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Die Lage Schlesiens

In den Ohren der jüngeren deutschen Generationen haben sie einen seltsam unvertrauten, wenn auch nicht fremden Klang: die Namen der ehemals deutschen Gebiete Ostpreußen, Westpreußen, Pommern, Kurmark, Böhmen und Schlesien. Es sind Gebiete, die früher einmal zu Deutschland gehörten. Früher, das war vor dem Zweiten Weltkrieg.

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Obwohl die ehemaligen deutschen Gebiete räumlich immer noch genau da liegen, wo sie sich immer befunden haben, umgab sie jahrzehntelang ein großes Tabu. Für viele Deutsche sind sie immer noch weiße Flecken auf der Landkarte. Zu viel Leid, zu viel Erinnerung an die Schrecken der letzten Kriegstage und der unmittelbaren Nachkriegszeit war für die Polen, Tschechen und Russen einerseits und die Deutschen andererseits mit diesen Orten verbunden.

Soldaten der Roten Armee marschieren in Berlin ein, Foto vom Mai 1945 (Rechte: AKG)

Einmarsch der Russen in Berlin

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Das Grauen war über die deutschen Ostgebiete in die angrenzenden Staaten eingefallen, als Hitler seinen ideologischen Vernichtungsfeldzug gegen die slawischen Völker begann, die er physisch, kulturell und geografisch auslöschen wollte. Doch die Verbrechen fielen auf die Deutschen zurück, als das Deutsche Reich im Osten unter dem Angriff der Roten Armee zusammenbrach und überrollt wurde. 20 Millionen Russen und sechs Millionen Polen hatten im Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren. Auf die Gnade des Siegers durften die Deutschen nicht hoffen.

 

Wo bitte, liegt Schlesien?

Schlesien - der Name ist geläufig, aber wo bitte, liegt Schlesien genau? Schlesien ist heute größtenteils polnisch. Der Norden und Nordwesten Schlesiens grenzen an die polnischen Kernlande. Im Süden bilden die Sudeten mit dem Riesengebirge die natürliche Grenze zur Tschechei. Ein kleiner Teil, der südliche Zipfel Schlesiens, das sogenannte Hultschiner Ländchen ist heute tschechisch. Im Westen grenzt Schlesien an die Oberlausitz, im Nordwesten an die Niederlausitz. Der westlichste Zipfel Schlesiens liegt auch heute noch in Deutschland, es ist der Teil Schlesiens, der westlich der Neiße verläuft.

Das ehemalige Teilstück der Provinz Niederschlesien liegt heute in Obersachsen und ist geografisch gesehen ein Teil der Oberlausitz. Auch die schlesische Stadt Görlitz war jahrzehntelang durch den Eisernen Vorhang geteilt: Görlitz liegt östlich und westlich der Neiße und ist daher heute sowohl deutsch als auch polnisch.

Unterzeichnung Hitler-Stalin-Paktes 1939: Die Unterzeichnung durch die Außenminister Joachim von Ribbentrop (Mitte) und Wjatscheslaw M. Molotow (links), rechts Jossif W. Stalin. (Rechte: AKG)

Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes 1939

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Abtrennung der deutschen Ostgebiete

Den ersten Grundstein für die Abtrennung der ostdeutschen Gebiete legten Hitler und Stalin im August 1939. In einem geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes teilten die beiden Diktatoren Polen für den damals beschlossenen Krieg wie einen Kuchen unter sich auf. Polen sollte nicht länger als eigener Staat existieren. Auch die baltischen Staaten, Bessarabien und Finnland wurden den jeweiligen Interessensphären der "Vertragspartner" zugeteilt.

Nachdem Deutschland besiegt worden war, musste es seinen Teil des annektierten polnischen Staatsgebietes wieder abtreten. Stalin, Führer der sowjetischen Siegermacht, dachte hingegen gar nicht daran, seinen Anteil Polens wieder herzugeben. Die übrigen Siegermächte lenkten ein, wollten Polen aber für die an Stalin verlorenen ostpolnischen Gebiete entschädigen, und so kam es zur sogenannten "Westverschiebung" der polnischen Grenze. Ostpolen fiel endgültig an Stalin und wurde der Sowjetunion einverleibt. Polen wurde dafür mit den ostdeutschen Gebieten "entschädigt". Deutschlands neue Ostgrenze verlief nun entlang der Flüsse Oder und Neiße. Ostpreußen, Pommern, die Kurmark und Schlesien, vorher reichsdeutsche Gebiete, wurden polnisch.

Ankommender Flüchtlingstreck in einer Ortschaft. (Rechte: AKG)

Systematische Vertreibung

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Vertreibung aus Schlesien

Die neuen Gemarkungen, die die Siegermächte auf ihren Kartentischen vereinbarten, führten zu unsäglichem Leid für die Menschen in den betroffenen Gebieten. Es kam zur doppelten Vertreibung. Etwa 1,7 Millionen Polen wurden aus ostpolnischen Gebieten der Russen vertrieben und in die deutschen Ostgebiete zwangsumgesiedelt. In den letzten Kriegstagen kam es zu ersten großen Flüchtlingswellen, als viele Deutsche Ostdeutschland aus Furcht vor der Roten Armee verließen. Die ehemaligen ostdeutschen Reichsgebiete wurden nach der deutschen Kapitulation unter sowjetische, schließlich unter polnische Verwaltung gestellt.

Zwischen 1945 und 1947 begannen die Polen, die zurückgebliebenen Deutschen systematisch zu vertreiben. Von 4,6 Millionen Einwohnern in Schlesien verloren 3,3 Millionen Deutsche ihre Heimat für immer. Oft innerhalb nur weniger Minuten mussten sie unter den Augen bewaffneter polnischer Milizen mit höchstens 20 Kilogramm Gepäck ihre Höfe und Häuser verlassen und in Viehwaggons eine Reise ins Ungewisse antreten, bis sie nach Wochen irgendwo im zerstörten Kerndeutschland abgeladen wurden. 400.000 Schlesier fielen unterwegs den Strapazen, Hunger, Krankheit und Gewalthandlungen zum Opfer. Etwa eine Million polnischstämmige Schlesier, die sogenannten Autochtonen - in den Augen der Polen nur oberflächlich germanisiert - blieben von der Vertreibung verschont.

Bundeskanzler Helmut Kohl mit dem polnischen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki auf einer Pressekonferenz am 08.11.1990 in Frankfurt an der Oder. (Rechte: dpa)

Deutsch-polnische Gespräche

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Deutsch-polnische Aussöhnung

Was Krieg, Flucht und Vertreibung an Zerwürfnissen zwischen den Anrainern verursacht hatten, das fror die Eiszeit des Kalten Krieges über vier Jahrzehnte hinweg ein. Der Status quo des Eisernen Vorhangs schuf neuerliche Ressentiments und einen unnatürlichen ideologischen Abstand, der eine Heilung durch Wiederaufarbeitung der Geschichte und die neuerliche Begegnung der Menschen nicht zuließ.

Erst nach der Wiedervereinigung Deutschlands erkannte die Bundesregierung am 14. November 1990 die bestehende deutsch-polnische Grenze völkerrechtlich an. Und am 17. Juni 1991 stellte der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag auch die Rechte der in Schlesien verbliebenen Deutschen auf ein neues Fundament. Sie dürfen sich von nun an offen zu ihren deutschen Wurzeln bekennen, die deutsche Sprache sprechen und sich in deutschen Kulturvereinen organisieren.

Das nach New York zweitgrößte deutsche Konsulat der Welt befindet sich übrigens in Breslau und setzt sich für die Rechte der rund 700.000 Mitglieder zählenden deutsch-schlesischen Minderheit ein. Hier haben sie die Möglichkeit, neben der bestehenden polnischen Staatsangehörigkeit auch den deutschen Pass zu beantragen, ein Recht, das bereits Hunderttausende in Anspruch genommen haben.

Gregor Delvaux de Fenffe, Stand vom 01.06.2009

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