Slowakei
Auf dem Weg zur Selbstbestimmung
Unterwegs von Prag nach Budapest oder Wien verbringen immer mehr Reisende einen Tag in der gemütlichen Altstadt von Bratislava, früher Preßburg. Wegen der günstigen geographischen Lage an der Donau ist das Stadtgebiet bereits seit der Jungsteinzeit dauerhaft besiedelt. Verschiedene Epochen vom Mittelalter bis zur Moderne lassen sich an den Bauwerken der Stadt ablesen. Die Hauptstadt der Slowakei mit heute knapp 450.000 Einwohnern war früher praktisch ein Vorort von Wien, so ließ sich zum Beispiel die österreichische Monarchin Maria Theresia 1741 im Martinsdom von Bratislava krönen. Bis zum Ersten Weltkrieg war die Slowakei unter dem Einfluss von Österreich-Ungarn.
1918 wurde dann die unabhängige Republik Tschechoslowakei gegründet, doch nur 20 Jahre später bestimmten die Westmächte im Münchner Abkommen ihre Auflösung. Hitler zwang den slowakischen Priester und Premierminister Jozef Tiso, die Slowakei unter dem Schutz der Nationalsozialisten für unabhängig zu erklären. In der Folgezeit kam es zu Pogromen gegen die jüdische Minderheit. Ein nationaler Aufstand gegen die im Land stationierte Wehrmacht wurde 1944 brutal niedergeschlagen. Nach 1946, als die kommunistische Partei die Macht übernommen hatte, wurde die deutsche Bevölkerung vertrieben.
Trotz ihrer historisch schlechten Erfahrungen mit den Westmächten, haben sich die Slowaken seit der Unabhängigkeit 1992 um den Beitritt zur Europäischen Union bemüht. Nach der Ablösung der Koalition von Vladimír Mečiar, einem autoritären, nationalistischen Politiker, durch Ministerpräsident Mikláš Dzurinda im Jahre 1998 hat die Slowakei die Aufnahmekriterien in rasanter Geschwindigkeit erfüllt. Für die Bevölkerung war und ist das ein Dauerstress mit galoppierenden Preisen bei einem relativ niedrigen Durchschnittseinkommen und noch immer hohen Arbeitslosenzahlen im Vergleich zu den anderen EU-Mitgliedsstaaten. Die Beitrittsverhandlungen begannen am 15. Februar 2000, bereits vier Jahre später wurde die Slowakische Republik feierlich in die Europäische Union aufgenommen. Nur wenige Monate vorher war auch der Beitritt zur NATO realisiert worden.
Die wenigsten Slowaken sehen einer Zukunft in der EU mit euphorischen Gefühlen entgegen. Zwar waren beim einem 2003 durchgeführten Referendum 92 Prozent der abgegebenen Stimmen für einen EU-Beitritt, doch nur 52 Prozent haben bei diesem Referendum überhaupt ihre Stimme abgegeben. Vermutungen legen nahe, dass die Gegner des EU-Beitritts zu Hause geblieben sind. "Ich erwarte keine Wunder." Der Cellist Eugen Prochac weiß, dass es in wirtschaftlicher Not zuerst die Kultur trifft, im Osten ebenso wie in Westeuropa, wo man auch nicht auf neue Konkurrenz wartet. Trotzdem erhofft er sich Anregungen im musikalischen Bereich und in der Finanzierung. Zu lange war die staatliche Förderung eher an Wohlverhalten denn an Leistung geknüpft. Wenn der Staat kein Geld mehr hat, um Orchester und Konzerte zu finanzieren, sollte privates Sponsoring erlaubt und gesetzlich geregelt werden. Die Umorientierung zur Marktwirtschaft hat die Staatsbetriebe hart getroffen.
Privatisierung und ausländische Investoren
Inzwischen sind fast alle staatlichen Betriebe privatisiert worden und an vielen sind jetzt ausländische Unternehmen beteiligt. Die Banken haben die Österreicher und Italiener übernommen, Deutsche sind in der Versicherungs- und in der Kommunikationsbranche engagiert. Die slowakische Regierung hat 51 Prozent der "Slowak Telecom" im Jahr 2000 an die Deutsche Telecom verkauft. Die verspricht sich einen schnell wachsenden Markt, der durch den Beitritt zur EU für Investoren immer attraktiver wird. Für die Telecom sind die niedrigen Löhne und der hohe Bildungsgrad der Arbeitskräfte von großem wirtschaftlichen Interesse.
Immer mehr Arbeitsplätze werden aus Westeuropa in den Osten verlegt. Seit 1994 produziert zum Beispiel Volkswagen vor den Toren von Bratislava. Mehrere tausend Mitarbeiter fertigen in riesigen Hallen die Wagentypen Tuareg und Polo. Sie sind hauptsächlich für den Export bestimmt und bringen Milliardenbeträge an Umsatz. Viele Zulieferbetriebe haben sich zudem in der Nähe angesiedelt. Wirtschaftlich gibt es in der Slowakei ein deutliches West-Ost-Gefälle. Die Investitionen in der Mittel- und Ostslowakei sind deutlich geringer, was zu einem Großteil auf die geographische Lage und die schlechteren Anbindungen zurückzuführen ist.
Auch die Medienbranche hat unter der fortschreitenden Privatisierung zu leiden. "In diesem aufgeplusterten Propagandaapparat arbeiteten 4000 Leute nach der Wende. Viele wussten nicht einmal wo ihr Arbeitsplatz war. Sie waren nur aus Prestigegründen angestellt," erzählt Peter Zeman, damals Direktor des Slowakischen Fernsehens. Die Hälfte wurde entlassen, als der Sender eine öffentlich-rechtliche Struktur erhielt. In der Regierungszeit von Vladimír Mečiar (1992-1998) wurde er weiter als Sprachrohr der Regierung genutzt. Der Sender verlor an Ansehen, die Finanzen stimmten nicht mehr, und er musste sich gegen die Konkurrenz privater Kanäle wehren. Im Jahr 2003 sah sich die Leitung gezwungen, alle laufenden Produktionen einzustellen und noch einmal die Hälfte der Belegschaft zu entlassen. Als Freie sollten die Besten weiter beschäftigt werden, hieß es. Aber viele sind nun arbeitslos.
Andrea Reischies, Stand vom 01.06.2009








