Spaziergang durch Palma
"Ciutat" - der Stolz der Mallorquiner
Gerade angekommen, bleibt mir über eine Woche Zeit, Palma de Mallorca als Touristin zu erkunden. Ich finde die Idee, Palmesaner selbst zu fragen, ganz gut. Für mich klingt das zwar eher nach italienischem Käse als nach Einwohnern der Hauptstadt, aber -"Von wegen Käse", unterbricht mich Manuel, wie er sich mir schließlich vorstellt. "Die Römer benannten Palma nach der Siegespalme Palmeria, woraufhin der Baum zum Wahrzeichen der Inselmetropole wurde. Und wir sind stolz auf unsere Stadt, die wir auch einfach nur "Stadt" nennen: "Ciutat". Schon vor langem machten Seefahrer und Kaufleute Palma zum Mittelpunkt des mediterranen Lebens. Und bis heute ist die Stadt begehrt. Anscheinend wächst die Einwohnerzahl derzeit sogar schneller als die jeder anderen Stadt in der Europäischen Union."
Spanisches Flair und verwinkelte Gassen
Das glaube ich gerne, denn Palma ist eine wunderschöne Universitätsstadt mit spanischem Flair, was ich hier, so nah an den Stränden des Massentourismus, nicht erwartet hätte. Denn schließlich muss jeder Tourist zumindest bei seiner An- und Abreise in die Nähe der Hauptstadt: Von hier gehen Schiffe und Flugzeuge ab. In den mittelalterlich verwinkelten Gassen finden sich viel weniger Touristen als gedacht. "Ja, die Partyurlauber", ergänzt Manuel meine Gedanken. "Diese Touristen kommen nicht nach "Ciutat". Sie amüsieren sich am Strand. Es gibt einige, die eine oder zwei Tagestouren in die Stadt machen, aber die meisten bleiben nicht länger, sie sind lieber im Landesinneren oder am Strand."
Kulturelle Spurensuche
Manuel begleitet mich beim Rundgang durch die kleinen Straßen und schattigen Gassen. Er sieht aus wie "der typische Spanier" aus dem Mallorca-Katalog: kleiner Schnurrbart, weißes Hemd und ein Strohhut aus Palmenblättern. Zu Recht kann er stolz sein auf seine Stadt, die auch "Perle des Mittelmeeres" genannt wird. Die winzigen Plätze erinnern mich an die Straßenstruktur orientalischer Städte. In der Altstadt glänzt eine Sehenswürdigkeit neben der anderen. An den vielen gut erhaltenen Bauwerken zeigt sich Palma als Schnittstelle zwischen europäischer und arabischer Geschichte. Architektur und Kultur zeugen von der bewegten Geschichte der Insel. Hier hinterließen Römer, Goten, Mauren und Spanier ihre Spuren. Ich möchte mir auf jeden Fall die Kathedrale und den daneben stehenden Almudaina-Palast anschauen, in dem das spanische Königspaar residiert, wenn es in Palma offiziellen Pflichten nachkommt. "Der Palast diente während der maurischen Herrschaft dem Emir als Residenz", erklärt mir Manuel. "Seitdem hat er sich durch viele Umbauten so verändert, dass von der ursprünglichen Anlage fast nichts mehr erhalten ist."
Versteckte Patios: die grünen Hinterhöfe
"Du solltest das Besichtigungsprogramm nicht übertreiben", fährt Manuel fort. "Für Palma musst du dir Zeit nehmen. In ein paar Stunden, so wie viele Touristen das machen, das geht nicht. Allein um umherzuschlendern und dir die zahlreichen Hinterhöfe anzuschauen, brauchst du Zeit. In der Stadt gibt es nur wenige Gärten, aber die Hinterhöfe, die Patios, sind wunderschön. Sie spenden Schatten und Schutz vor heftigem Sturm oder Niederschlag. Hier ruhen sich Palmesaner aus und plauschen unter Nachbarn." Schon auf dem kurzen Weg Richtung Kathedrale und Almudaina-Palast tauchen hinter oft unscheinbaren Fassaden traumhaft schöne Hinterhöfe auf. Aus der Enge der Gassen heraus, kommen sie mir vor wie erfrischende Oasen. Die Höfe sind voller Grün, Kübelpflanzen entspannen den Blick, oft sind sie mit Säulen und Mosaiken verziert, manchmal plätschert Brunnenwasser. Laut Manuel sind die Patios architektonisches Erbe der Mauren. Sie galten schon immer als Empfangsraum im Freien.
La Seu - Palmas berühmte Kathedrale
Bevor wir uns in eines der zahlreichen Straßencafés setzen, möchte mir Manuel unbedingt noch die gotische Kathedrale zeigen, deren Grundstein im Jahr 1230 gelegt wurde und auf die wir geradewegs zulaufen. La Seu gilt als die bedeutendste kunsthistorische Sehenswürdigkeit der Balearen. "Die Kathedrale ist etwa so lang wie ein Fußballfeld", erklärt Manuel voller Stolz. Mir erscheint sie riesengroß und ich kann nicht aufhören zu staunen. Sie gehört zu den größten Kathedralen Europas, aber trotz der enormen Ausmaße und der riesigen Höhe sind ihre Säulen außergewöhnlich schlank. Sie war, erzählt Manuel, erst im 16. Jahrhundert soweit fertig gestellt, dass sie den göttlichen Segen bekommen konnte. Im Inneren erhielt sie erst Anfang des 20. Jahrhunderts ihr endgültiges Aussehen nach Restaurierungs- und Dekorationsarbeiten von Antoni Gaudí.
Wir treten ein durch die Sakristei und den gotischen Kapitelsaal, in dem sich ein Teil des Dom-Museums befindet. Die Ausstellungsstücke an Wänden und in Vitrinen ziehen meinen Blick auf sich. Manuel weist mich sofort auf ein Gemälde aus dem 15. Jahrhundert hin, auf dem der Heilige Sebastian zu sehen ist: "Durch die Verehrung des Heiligen wurde Palma im 16. Jahrhundert von der Pest befreit", erklärt er. Wie viele Palmesaner ist er fest von den Fähigkeiten des Schutzpatrons überzeugt. Im Innenraum der Kirche beeindruckt mich vor allem die gigantische Fensterrosette über dem Hochaltar. "Kein Wunder", sagt Manuel, "sie hat einen Durchmesser von über zwölf Metern und ist die größte gotische Rosette der Welt. Du solltest unbedingt auch einmal morgens hierher kommen, dann steht die Sonne nämlich auf der anderen Seite und scheint durch die vielen Farbfenster." Bevor wir unseren Weg fortsetzen, werfen wir noch einen Blick in einige der etwa zwanzig Kapellen, die das Hauptschiff umrunden. Sie ähneln sich in der Größe, die Seitenaltäre stammen jedoch aus unterschiedlichen Epochen. Die Gestaltung ist außergewöhnlich vielfältig.
Entdeckergeist ist gefragt: Palmas Vielfalt
Direkt hinter der Kathedrale geht es zur Bucht von Palma. Ich hörte, dass dort nette Kneipen und Restaurants sein sollen, aber Manuel schüttelt den Kopf: "Von der Strandpromenade aus, dem Passeig Maritim, hast du den besten Blick auf die Kathedrale, aber die Kneipen sind nichts für über Dreißigjährige. Du kannst zum Strand gehen oder dir im Hafen die Yachten der Reichen anschauen." Er schwärmt auch von Kulturzentren, Galerien und Museen der Stadt. Ich solle mir unbedingt einen Stierkampf anschauen, die Auswahl in den Markthallen bewundern und auch die umliegenden Stadtviertel besuchen. "Die Ciutat", wie er Palma nennt, "hat einen der größten historischen Stadtkerne Europas, die Sanierungen schreiten voran. Aber die umliegenden Bausünden gehören auch dazu. Nur wenn du dir auch die Wohnstädte und Industriegebiete außerhalb der Altstadtgrenzen anschaust, kannst du dir ein wirkliches Bild vom pulsierenden Leben in Palma machen." Als er meinen entsetzten Blick sieht, fügt er hinzu: "Das muss natürlich nicht heute sein. Morgen ist ja auch noch ein Tag. Lass uns einen Kaffee trinken gehen und später Tapas essen." Ja, "Mañana", Pause bis morgen, das ist in meinem Sinne. Heute lasse ich mich im Flair der Stadt treiben und teste kulinarische Kostbarkeiten.
Andrea Schultens, Stand vom 14.12.2006








