Ist das Wattenmeer der größte Nationalpark Mitteleuropas?
Hat sich dieses Niemandsland zwischen Meer und Düne überhaupt den Namen Nationalpark verdient? Da, wo man mit jedem Schritt versumpft, und der klatschnasse Matschboden ein einziges Schmatzen und Gurgeln in sich birgt - vorausgesetzt, das Wasser hat sich zurückgezogen und überhaupt den Weg freigemacht? Der Laie nimmt erst einmal nur eklige, wabbelige Quallen wahr, erkennt vielleicht noch die Spuren von Wattwürmern, die sich wie labyrinthartige Rohrleitungen durch die feucht-sandige Oberfläche ziehen.
Wie kann ein Terrain, das man eigentlich mit der Lupe erforschen muss, weil sich auf einem einzigen Quadratmeter Fläche bis zu 100.000 Individuen wie millimeterkleine Wattschnecken, Winzwürmer und Algen tummeln, der größte Nationalpark Mitteleuropas sein?
Tatsache ist, dass das Wattenmeer vor Sylt im Jahr 2002 von der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation IMO zum besonders empfindlichen Meeresgebiet erklärt wurde. Weltweit gilt das nur für fünf Regionen, darunter das australische Barrier Reef und die Florida Keys in den USA. Durch die intensive Nutzung der Nordsee durch Industrie und Tourismus sind Wattbewohner wie Kegelrobben, Seehunde, Schweinswale und rund drei Millionen Vögel einer ständigen Gefahr ausgesetzt.
Hat sich der Wattwanderer erst einmal an den Anblick von Quallen und Würmern gewöhnt, erschließt sich ihm eine amphibische Wunderwelt: Rund 2500 Tier- und Pflanzenarten haben im zweimal täglich von der Nordsee überfluteten Marschland zwischen Sylt und der nordfriesischen Küste ihr Zuhause. Quallen sind nicht einfach durchsichtige, nichtsnutzige Puddinghaufen. Es gibt eine Vielzahl von Arten wie die gelbe Haarqualle oder die blaue Nesselqualle. Schlick- und Einsiedlerkrebse, Muscheln - auch Austern - und Garnelen leben ebenso in diesem biologisch hochproduktiven Lebensraum wie Moostierchen, Seesterne und Seepocken.
Das Sylter Watt ist Teil des 1985 gegründeten Nationalparks Schleswig Holsteinisches Wattenmeer. Das Gebiet zwischen der deutsch-dänischen Grenze und der Elbemündung umfasst 441.000 Hektar Fläche und ist somit nicht nur der größte der 14 deutschen Nationalparks, sondern auch der größte in Mitteleuropa. Und die dänischen, deutschen und niederländischen Wattenmeere bilden sogar die größte zusammenhängende Wattenlandschaft der Erde.
Beatrix von Kalben, Stand vom 01.09.2009






