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Rügen

Die größte Insel Deutschlands bietet eine einmalige Naturlandschaft und eine reiche Kultur. Das Kernland mit seinen Halbinseln und Landzungen ist geprägt von sanften Hügellandschaften, uralten Wäldern und schroffen weißen Felsen an Steilküsten. Seit Jahrhunderten zieht Rügen Maler und Schriftsteller an, Architekten haben prächtige Schlösser und Villen erbaut. Ein Streifzug durch die Geschichte zeigt, wie sich das Gesicht der Insel über die Jahrtausende entwickelt hat.

Landschaft mit blühenden Rapsfeldern und Meer auf Rügen. (Rechte: WDR/MEV)

Blühende Rapsfelder auf Rügen

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Kreide-Insel aus Muschelschalen und Sand

Tiergehäuse, Schalen und Kalkplättchen türmen sich vor rund 70 Millionen Jahren zu einer bis zu 500 Meter dicken Kalkschicht auf. Unzählige Muscheln, Seeigel, Kalkalgen und andere Meeresbewohner tragen dazu bei. Heute liegt der Kalk tief unter dem Geröll und Sand der letzten Eiszeit vergraben, teilweise bis zu 40 Meter unter der Inseloberfläche. Nur an einer Stelle kommt der Kalk zum Vorschein - an den Kreidefelsen im Norden von Rügen.

Zwischen grünen Bäumen schauen weiße Kreidefelsen hervor. Sie bilden ein Steilufer an der offenen See. (Rechte: dpa)

Kreidefelsen auf Jasmund im Norden

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Vor rund zwei Millionen Jahren schiebt sich ein mächtiger Eispanzer, ein bis zu drei Kilometer dicker Gletscher, von Norden über die Kalkablagerungen der späteren Insel. Er drückt sie zusammen und reibt sie ab. Aus den skandinavischen Gebirgen schleift er Gestein mit sich. Unter seinem enormen Gewicht zermahlt er es zu Geröll, Kies und Sand. Tausende Jahre später zieht sich der Eispanzer zurück und hinterlässt Berge von Schutt - die Oberfläche Rügens.

Schmelzwasser des Eiszeit-Gletschers füllt das Ostseebecken mit Wasser. Die Insel Rügen bildet sich. Brandungswellen brechen die höher aufragenden Ufer ab, eine Steilküste entsteht. In den seichten Buchten der Insel wird Sand angeschwemmt. Dieser Prozess findet heute noch statt: Jedes Jahr schrumpft die Insel an den Steilküsten im Norden, in flachen Gebieten landet Sand an, jeweils ein bis zwei Meter im Jahr.

Ein Leuchtturm und ein Erdwall befinden sich auf einer Kreide-Steilküste. Im Vordergrund ist das Meer zu sehen. (Rechte: dpa)

Am Kap Arkona gibt es noch Spuren der Slawen

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Burgen und Statuen für die Götter

Slawen, die zum kriegerischen Stamm der Ranen gehören, ziehen im sechsten Jahrhundert nach Rügen. Sie errichten dort zahlreiche Wallburgen als Festung, Wohnort und Anbetungsstätte ihrer Götter. Nahe Garz, im Süden der Insel, huldigen sie unter anderem dem fünfköpfigen Donnergott Porevit. Einen Tempel auf der Halbinsel Jasmund weihen sie dem Siegesgott Tjarnaglofi. Zum wichtigsten religiösen Ort für Slawen westlich der Oder wird die Jaromarsburg am Kap Arkona im Norden.

Die Ranen beten am Kap Arkona ihren bedeutendsten Gott Swantevit an. Aus einem Eichenstamm hauen sie eine acht Meter hohe Statue. Die vier Köpfe des Gottes sehen in alle Himmelsrichtungen. Der dänische Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus schreibt in seiner "Historica Danicae" über die Statue: "In der Rechten hielt die Figur ein Trinkhorn, aus verschiedenen Metallen gebildet. Das hat der Priester jedes Jahr mit Met gefüllt und weissagt aus dem, was im Laufe des Jahres verschwunden ist, auf die kommende Ernte."

Im 12. Jahrhundert beenden Dänen die 700 Jahre dauernde Götterverehrung der slawischen Ranen. Sie stürmen die Burg, zerstören die Swantevit-Statue und christianisieren den slawischen Stamm innerhalb weniger Jahrzehnte. Übrig geblieben sind bis heute Reste der Wallburgen Charenza bei Garz, Rugard bei Bergen und die Jaromarsburg am Kap Arkona. Von einer Aussichtsplattform kann man die 13 Meter hohen Erdwälle der Jaromarsburg sehen.

Auf der ersten Seite eines vergilbten Buches ist der Titel 'Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen' in altdeutscher Schrift zu lesen. (Rechte: Ernst-Moritz-Arndt-Museum)

Originalbuch "Geschichte der Leibeigenschaft"

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Leibeigene

Die "Bauern- und Schäferordnung" setzt 1616 die traditionelle Leibeigenschaft von Bauern per Gesetz fest. Auch die Rügener Bauern verlieren ihr Recht an Haus und Äckern, sie müssen für ihre "Leibherren" Dienste verrichten und Abgaben leisten. 1803 sorgt der Autor Ernst Moritz Arndt mit seiner Schrift "Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen" für Unruhe: Unverhohlen beschreibt und prangert der Rüganer die Leibeigenschaft an. Sein Vater selbst war kurz vor seiner Geburt aus der Leibeigenschaft entlassen worden.

Einen Höhepunkt der Leibeigenschaft bildet das "Bauernlegen", ein Dazu-"legen" von Bauernland. Um ihre Ländereien zu vergrößern, zerstören Gutsherren Dörfer. Ernst Moritz Arndt berichtet, dass manche mit ganzen Dörfern untereinander Handel treiben. "Dies veranlasste an manchen Stellen förmliche Bauernaufstände, welche durch Soldatenentsendung und Einkerkerung gedämpft werden mussten. Auch wurden, wie es munkelte, einzelne böse Edelleute und Pächter gelegentlich wie Tiberius durch nächtliche Überfälle unter Kissen erstickt."

Nur sehr wenigen Bauern gelingt es, sich aus der Leibeigenschaft "loszukaufen".
Präpositus Picht, Pastor in Gingst, bekommt 1774 als Erster die Erlaubnis, die Leibeigenschaft in seiner Pfarrei aufzuheben. Sieben Jahre später sind von 21.000 Rüganern 6000 freie Bürger. Historiker nehmen an, dass die Schrift Ernst Moritz Arndts von 1803 den schwedischen König Gustav IV. Adolf beeinflusst. Drei Jahre später hebt die schwedische Krone, unter dessen Herrschaft Rügen seit Mitte des 17. Jahrhunderts steht, die Leibeigenschaft auf.

Urlaubsparadies der Nazis

Eines der größten Propaganda-Bauwerke in Deutschland entsteht auf Rügen. Im Osten der Insel, in der Bucht von Prora, will Hitler ein riesiges Seebad errichten, in dem 20.000 Deutsche gleichzeitig Urlaub machen können. Im Rekordtempo ziehen Baufirmen den Rohbau hoch. Mit Beginn des Krieges werden die Bauarbeiten abrupt eingestellt, die Arbeiter werden für den Bau eines Raketentestgeländes auf der Nachbarinsel Usedom gebraucht.

Heute erinnert ein riesiges graues Betongerippe an Hitlers Seebad-Vision. Über vier Kilometer zieht es sich zwischen Sandstrand und Kiefern an der Bucht von Prora entlang. Teilweise liegt der Bau in Ruinen, in anderen Gebäudeteilen sind die Fensterscheiben zerbrochen oder mit Brettern zugenagelt. Museen informieren in der Anlage über die Geschichte von Prora.

An einem Sandstrand sitzen Menschen in Strandkörben. Im Hintergrund steht ein weißes Haus mit roten Türmen auf Stelzen im Wasser. (Rechte: dpa)

Die Seebrücke Sellin strahlt in neuem Glanz

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Vor und nach der Wende ein Touristenmagnet

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehört Rügen zur DDR. Die Regierung beabsichtigt, Rügen zum Ferienort für die Arbeiterklasse zu machen. Sie enteignet Gutsbesitzer, Hoteliers und Pensionsbesitzer und übergibt deren Häuser an staatliche Unternehmen sowie Gewerkschaften. Diese nutzen Ende der 50er Jahre die Bauten als Betriebs- und Gewerkschafts-Ferienheime. Zeltplätze und Jugendlager werden errichtet. Über 300.000 Urlauber besuchen in den 60er Jahren Rügen.

Zur Wende knickt die Wirtschaft ein, 30 Prozent der Rüganer stehen ohne Arbeit da. Die Ferienhäuser des ehemaligen Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes stehen leer, DDR-Bürger suchen nach Ferienzielen jenseits der gefallenen Grenzen. Westdeutsche fordern für ihren Urlaub einen höheren Standard, den Rügen zu diesem Zeitpunkt nicht bietet. Zunächst lähmt eine Klagewelle enteigneter Guts- und Hausbesitzer Unternehmer, die in die Insel investieren wollen. Aber ab 1991 steigen die Besucherzahlen wieder an. Verfallene Strandvillen aus dem 19. oder 20. Jahrhundert werden in den 90er Jahren wieder aufgebaut und ganze Orte renoviert. Seit Ende der 90er Jahre besuchen jährlich ungefähr 900.000 Touristen die größte Insel Deutschlands.

Anke Seesing, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Lebensraum Ostsee - Von Steinzeitsiedlern und Boddenfischern, 13.03.2009

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