin ich verloren. Also Zähne zusammenbeißen und hinterher. Das Wasser schoss uns inzwischen schon kniehoch entgegen. Jetzt ging es um Leben und Tod.

PW: Sie konnten sich in den "Alten Mann" retten, einen stillgelegten Teil des Bergwerks, in dem das Gestein bereits wieder einfällt. Haben Sie sich dort sicher gefühlt?

AH: Nein - sicher ist man in so einer Situation nie. Aber kaum hatten wir diese Höhle im "Alten Mann" erreicht, eine kleine Anhöhe oberhalb des Wasserspiegels, waren wir so kaputt, dass wir uns einfach fallen ließen. Die Erschöpfung war zu groß. Wir hatten uns ja ständig den Fluten entgegen vorangekämpft. Immerhin waren wir nun also vorerst dem Wasser entkommen. Während wir versuchten uns zu erholen, stiegen jedoch die Fluten weiter an. So hoch, dass das Wasser den Eingang versperrte - und damit die letzte Fluchtmöglichkeit nach hinten.

Grubenunglueck und Wunder von Lengede im Oktober/November 1963. (Rechte: picture-alliance / Sven Simon)

Bergleute lassen eine Rettungskapsel in das Bohrloch.

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PW: In dieser Höhle blieben Sie dann die kommenden Tage. Wie konnten Sie die Situation ertragen? Worüber haben Sie mit den Bergleuten gesprochen?

AH: Immer wieder haben wir gerufen und geklopft. Wir konnten die Hoffnung nicht aufgeben - ich erst recht nicht, wollte ich mich doch verloben! Die Stunden und Tage vergingen irgendwie - wir hatten das Gefühl für Zeit inzwischen völlig verloren. Auf einmal fing einer an zu brüllen. Was war los? Von oben kam Wasser. Ich dachte, jetzt ertrinken wir. Einer griff mit der Hand in die Luft und erwischte ein Metall. "Die bohren nach uns!" War das nun echt? Oder Phantasie? Von einer Sekunde auf die andere schlug mein Herz doppelt so schnell. "Wir müssen Klopfzeichen geben." Einer hatte ein Messer, mit dem schlug er dreimal an. Keine Rückmeldung. Dann wurde das Rohr wieder nach oben gezogen. Wir brüllten hinterher. Haben die uns gehört? Alle waren zutiefst verzweifelt. Die Zeit schien endlos langsam zu vergehen. Nach einer gefühlten Ewigkeit hörten wir Geräusche aus dem Rohr.

PW: An der Oberfläche hat man die Klopfzeichen Gott sei Dank gehört. Durch das Rohr wurde eine Taschenlampe mit einem Zettel heruntergelassen. Wie haben Sie und die anderen auf diesen "Lichtblick" reagiert?

AH: Einer sagte später: "Das war wie Weihnachten und Ostern auf einmal." Ich dankte Gott, dass er mir ein neues Leben schenkte. Auf dem Zettel an der Taschenlampe stand: "Wie viele seid ihr?" Wir schrieben: "10 Mann, wir haben Durst und Hunger, schickt uns Zigaretten!" Danach kam Tee, vermutlich mit Beruhigungsmittel. Wir mussten warten, bis der endgültige Rettungsschacht gebohrt war. 900 Leute an der Oberfläche arbeiteten Tag und Nacht, um die Bergung voranzutreiben. Dann stockte die Rettungsbohrung: Bis 40 Meter Tiefe konnte der Bohrer per Wasserspülung betrieben werden.

Aus Sicherheitsgründen mussten die Bohrmeister ab dieser Tiefe Luft verwenden - es fehlte aber ein ausreichend starker Kompressor! Hilfe kam aus Belgien: Dort wurde gerade ein geeignetes Gerät fertiggestellt. Es war noch nicht einmal getestet - egal! Die Leute haben Sonderschichten eingelegt, Autobahnen wurden gesperrt, nur damit dieser Zug mit dem neuen Kompressor schnellstmöglich durchkam. Und dann endlich, nach 14 Tagen, stieß die Bohrkrone zu uns durch. Per Mikrofonanlage kam die erlösende Durchsage: "Wolter, bitte melden."

Lengede, 7.11.1963. Sanitäter im niedersächsischen Ort, die einen der elf geretteten Bergleute ins Freie tragen. (Rechte: dpa)

Nach 14 Tagen wurden elf Menschen lebend aus 60 Metern Tiefe geborgen.

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PW: Wie kamen Sie dann an die Oberfläche?

AH: Zunächst wurden zwei Steiger nach unten befördert. Sie haben uns geholfen, denn wir waren ja total am Ende. Man hat uns in einer "Dahlbusch-Bombe" gerettet, eine Kapsel, die im Rohr heruntergelassen wird. Darin kann eine Person Platz nehmen. Ich durfte als Vierter hoch. Ein unglaubliches Gefühl. Während ich nach oben gezogen wurde, wurde mir schlagartig klar: Die Verlobung klappt! Ich habe Gott gedankt. Oben angekommen habe ich erst mal eine Sonnenbrille aufgesetzt bekommen. Nach zwei Wochen Finsternis ist Tageslicht unglaublich grell. Und dann durfte ich meine Freundin sehen.

PW: Sind Sie danach jemals wieder in ein Bergwerk gefahren?

AH: Nein. Ich habe auch nicht mehr in engen Räumen gearbeitet. Eine Zeit lang war ich ausgefallen, dann wurde ich Elektromeister und habe später eine ganze Werkstatt übernommen.

Ein Foto von seiner Rettung als einer der elf Überlebenden des Grubenunglücks von Lengede zeigt der 55 Jahre alte Adolf Herbst am Montag (27.07.98) in Hannover. (Rechte: dpa)

Adolf Herbst 35 Jahre nach dem Grubenunglück.

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PW: Was geht in Ihnen vor, wenn Sie heute die Bilder vom Unglück sehen?

AH: Dasselbe, was jedes Jahr in mir vorgeht, wenn ich meinen "zweiten Geburtstag" am 7. November, dem Tag der Rettung, feiere: Die Emotionen sind sofort wieder da, die unglaubliche Atmosphäre in unserem "Gefängnis" unter Tage, die nicht enden wollenden Sekunden, Minuten, Stunden und Tage voller gemischter Gefühle. Die Hoffnung hat mich am Leben gehalten. Und es hat sich gelohnt. Mit meiner damaligen Verlobten bin ich bis heute verheiratet.

PW: Herzlichen Dank für das bewegende Interview.

Philip Häusser, Stand vom 03.07.2012
Sendung: Abenteuer Bergwerk - Harte Arbeit unter Tage, 19.11.2012

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