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Zeitreise durch Warschau

Ein Spaziergang durch Warschau wirkt wie ein Streifzug durch die Jahrhunderte. Von der malerischen Altstadt führt der Weg vorbei an Palais und Prunkbauten verschiedener Epochen hin zu den Imponierwerken der kommunistischen Ära und den Glaspalästen der Moderne. Das Faszinierende daran: Kaum eines der Gebäude ist so alt, wie es erscheint. Fast alle wurden erst nach Kriegsende errichtet.

Ein Platz mit einer Häuserzeile mit bunten Häusern. Auf dem Platz eine Pferdekutsche und Künstler, die ihre Bilder anbieten. (Rechte: dpa)

Als wäre die Zeit stehen geblieben: die Altstadt von Warschau

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Die jüngste Altstadt Europas

Der Legende nach war es eine Nixe, die dem Liebespaar Wars und Zawa den Befehl gab: "Erbaut eine Stadt!" Wars und Zawa taten, wie man ihnen geheißen hatte und gaben der neuen Stadt den Namen Warszawa, auf Deutsch Warschau. Auf dem Stadtwappen der heutigen polnischen Hauptstadt ist diese Nixe abgebildet. Eine barbusige Frau mit Fischschwanz. Wehrhaft gibt sich die Stadtmutter: In der einen Hand trägt sie einen Schild, in der anderen ein Schwert. Es ist, als hätte sie die Geschichte Warschaus vorausgeahnt, die geprägt war von Eroberung, Aufständen und Zerstörung. Zugleich steht die gut bewaffnete Frau für den ausgeprägten Kampfgeist der Warschauer. Warschau war und ist eine streitbare politische Stadt, bereit zum Widerstand gegen zaristische Willkür ebenso wie gegen nationalsozialistische oder kommunistische Unterdrückung.

Ein schmiedeeisernes Schild vor einem Restaurant, auf der Halterung sitzt ein schmiedeeiserner Drache. (Rechte: Katrin Lankers)

Auf nostalgische Atmosphäre wird Wert gelegt

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Wir beginnen unseren Spaziergang, wie die meisten Touristen, in der Altstadt, der "Stare Miasto". Die Unesco hat das gesamte Stadtviertel 1980 zum Weltkulturerbe erklärt. Schon nach wenigen Schritten haben wir den Eindruck, in der Vergangenheit gelandet zu sein. Nostalgische Straßenlaternen und geschwungene Ladenschilder, geschnitzte Türen, gewölbte Torbögen und gepflasterte Straßen. Reich verzierte Bürgerhäuser, barocke Wandmalereien, farbenfrohe Fassaden. Als wäre die Zeit vor einigen hundert Jahren stehen geblieben. Dabei sind all diese Häuser erst nach dem Zweiten Weltkrieg erbaut worden. Die Warschauer Altstadt ist die jüngste in ganz Europa - man sieht es nur nicht.

Blick durch ein beleuchtetes Schaufenster in eine Galerie, in der Bilder hängen. (Rechte: Katrin Lankers)

Kleine Galerien und Geschäfte finden sich in der Altstadt

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Dem Erdboden gleichgemacht

"Warschau soll dem Erdboden gleichgemacht werden!" So lautete 1944 der Befehl Heinrich Himmlers, dem Reichsführer der SS (Schutzstaffel). Und Wehrmacht und SS führten ihn vor ihrem Rückzug gewissenhaft aus. Warschau lag ohnehin am Boden. Weit über 700.000 Menschen, die Hälfte der Einwohner der Hauptstadt, waren während der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten ums Leben gekommen. Zwei Aufstände wurden von den Deutschen grausam niedergeschlagen: der Aufstand im Ghetto im April 1943 und der Warschauer Aufstand im August 1944. Schließlich legten die Soldaten die Stadt in Schutt und Asche. 80 Prozent der Häuser und Gebäude wurden dabei zerstört.

Entschlossen, ja fast trotzig begannen die Warschauer bereits 1945 damit, die Steine wieder aufeinander zu setzen. Zehntausende beteiligten sich freiwillig am Wiederaufbau der Altstadt und des Königsschlosses. Es ging ihnen längst nicht nur darum, die verlorene Pracht wieder herzustellen. Es ging ihnen darum, den Überlebenswillen ihres Volkes zu demonstrieren. Architekten und Stadtplaner orientierten sich bei ihrer Aufgabe vor allem an den Stadtpanoramen, die der italienische Maler Bernard Bellotto, genannt Canaletto, im 18. Jahrhundert geschaffen hatte. Malerisch wie einst war das ganze Viertel schon drei Jahrzehnte später wieder errichtet.

Wir bummeln durch die Altstadt-Gassen. Werfen einen Blick in die Schaufenster der zahlreichen Galerien. Kaufen in einem kleinen Schmuckladen Bernstein. Machen einen Zwischenstopp in einem der Cafés. Kuchen ist hier Meterware. Mit ein paar Brocken Polnisch und den Fingern versuchen wir der Verkäuferin zu erklären, wie viel sie vom Apfelkuchen abschneiden soll. Auf dem Altstädter Markt herrscht großes Getümmel. Künstler verkaufen auf der Straße ihre Arbeiten, unter den Sonnenschirmen der Cafés sitzen Touristen und Einheimische bei einem Kaffee, Pferdedroschken chauffieren Fußfaule über den Platz und durch die angrenzenden Sträßchen.

Ein Innenhof wird von beiden Seiten von einem mächtigen Schlossbau aus rotem Stein begrenzt. (Rechte: dpa)

In den 70er Jahren wieder aufgebaut: das Königsschloss

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Warschaus neue Welt

Aus den engen Gassen der Altstadt treten wir auf den weiten Schlossplatz. Vorbei am Königsschloss gehen wir weiter auf den Königsweg. Den einstigen Prachtboulevard für festliche Aufmärsche schmücken historische Bauwerke fast aller Jahrhunderte und Epochen. Verständlich erscheint es hier, dass Warschau in den 20er und 30er Jahren als das "Paris des Ostens" galt. Wir laufen vorbei an Palais und Prunkbauten. Vorbei an der Heiligkreuzkirche, in der Chopins Herz liegt, seit es aus Paris nach Warschau überführt wurde. Vorbei auch an der 1811 gegründeten Universität, der größten Hochschule in Polen. Dieser Abschnitt des Königswegs ist heute leider auch Hauptverkehrsstraße, unablässig strömen die Autos neben den Fußgängern her.

Erst Warschaus neue Welt, die "Novy Swiat", bietet etwas Erholung von Abgasen und Motorenlärm. Einst hatte sich hier der Hochadel niedergelassen, heute säumen schicke Bars, Designerläden und andere exklusive Geschäfte die Straße. Sehen und gesehen werden ist das Motto auf der Flaniermeile des modernen Warschau. Wer in die Nebenstraße blickt, entdeckt Warschau von einer ganz anderen, einfacheren Seite: eine "Cukiernia", also eine Konditorei, in einem Hinterhof, eine "Bar Mleczny", eine Milchbar, mit Hausmannskost für ein, zwei Euro. Weiter geradeaus führt der Königsweg zum Palast Wilanów. Etwa zehn Kilometer vom Zentrum entfernt liegt die Residenz, die zu den wertvollsten Barockbauten Polens zählt, in einem idyllischen Park. Der Trubel im Zentrum der 1,7-Millionen-Einwohner-Stadt ist hier ebenso wenig zu ahnen wie die graue Plattenbautristesse der Vorstädte.

Ein monumentales Gebäude aus dunkelgrauem Stein streckt seinen spitzen Turm in den Himmel, davor ein runder Anbau. (Rechte: Mauritius)

Protzige Erinnerung an Stalin: der Kulturpalast

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Der Kulturpalast: ungeliebtes Wahrzeichen

Wir aber biegen ab Richtung Kulturpalast. Mit seinen 232 Metern ist der Protzklotz aus den 1950er Jahren noch immer das höchste Gebäude der Stadt. Der Bau hat Millionen verschlungen. Angeblich handelte es sich dabei um ein Geschenk des sowjetischen Volkes, so zumindest lautete die politische Propaganda. In Wirklichkeit aber wurde er hauptsächlich vom polnischen Staat finanziert. Kein Wunder, dass der Wolkenkratzer im Zuckerbäckerstil nicht nur das ästhetische, sondern auch das nationale Empfinden vieler Polen stört und schnell seinen Spitznamen weghatte: "Stalins Phallus". Das ungeliebte Baudenkmal spielt dennoch eine wichtige Rolle im Kulturleben der Stadt: Es beherbergt Theater, Kinos, Ausstellungen, Konferenzsäle und Messen.

Aus einem weiteren Grund ist der Kulturpalast bei Touristen sehr beliebt: wegen seiner Aussichtsplattform. Mit dem Aufzug geht es hoch in die 30. Etage. Von dort aus genießen wir einen Rundblick auf die gesamte Stadt. Gläserne Hochhäuser machen dem Kulturpalast mittlerweile auf allen Seiten Konkurrenz. Ein riesiges Einkaufszentrum trägt die Werbeaufschriften internationaler Ketten. Auch das ist Warschau: modern, international und vor allem ständig in Bewegung.

Katrin Lankers, Stand vom 05.03.2012

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