Opfer der Roten Khmer - Interview mit Daran Kravanh
Planet Wissen (PW): Was passierte mit Ihnen, als die Roten Khmer im April 1975 die Macht übernahmen?
Daran Kravanh (D.K.): Sie versuchten, mich umzubringen, aber es gelang mir, sie abzuwehren und ihnen zu entkommen. Bei dem Kampf wurde ich angeschossen, und ich weiß bis heute nicht, wie die anderen Männer und ich es geschafft haben, die Soldaten zu besiegen. Anschließend versteckte ich mich acht Monate in einem Wald. Ich wollte dann nach Thailand fliehen, doch an der Grenze waren überall Landminen. Vor meinen Augen trat ein Hirsch auf eine solche Mine und rettete mir so das Leben. Meine Familie und sieben meiner acht Geschwister wurden von den Roten Khmer getötet. Schließlich geriet auch ich in die Hände der Roten Khmer.
PW: Wie haben Sie das Rote-Khmer-Regime überlebt?
D.K.: Das ist eine lange Geschichte, die ich in meinem Buch "Durch die Stille der Nacht" beschrieben habe. Ohne meinen starken Willen zu überleben, hätte ich es nicht geschafft. Ich hatte sehr viel Glück. Andere Menschen halfen mir. Und ich fand ein Akkordeon auf einem Baumstumpf. Es klingt vielleicht merkwürdig, aber die Musik hat mir tatsächlich einige Male das Leben gerettet: Ein Soldat, der uns in einem der Camps beaufsichtigte, griff mich im Wald mit dem Akkordeon auf und fragte, ob ich darauf spielen könne. Ich wusste zunächst nicht, ob ich mit ja antworten sollte, weil er mich dann möglicherweise für einen Volksfeind mit höherer Bildung hätte halten und umbringen können. Ich entschied mich aber doch dazu, und er forderte mich auf zu spielen. Das tat ich dann, und er mochte meine Musik. Von da an war er nachsichtiger mit mir als mit den anderen Camp-Insassen.
PW: Sie leben heute in den USA. Wie kam es dazu?
D.K.: Nachdem die Vietnamesen Anfang 1979 die Macht über mein Land übernommen hatten, blieb ich noch fünf Jahre dort. Ich wollte aber auch unter dieser Herrschaft nicht leben und den Kommunisten dienen und floh deshalb 1984 nach Thailand. Vier Jahre habe ich dort als Illegaler in einem überfüllten Flüchtlingslager gelebt - in einem Erdloch. Ich habe diese Zeit nur überlebt, weil mir andere Flüchtlinge Wasser und Nahrung gaben. Schließlich gewährten mir die USA 1988 aus humanitären Gründen das Aufenthaltsrecht.
PW: Fühlen Sie sich in den USA zu Hause?
D.K.: Ich arbeite als Sozialarbeiter für das "Washington State Department of Social and Health Services". Ich mag meine Arbeit sehr, weil ich durch sie Menschen ermutigen und ihnen helfen kann, sich aus ihrer Armut zu befreien.
PW: Wie war es für Sie, Ihre Geschichte Ihrer Ehefrau zu erzählen?
D.K.: Manchmal hat sie mich Dinge gefragt, und ich konnte nicht antworten, weil die Erinnerungen zu schmerzhaft waren. Am Anfang hatte sie auch nicht vor, ein Buch über meine Geschichte zu schreiben - sie wollte einfach nur wissen, was mir damals passiert ist. Es hat sehr lange gedauert, ihr alles zu erzählen. Besonders schlimm sind die Erinnerungen an meine letzte Aufgabe unter den Roten Khmer: Ich war Totengräber. Die Gesichter der Toten, die ich begraben habe, sehe ich noch immer vor mir. Als das Buch jedoch fertig war, hatte ich das Gefühl, mein Leben besser verstehen zu können, seinen Sinn zu sehen.
PW: Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie heute an Ihr Heimatland denken?
D.K.: Meine Gefühle sind eine Mischung aus extremer Traurigkeit und großer Hoffnung. Die Lebensbedingungen in Kambodscha sind schrecklich. Ganz besonders trifft es mich, Kinder und ältere Menschen auf der Straße betteln zu sehen. Ich bin frustriert über die schwache Regierung, die Korruption, die Zerstörung der Natur. Aber zugleich bin ich hoffnungsfroh. Die Kambodschaner können es schaffen: Sie sind gute, fleißige und kooperative Menschen. Kambodscha hat viele natürliche Ressourcen. Und es gibt glücklicherweise viele Organisationen, die bereit sind zu helfen. Es gibt eigentlich keinen Grund, dass viele Kambodschaner in solcher Armut leben.
PW: Was wünschen Sie sich für Ihr Heimatland?
D.K.: Ich wünsche mir nicht bloß etwas für meine Heimat, ich habe eine Vision: Kambodscha als Land, in dem wieder soziale, wirtschaftliche und kulturelle Bedingungen herrschen, die es allen Menschen ermöglichen, in Frieden, Würde und Wohlstand zu leben.
Interview: Alexandra Stober, Stand vom 12.06.2008







