Die Nelkenrevolution
Die Diktatur und die Kolonialkriege
Portugal war seit Jahrzehnten durch eine repressive Diktatur geschwächt. Präsident Antonio de Oliveira Salazar hatte seit seiner Machtübernahme im Jahr 1932 Portugal in eine internationale wirtschaftliche und politische Isolation geführt. In seinem "Estado Novo", seinem "neuen Staat" vereinte er die Macht und stützte sich auf ein System, dem die Großgrundbesitzer, die Militärs und einige einflussreiche Familien in der Wirtschaft angehörten. Die Diktatur duldete keinerlei politische Aktivität und das Volk sollte in Unmündigkeit gehalten werden. Um die Bevölkerung trotzdem in dem Glauben zu lassen, Portugal sei eine Wirtschaftsmacht, beutete er die Kolonien aus.
In den 60er Jahren verschlechterte sich das Verhältnis zu den Kolonien zusehends. 1960 hatte Belgisch-Kongo seine Unabhängigkeit errungen. Davon beeinflusst, folgte 1961 ein Aufstand in Angola, der zu einem Massaker an weißen Siedlern führte. Portugal reagierte und schickte Soldaten in das Land. Aber auch wenn es den portugiesischen Truppen zunächst gelang, die Situation unter Kontrolle zu bekommen, waren aufständische Splittergruppen nicht mehr einzudämmen. Dann begannen auch Mosambik und Guinea-Bissau gegen das Mutterland zu revoltieren. Die Wirtschaftsbeziehungen lagen auf Eis und die Kriege in den Kolonien weiteten sich zu blutigen Guerillakriegen aus. Schließlich kämpften zwei Drittel der 225.000 Mann starken portugiesischen Armee in Afrika.
Widerstand formiert sich
Die über Jahre andauernden Kolonialkriege zermürbten die portugiesische Gesellschaft und belasteten den Staatshaushalt massiv. Immer mehr Opfer waren zu beklagen. Innerhalb des Militärs begann sich Widerstand zu formieren. Einige Offiziere erkannten, dass die Führung unter dem Nachfolger Salazars, Marcello Caetano, auch keine Lösung für die Kolonialkriege und die desolate wirtschaftliche Situation des Landes hatte. Die Krise wurde auch noch durch den Anstieg der Erdölpreise verschärft. Diese Gruppe von Offizieren, die sogenannte "Bewegung der Streitkräfte" (Movimento das Forcas Armadas, MFA) entfachte schließlich 1974 vom Alentejo, einer Region im südlichen Portugal, aus eine Revolution. Zu ihnen gehörte auch der stellvertretende Generalstaatschef, António de Spínola, ein Mitglied des konservativen Flügels der Armee. Sie wollten die Kolonialkriege beenden, die ideologischen Grundlagen des alten Regimes beseitigen und die Demokratie einführen.
Am 25. April 1974, kurz nach Mitternacht, lief das Lied "Grândola, Vila Morena" ("Grândola, braungebrannte Stadt"). Es war das Startsignal für die Putschisten und wurde zur Hymne der Nelkenrevolution. Denn die Führung hatte das Lied des linken Liedermachers José Afonso wegen seiner kommunistischen Tendenzen verbieten lassen. Jahrelang stand es auf dem Index, bis es am Tag der Revolution erstmals wieder gespielt wurde.
Die Revolution beginnt
Offenbar hatten die Regierung, die Militärs und die Polizei die Bewegung der Streitkräfte (MFA) unterschätzt. Kurz nach drei Uhr morgens hatten die Putschisten die strategischen Punkte der Hauptstadt inklusive der Radiosender und einiger Ministerien besetzt. Die MFA übernahm die Befehlsgewalt und veröffentlichte ein erstes Kommuniqué an die Bevölkerung:
"Hier spricht das Kommando der Bewegung der Streitkräfte. Wir rufen alle Einwohner Lissabons auf, sich in ihre Häuser zu begeben und dort äußerste Ruhe zu bewahren. Wir hoffen aufrichtig, dass die schweren Stunden, die wir durchleben, durch keinen Unglücksfall getrübt werden. Wir appellieren an Vernunft und Einsicht der übrigen Truppen, damit jeder Zusammenstoß mit den Streitkräften vermieden wird."
Die Bevölkerung hielt sich aber nicht an die Anweisungen. Denn als die Offiziere später Lissabon mit Panzern besetzten, wurden sie vom Volk begeistert empfangen. Die Frauen steckten den Soldaten zur Begrüßung rote Nelken in die Gewehrläufe, was der Revolution den Namen Nelkenrevolution einbrachte.
Kapitulation der Regierung
Die Bewegung der Streitkräfte hatte die Lage aber noch nicht vollständig unter Kontrolle. Regierungstreue Gefolgsleute Caetanos verbarrikadierten sich in öffentlichen Gebäuden. Erst nach mehrstündigen Verhandlungen konnten sie dazu gebracht werden, zu kapitulieren. Am Nachmittag gegen vier Uhr erklärte Marcello Caetano seinen Rücktritt. Einzige Bedingung: Er wolle die Regierungsgewalt nicht an ihm unbekannte Offiziere, sondern an General António de Spínola übergeben. Die Bilanz: Es gab vier Tote, als verbleibende regimetreue Truppen vor dem Sitz der portugiesischen Geheimpolizei auf unbewaffnete Demonstranten feuerten, mehr Opfer waren nicht zu beklagen. 17 Stunden und 25 Minuten reichten aus, um eine Diktatur zu stürzen, die über 40 Jahre in Portugal geherrscht hatte. General António de Spínola ließ verlauten:
"Was wir heute erleben, ist das wichtigste historische Ereignis seit dem Aufstand gegen die spanische Besatzung 1640. Heute feiern wir die Befreiung unserer Heimat."
Auswirkungen der Nelkenrevolution
Nach dem Ende der Diktatur kam es in Portugal trotz des reibungslosen Verlaufs zu turbulenten Monaten. 20 Tage nach dem Sturz Caetanos wurde Spínola als neuer Präsident vereidigt. Er unterstützte zwar die Verstaatlichung der Banken, wehrte sich aber dagegen, die Kolonien Mosambik und Angola in ihre Unabhängigkeit zu entlassen. Innerhalb der Oppositionsparteien folgten deswegen erbitterte Machtkämpfe. Erst 1976 erfolgten die ersten demokratischen Präsidentschaftswahlen, aus denen Mário Soares von der PS (Partido Socialista) als erster Regierungschef hervorging. Die neue Regierung entließ schließlich die Kolonien in die Unabhängigkeit. Die Nelkenrevolution hatte damals weitreichende politische Auswirkungen. Viele Experten, darunter der Harvard-Professor und Politologe Samuel P. Huntington, sahen in den Geschehnissen vom 25. April den Beginn einer neuen Demokratisierungswelle in Europa. Nach Portugal wurde Griechenland 1974 von der Diktatur befreit, 1975 ging auch in Spanien die Diktatur Francos unblutig zu Ende.
Eva Mommsen, Stand vom 07.03.2011










