Skurrile Weltmeisterschaften
Skurrile Weltmeisterschaften
Wer bisher glaubte, nur die Briten seien mit einem ganz besonderen Humor ausgestattet, der hat sich noch nicht mit Finnlands ausgeprägter Spaßkultur beschäftigt. Sommer wie Winter finden im ganzen Land höchst ausgefallene Wettbewerbe statt, die die Finnen denn auch gleich zur Weltmeisterschaft erheben. Doch so ernsthaft wie es klingt, ist es nicht gemeint - es geht vor allem ums Vergnügen. So fließt beim Weitwurf von Mobiltelefonen in die Bewertung nicht nur die Strecke ein, die das Telefon fliegt, sondern auch die Erheiterung des Publikums. Und im Reglement der WM im Frauentragen ist festgeschrieben: "Alle Teilnehmer müssen Spaß haben." Ob das immer der Fall ist, darf aber beispielsweise bei der WM im Dauersitzen auf einem Ameisenhaufen angezweifelt werden...
Handy-Weitwurf
Eine der bekanntesten finnischen Weltmeisterschaften ist der Weitwurf von Handys. Jedes Jahr treffen sich Ende August in Savonlinna Teilnehmer und Medienvertreter aus aller Welt zu dem Spektakel, das seit 2000 veranstaltet wird. Geworfen werden echte Handys mit Akku (fliegen besser), es gibt Einzel-, Gruppenwurf und Freestyle. Im Jahr 2009 lag der Rekord im Einzelwurf der Männer bei 79,60 Metern - und den hält, natürlich, ein Finne. Die Lust am Handy-Werfen erklärt Christine Lund, Erfinderin und Mitveranstalterin der WM mit dem Verhältnis der Finnen zu ihren Mobiltelefon: Einerseits wollten die Finnen immer die neuesten Modelle haben und haben dann ihr altes Gerät übrig, andererseits sei ihnen manchmal eben danach, das Telefon aus Frust wegzuschleudern. Bei der WM haben sie dazu Gelegenheit.
Gummistiefel-Weitwurf
Internationaler Beliebtheit erfreut sich eine weitere Wurfdisziplin: die Weltmeisterschaft im Gummistiefel-Weitwurf. Die Ursprünge dieses Sports sind heute nicht mehr eindeutig feststellbar, sollen aber bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen - also in jene Zeit, als in der Stadt Nokia die Produktion von Gummistiefeln begann. 1992 gab es dann die erste Weltmeisterschaft. Anders als bei den Handys wird bei der Gummistiefel-WM nichts Gebrauchtes geworfen. Die Stiefel sind speziell für diesen Zweck angefertigt; Männer werfen mit Größe 43, Frauen mit 38. Nur die Besten schaffen es, das aerodynamisch etwas unglücklich geformte Geschoss über 50 Meter weit zu schleudern. 2008 gab es mit 67,31 Metern einen neuen Weltrekord, und den hält - selbstverständlich - ein Finne. Neben den Gummistiefel-Athleten kommt auch das Publikum auf seine Kosten: Zu bewundern gibt es beim Abwurf die schönsten Anläufe und Drehungen und so manch eine Galosche fliegt ihre ganz eigene Bahn und landet weit abgeschlagen in Feld, Wald und Wiese.
Frauentragen
Frauentragen Welche Frau die Teilnehmer bei der WM in der Nähe von Tampere tragen, ist egal: Das kann die eigene sein, die des Nachbarn oder eine anderweitig ausgeliehene. Ob sie Huckepack getragen, über die Schulter geworfen oder auf den Händen getragen wird, auch. Hauptsache eine Frau mit mindestens 49 Kilo Gewicht. Über 250 Meter geht der Parcours - durch Sand und Wasser, über Gras und Asphalt. Wer seine Frau fallen lässt, bekommt Strafsekunden aufgebrummt, wer sie unterwegs absetzen muss, ebenso. Und der glückliche Gewinner? Der bekommt das Gewicht "seiner" Frau in Bier aufgewogen.
Schlammfußball
Wer zu langsam ist, bleibt stecken: Schlammfußball wird in Hyrynsalmi, rund 600 Kilometer nordöstlich von Helsinki in einem Sumpf gespielt und das bedeutet, dass die Spieler im Zweifelsfall bis zu den Knien im Morast stehen. Jede Mannschaft hat sechs Spieler, sechs Auswechselspieler warten am Sumpfrand. Grundsätzlich funktioniert Schlammfußball wie normaler Fußball, doch mit ein paar Ausnahmen: Männer und Frauen dürfen zusammen in einer Mannschaft spielen. Insgesamt dauert das Spiel nur 25 Minuten, denn das Laufen im Sumpf ist wesentlich anstrengender als auf dem Rasen. Von den Trikotfarben ist nach den ersten Stürzen und Kämpfen um den Ball nur noch wenig zu erkennen. Doch so ein bisschen Schlamm kann die Spieler offensichtlich nicht erschüttern: Jedes Jahr kommen mehrere Tausend Schlammkicker nach Finnland, um dort um den Weltmeistertitel zu spielen.
Luftgitarre spielen
Wenn im August das Oulu Music Video Festival in Oulu startet, zieht ein parallel dazu veranstaltetes Ereignis die wahren Besuchermassen an: die Weltmeisterschaft im Luftgitarre spielen. Auch bei dieser verrückten WM sind die Finnen längst nicht mehr unter sich, denn die Beteiligung ist international. 60 Sekunden lang stehen die Wettbewerber auf der Bühne und spielen möglichst überzeugend auf einer nicht vorhandenen Gitarre - welchen Song sie sich dafür aussuchen, das bleibt jedem selbst überlassen. Und Noten muss dafür ohnehin keiner lesen können. Nur auf eines kommt es an: auf den Superauftritt, der die Jury überzeugt. Alles muss stimmen - das Outfit, die Handbewegungen, die Originalität, eine mitreißende Show und "Airness" - eben die Kunst, auf Luft zu klampfen.
Mücken erschlagen
Stechmücken gehören zu Finnland wie die Seen. Und da die Finnen nunmal ganzjährig mit ihrer "Finnish Air Force" zurechtkommen müssen, haben sie die unterschiedlichsten Methoden, den Plagegeistern auf den Leib zu rücken. Sicher nicht sehr effektiv, dafür umso lustiger ist die Weltmeisterschaft im Mücken erschlagen. Einmal im Jahr wird sie in Pelkosenniemi ausgetragen: Innerhalb von fünf Minuten muss jeder Teilnehmer so viele Stechmücken erschlagen, wie er kann. Regel: Hilfsmittel sind nicht erlaubt, es zählt nur die Handarbeit. Geradezu legendär wurde der Finne Henri Pellonpää, der im Jahr 1995 ganze 21 Mücken erschlug und es damit ins Guinness-Buch der Rekorde schaffte.
Sauna-Weltmeisterschaft
135 Kilometer nördlich von Helsinki treffen sich Anfang August die Bewerber um die Sauna-Weltmeisterschaft. Und natürlich auch jede Menge Zuschauer, denn die Sauna-Sitzer schwitzen gut sichtbar in Glaskabinen vor sich hin. Wer teilnehmen will, muss schon einiges aushalten: Die Temperatur in der kleinen Kabine beträgt 110 Grad Celsius, alle 30 Sekunden gibt es einen neuen Aufguss. Dazu sind noch einige Vorschriften zu beachten - von der Größe der Badebekleidung bis zur Haltung in der Kabine. Wer als Letzter noch drin sitzt, hat gewonnen. Bei den Männern sind das - natürlich - die Finnen. Zumindest elf Jahre lang haben sie die WM seit 1999 gewonnen. Lediglich die Frauen mussten schon mehrmals den Titel abgeben - an Teilnehmerinnen aus Russland und Weißrussland.
Nicht nur die Finnen
Spinnerte Weltmeisterschaften haben die Finnen noch viele: die WMs für schmutzige Sprüche, fürs Winterschwimmen, Beerenpflücken, Schemelwerfen, Nägeleinschlagen, Tretschlittenfahren oder fürs Aquajogging, um nur einige zu nennen. Doch bei vielen WMs sind die Finnen nicht mehr allein: Die kuriosen Wettbewerbe ziehen Medien und Teilnehmer aus aller Welt an. Und so kommt es, dass auch in Deutschland Stiefel und Handys fliegen oder sich Schlammfußballer im Watt suhlen.
Martina Frietsch, Stand vom 26.03.2010
Sendung: Finnland - Skurriles und Urwüchsiges aus "europäisch Kanada", 29.03.2010









