Die Inseln als Krimi-Schauplatz
Tod der Sanddornkönigin - Wencke Tydmers ermittelt
"Die frühe Sonne, mit deren Licht ich meinen Weg durch die Dünen gefunden hatte, war nun hell genug, um wie eine Ahnung die Farbe ihres Haares erkennen zu lassen. Es hatte sich theatralisch in den schwarzen Dornen des Sanddornstrauches verfangen und war orangerot wie dessen Früchte. Es sah so schön aus, wie sie da lag. Man hätte fast denken können, ich hätte einen Ritualmord begangen." (aus: "Die Sanddornkönigin" von Sandra Lüpkes)
Wer ist der Mörder der schönen Sanddornkönigin? Das muss Kriminalkommissarin Wencke Tydmers aus Aurich herausfinden, auch wenn sie wenig begeistert ist über ihren Einsatz auf der fast menschenleeren Insel im Winter. Eine "Einöde, die einem das Gefühl gab, das Leben auf Juist sei für ein paar Monate einfach ausradiert worden" - so erlebt sie das Dorf.
Ihre Ermittlungen führen sie vor allem ins "Dünenschloss" - ein imposantes weißes Hotelgebäude, in dem Juist-Kenner das reale "Strandhotel Kurhaus Juist" wieder erkennen werden. Mit detaillierten Beschreibungen von Gebäuden oder Landschaft hält sich die auf der Insel lebende Autorin Sandra Lüpkes ansonsten eher zurück. Durch die Augen ihrer Kommissarin Tydmers erhält der Leser aber einen Eindruck von der ganz speziellen Atmosphäre auf der Insel, wenn die Bewohner unter sich sind. "Die Häuser stehen dicht an dicht; jeder weiß von jedem das kleine Geheimnis, die Leiche im Keller. Ich finde das total inspirierend. Ich könnte hier keinen Liebesroman schreiben" - so erklärt Lüpkes, warum sie auf ihrer Insel ausgerechnet Krimis verfasst.
Krimiautorin Antje Friedrichs
Mord auf Langeoog - ein Fall für Onno Tjaden
Auch auf der Insel Langeoog geschehen seltsame Dinge: Ein Erpresser droht, Lebensmittel zu vergiften. In den Strandkörben werden tote Möwen und Spritzen deponiert, der bekannte Literaturkritiker Bodo Bogatzki wird bei einer Lesung ermordet. In Antje Friedrichs Inselkrimi "Letzte Lesung Langeoog" ermittelt Hauptkommissar Onno Tjaden, der aus Wittmund herbeieilt, um den Fall zu lösen:
"Tjaden stand an Deck und biss in eine Bockwurst, dass es knackte. Sie war saftig wie immer und der Senf extrascharf. Immer wenn er quer übers Wattenmeer nach Langeoog fuhr, musste er eine Bockwurst mit Senf essen, das gehörte einfach dazu, ohne die lief gar nichts." (aus: "Letzte Lesung Langeoog" von Antje Friedrichs)
Angefangen bei der obligatorischen Bockwurst auf der Fähre über die Fahrradtour zum Lokal "Meierei" am Ostende der Insel bis hin zum Besuch der Straßencafés in der Barkhausenstraße - Tjadens Wege bei den Ermittlungen dürften beim Großteil der Leser nostalgische Erinnerungen an den letzten Langeoog-Urlaub wecken. Kein Wunder: Schließlich hat Autorin Antje Friedrichs ihre Ferien seit ihrer Kindheit immer wieder auf Langeoog verbracht. Die Idee zum Schreiben soll ihr 1998 gekommen sein, als sie auf Langeoog keinen Krimi mehr auftreiben konnte, den sie nicht schon kannte.
Greift man dann noch zu Werken wie "Letzter Törn nach Spiekeroog" vom "Meister des Friesenkrimis" Theodor J. Reisdorf, zum "Reizklima Borkum", verfasst von der schreibenden Hausfrau Angelika Preußer, oder zu Ulrich Hefners "Der Tod kommt in Schwarz-Lila", in dem es um den Mord an einem Vogelfotografen in den Dünen der Insel Wangerooge geht, dann gewinnt man schnell den Eindruck: Auf allen Ostfriesischen Inseln wird regelmäßig gemeuchelt und gemordet.
Genug Lesestoff also für alle, die den Sommer am liebsten mit Krimi im Strandkorb auf ihrer Lieblingsinsel verbringen. Doch geht es auch in Wirklichkeit so kriminell zu auf den idyllisch scheinenden Inseln?
Ein Paradies für Verbrecher? - Ein Kriminalhauptkommissar berichtet
Auf den Inseln sind die Polizisten zu Pferd oder mit dem Fahrrad unterwegs. Passieren handfeste Verbrechen, dann sind die Kollegen vom Festland zuständig, wie zum Beispiel Kriminalhauptkommissar Gerhard de Boer, Leiter des 1. Fachkommissariates Aurich. In dessen Bereich fallen die Inseln Juist, Norderney und Baltrum. De Boer - Jahrgang 1956 - ist seit über 30 Jahren berufstätig. Wir haben mit ihm über seinen Arbeitsalltag gesprochen:
Planet Wissen (PW): Herr de Boer, Ihre Kollegen aus den Romanen haben ja auf den Inseln allerhand zu tun - haben Sie einige der Nordsee-Krimis gelesen?
Gerhard De Boer (D.B.): Ich habe einige gelesen, aber die Häufigkeit, mit der in diesen Romanen Kriminalfälle dargestellt werden, die können wir beim besten Willen in der Realität so nicht feststellen.
PW: Kann man denn tatsächlich von einer trügerischen Inselidylle sprechen?
D.B.: Nein, absolut nicht. Die Inseln sind in der Hinsicht schon eine heile Welt. Das heißt nicht, dass da nicht hin und wieder etwas passiert. Straftaten gibt es dort auch, aber so viele Mordfälle wie es in den Romanen dargestellt wird, gibt es dort nicht. Es hat sicherlich in der Vergangenheit auch Tötungsdelikte gegeben, aber eine signifikante Häufung gegenüber dem Festland gibt es nicht.
PW: Was sind denn so die gängigen kleineren Delikte, die dann von den Inselpolizisten verfolgt werden?
D.B.: Das geht über die gesamte Bandbreite, da kommt es hin und wieder mal zu einem Sexualdelikt, ansonsten werden sich die Kollegen mit Diebstahl, allen Arten von Eigentumsdelikten, sicher auch mal mit einer Körperverletzung oder einer Sachbeschädigung beschäftigen müssen. Das ist aber auch von Insel zu Insel unterschiedlich. Es hängt davon ab, wie stark die Inseln besucht sind. Es gibt wirklich ostfriesische Inseln, das sind kleine Inseln der Glückseligkeit, wenn man so will. Dort werden Polizisten im Grunde nur noch beschäftigt, um Polizei auf der Insel zu haben. Vollkommen ausgelastet sind diese Beamten dort vor Ort sicher nicht, zumindest was die Kriminalität angeht.
PW: Gab es in den letzten Jahren denn tatsächlich mal einen Mord auf den Inseln?
D.B.: Einen Fall auf der Insel Borkum im Sommer 1992 habe ich selbst mitbearbeitet. Da sind seinerzeit drei Täter vom Festland auf die Insel gefahren, um dort einen Hotelier zu berauben. Möglicherweise war es nicht beabsichtigt gewesen, aber sie haben dabei ihr Opfer getötet. Der Mann wurde am nächsten Tag tot in seinem Büro gefunden, der Tresor war ausgeräumt, und es hat dann einige Monate Ermittlungen gebraucht, bis wir die Täter dingfest machen konnten.
PW: Wie sieht so eine Ermittlungsarbeit aus? Ist das nicht leichter dadurch, dass man weiß, wer die Insel betritt und wer sie verlässt?
D.B.: Das kann in gewissen Situationen hilfreich sein, das war auch der Fall in dieser Mordsache, die ich erwähnte. Wir haben dort gleich nach der Tat Passagierlisten anfertigen lassen. Anhand dieser Listen haben wir später Hinweise auf die Täter erhalten. Die Insellage hat auch Vorteile, man kommt nur mit der Fähre oder mit dem Flugzeug weg, das Auto steht den Tätern nicht zur Verfügung. Darüber hinaus ist die Arbeit für uns aber auch schwieriger, weil die Dienststellen, die Tötungsdelikte oder andere schwere Delikte bearbeiten, hier auf dem Festland sind. Wir müssen also erst mal reisen, das heißt, auf die Insel fahren und uns dort auf der Insel einquartieren oder täglich mit der Fähre fahren.
PW: Dieser Punkt aus den Krimis stimmt also: Der Kommissar muss vom Festland kommen und wohnt dann in einer der Inselpensionen und klärt das Verbrechen auf?
D.B.: Ja, so wie man das aus dem "Tatort" kennt, wenn Stöver und Brocki nach Neuwerk fahren, um dort einen Mord zu bearbeiten. Das passt sicher schon in die Realität, wenn es dann mal passiert.
Britta Schwanenberg, Annette Holtmeyer, Stand vom 14.05.2009







