Die Halligflut von 1825
Von tosendem Wasser umgeben
"Der Flutkalender zeigte für zwölf Uhr Mitternacht Hochwasser an. Die alte Standuhr hatte aber erst acht geschlagen. Da glaubte mein Vater bereits das Klatschen der Flut am Fuße der Warf zu hören. Er stand daher auf, nahm seine Mütze vom Nagel und ging vor die Tür, um nach dem Wasser zu sehen. Kaum hatte er aber Umschau gehalten, als er mit bleichem Antlitz wieder hereinkam und mit tiefster Stimme sagte: 'Es gibt eine hohe Flut. In vier Stunden kann das Wasser noch steigen, jetzt ist es schon am Fuß der Warf.' Darauf schickte sich mein Vater an, wie er bei Unwetter stets zu tun pflegte, das Feuer zu löschen. Er tat dies, um zur Wassersnot nicht auch noch einer Feuersnot ausgesetzt zu werden. Dann füllten die Männer Säcke mit Sand und legten diese vor die Türen, damit die höher steigende Flut die Türen nicht einschlagen möchte. Gespannt und voller Angst saß man beisammen und beobachtete das ansteigende Wasser.
Die Flut stieg immer höher und höher. Um neun Uhr spritzte die Gischt bereits an die Fenster, noch eine halbe Stunde, da schlugen die Wellen bereits an die Haustür. 'Mutter, was wird werden', klagte mein Vater, 'wenn das Wasser so zu steigen anhält, wird es unser Haus mit allem fortspülen? Wir wollen dich mitsamt der Kleinsten auf die große Heumiete betten, die im Osten im Schutze des Hauses steht, die Miete hat sich gut gesetzt und steht fest und sicher, und sie wird länger als die Mauern des Hauses der Flut standhalten.'
So geschah es dann, Mutter in warme Decken, den Säugling in Bettzeug gewickelt, wurden alle auf die Heumiete gebracht. Was für schauerliche Stunden wir dort verbrachten, vermag sich jeder wohl auszudenken. Immer höher steigt die Flut, das Angstgebrüll der Tiere im Stall wird übertönt von dem Gebrüll der wilden Wasserwogen, die unser Haus zu vernichten drohen. Schon ist das Wasser durch die Türspalten ins Haus gedrungen. Da, gegen zehn Uhr, wälzt sich eine wuchtige Sturzwelle heran. Sie schlägt die Westmauer ein und zertrümmert alle Sachen im Pesel und wirft sich mit lautem Gepolter gegen die Scheerwand und die Tür der Vorstube. (Anmerkung: Der Pesel ist die gute Stube in alten Friesenhäusern).
Noch stehen die anderen Mauern und das auf Ständern gebaute Dachgeschoss, aber wie lange wird es dauern, bis auch die anderen Mauern einstürzen? Die einzige Hoffnung setzen alle darauf, dass die Ständer dem Anprall standhalten und das Dachgeschoss stehen bleibt. Mein Vater reißt uns Kinder aus dem Bett und will uns auf den Heuboden tragen. Bevor er ihn aber erreicht, wälzt sich eine zweite Sturzsee heran, schlägt die Südermauer, die Scheerwand und die Bodentreppe weg und wirft alles Hausgerät durcheinander. Mein Vater kommt zu Fall, meine Schwester Anna entgleitet seinen Armen und treibt im Wasser. Aber Sönke Petersen ist hinzugesprungen und hat die bereits Ohnmächtige gepackt. Dem jungen Matrosen als dem Gewandtesten gelingt es auch zuerst, auf den Boden zu gelangen, er hilft nun auch den anderen hinauf und so sind wir bald oben geborgen. Uns Kindern werden die nassen Kleider ausgezogen und gegen trockene gewechselt, die vorher auf den Boden gebracht waren. Nachdem man Füße und Hände der immer noch ohnmächtigen Anna längere Zeit kräftig gerieben hatte, schlug sie wieder die Augen auf.
Noch hat die Flut ihren Höhepunkt nicht erreicht. Da donnert eine dritte, gleich hinterher eine vierte Sturzsee heran. Das Gebrüll der Tiere verstummt, sie sind alle verendet bis auf ein Pferd, das hoch auf den Hinterbeinen gerichtet, mit den Vorderfüßen auf einer einge¬stürzten Mauer steht, und bis auf eine Kuh, die durch die Trümmer des Hauses Schutz gefunden hat und so am Leben geblieben war. Obgleich der Dachstuhl krachte und schwankte und Teile des Strohdaches von der Gewalt des Windes fortgerissen waren, hielt er doch noch, eben Dank der Heubelastung, mit der er versehen war.
Gegen elf Uhr konnte man wahrnehmen, dass die Flut zum Stehen gekommen war und allmählich wieder zurückging. Um zwei Uhr war das Wasser soweit zurückgetreten, dass die Männer sich vom Boden wagen und das Zerstörungswerk ansehen konnten. Ein schreckliches Bild bot sich den Augen dar: Alle Mauern des Hauses waren eingeschlagen, alle Hausstandssachen weggeschwemmt, sämtliche Schafe ertrunken, desgleichen alle Kühe, bis auf eine. Drei Pferde waren umgekommen; doch wir Menschen hatten das Leben behalten dürfen. Es hatte uns weniger hart getroffen als die Bewohner anderer Halligen, von denen viele in der Sturmflut dieser fürchterlichen Nacht umkamen.
Vater hatte schon rechtzeitig einige Krüge Wasser und einige Brote auf den Boden gebracht. Das war das einzige, was uns außer der wenigen Milch von der am Leben gebliebenen Kuh an Nahrungs¬mitteln zur Verfügung stand. Nachdem es Tag geworden, machten sich die Männer daran, das Strohdach notdürftig zu dichten, und wir richteten uns auf dem Dachboden so gut ein als es eben ging. Es war nicht möglich, Feuer anzuzünden, um etwas Wasser zu kochen. Bei Wasser und Brot mussten wir aushalten. Ein großes Glück war es, dass doch die eine Kuh am Leben geblieben war und etwas warme Milch lieferte.
Drei Tage mussten wir auf der Hallig bleiben, bevor der Sturm sich völlig gelegt hatte und wir die gefährliche Reise über das Watt nach dem Festland antreten konnten. Auf halbem Wege kamen Männer vom Festland uns schon entgegen, um uns auf dem mühevollen Weg behilflich zu sein. In Leck fanden wir bei Verwandten und Bekannten zunächst freundliche Aufnahme.
Viel war uns in der Schreckensnacht genommen, doch überall fanden wir willige Geber, die die schweren Verluste, die denen von der Sturmflut zugefügt waren, mittragen helfen wollten. Von diesen ein¬gegangenen Spenden wurde auch meinem Vater eine Summe zum Wiederaufbau seines Hauses und zur Wiederbeschaffung der erforderlichen Hausstandssachen und des nötigen Viehes zur Fortsetzung des Betriebes überwiesen. Ende Mai siedelten wir mit frischem Mut und Gottvertrauen wieder nach der Hallig über."
Aus:
Hans-Jürgen Rapsch, Hanz Dieter Niemeyer, Klaas-Heinrich Peters:
Wider den blanken Hans. Der Kampf an der Nordsee um Leib und Leben.
Wachholtz Verlag 2006. S. 53/54.
Aufzeichnung: Christina Lüdeke, Stand vom 01.06.2009







