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Moderne Entdecker

Neue Welten gibt es nicht mehr zu entdecken. Das Festland dieses Planeten ist kartiert. Doch es gibt noch immer Entdecker, moderne Entdecker, die Karten füllen - beziehungsweise graue Stellen im GPS, dem Global Positioning System, einem satellitengestützten Navigationssystem. Sie verfeinern digitale Straßenpläne, notieren Sackgassen - damit Autofahrer nicht im Nichts landen.

Blick aus dem Auto auf ödes Bauland, das nur spärlich bewachsen ist. Im Hintergrund ein Hochhaus. Im Vordergrund sind der GPS-Monitor und ein Laptop zu sehen. Eine grüne Linie zeigt die 'entdeckten' Straßen an. (Rechte: Katharina Beckmann)

Plötzlich reißt die Straße ab. Die Sackgasse ist die Entdeckung des Tages

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Die Entdeckung - eine Sackgasse

Der Wagen stoppt auf der "Sonnenseite". Doch heute heißt nur die Straße so. Kein Sonnenstrahl durchdringt die Wolken. Im trüben Licht wirkt die Landschaft, auf die Georg Herrig von seinem Platz auf der Rückbank aus schaut, noch trostloser. Rechts und links eine Reihe Mehrfamilienhäuser, die noch unbewohnt sind. Daneben Baugruben, Schutthaufen. Vor ihm eine öde Landschaft - und kein Weiterkommen mehr. Die Straße hört auf, die Teerdecke wandelt sich in eine Buckelpiste. Georg Herrig schiebt das Mikrofon vor seinem Mund zurecht: "End of the road." Seine Kollegin dreht das Auto. Links geht es weiter. Herrig schaut aus dem Fenster, dann auf den Monitor des Navigationssystems, der vorn auf Ablage steht. "Hier, in so einem Neubaugebiet, kommen schon Entdeckergefühle auf", sagt er. Der Pfeil, der Auskunft über die Position des Autos gibt, irrt im Nichts. Nur graue Fläche. Durch Herrigs Daten aber, die er in den Lautsprecher spricht, die er auf seinem elektronischen Block notiert, werden auch dort bald Straßen kartiert sein.

Herrig ist Geo-Researcher, "geographischer Forscher" könnte man übersetzen. "Moderner Entdecker" aber trifft seine Arbeit wohl genauer. Die alten Entdecker sind ausgezogen, weiße Flecken auf den Weltkarten zu färben. Herrig ist unterwegs, die dunklen Flächen auf Computermonitoren mit bunten Strichen und Symbolen zu füllen. Die Hersteller von GPS-Systemen sind auf diese Angaben über Straßenzüge, Geschwindigkeitsbegrenzungen und Hausnummern angewiesen. Sonst landen Autofahrer im Nirgendwo. Wie Herrig jetzt.

Das Bild zeigt den Geografen Georg Herrig im Auto sitzend, er zeichnet auf einem elektronischen Notizblock. Vor ihm ist ein Laptop zu sehen, auf dem die Route dokumentiert wird. (Rechte: Katharina Beckmann)

Georg Herrig auf Entdeckungstour

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Verdächtige Antenne

Der Computer liegt auf dem Beifahrersitz, der zum Tisch umfunktioniert ist. Auf dem schwarzen Bildschirmhintergrund leuchtet ein Muster aus farbigen Linien, das sich im Rhythmus der Fahrt verschiebt. Beim genauen Hinsehen ist der Kölner Stadtteil Meerbusch zu erkennen, diesen Ausschnitt hat sich Herrig aus einer Datenbank heruntergeladen. Ein grünes Dreieck zeigt die Position des Autos darauf an. Sie wird mithilfe von GPS bestimmt: Einmal pro Sekunde empfängt eine Antenne auf dem Dach des Wagens Signale, daraus wird der Standort berechnet. Mit dieser Antenne hat Herrig in den vergangenen Jahren lustige Situationen erlebt: "Einmal standen wir an der Ampel, plötzlich sprang ein Polizist in Zivilkleidung aus dem Auto, riss unsere Tür auf - und wollte wissen, ob wir Spione seien oder welch andere Bewandtnis diese Antenne habe." Herrig spioniert nur Orte aus, versteckte Straßen, Tempo-30-Zonen, seit fast zehn Jahren schon.

Das Bild zeigt ein blaues Auto, das gerade aus einer kleinen Straße herausfährt. (Rechte: Katharina Beckmann)

2,5 Millionen Kilometer legen Geo-Researcher jedes Jahr in Deutschland zurück

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Wenden auf der Autobahn

Als er 1996 begann als Geo-Researcher zu arbeiten, waren Navigationssysteme gerade auf den Markt gekommen. Die Preise dafür waren immens hoch - ebenso die Fehlerraten. Nicht selten riet die freundliche Frauenstimme, mitten auf der Autobahn umzudrehen. Georg Herrig hatte seine Diplomarbeit über Verkehrsgeographie geschrieben - und zufällig die Stellenanzeige der Firma Navteq gelesen, der größte Anbieter von Straßendaten für Navigationssysteme. Herrig bekam den Job. Er, der, wie er sagt, keine gute Orientierung, aber vielleicht gerade deshalb ein Faible für Karten hat. Der sich von den alten Entdeckern faszinieren lässt und von historischen Landkarten, auf denen noch viele weiße Flecke zu sehen sind. Die Karten von Bonn, Remscheid, Solingen dagegen, von seinem Gebiet, sind lückenlos. Herrig ist sich sicher: Jede Autobahn in diesem Gebiet, jede Bundes-, Kreis-, Landstraße hat er schon einmal befahren. Die Sackgasse im Neubaugebiet in Köln aber hat er heute erst entdeckt.

Das Bild zeigt den Computer im Auto. Auf dem Bildschirm sind verschieden farbige Linien zu sehen, darunter eine dicke leuchtend grüne Linie. Sie zeigt den neuen Weg. (Rechte: Katharina Beckmann)

Die grüne Linie zeigt den "entdeckten" Weg

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Straßen im Wandel

Der Wagen biegt in eine neue Straße links ein. Herrig kommentiert: "Sonnenseite, ungerade Hausnummern, mit 75 beginnend." Als er und seine Kollegin losgefahren sind, hatte die Karte auf dem Bildschirm noch viele schwarze Flächen. Nun leuchten grüne Linien in dem gerade kartierten Neubaugebiet: neue Straßen. Diese Karte wird er später im Büro begutachten, wird sich die aufgenommenen Kommentare anhören und sie den entsprechenden Straßenabschnitten zuordnen. Ein Autofahrer mit einem Navigationssystem, das die Daten von Herrigs Firma nutzt, wird zukünftig früh genug erfahren, dass die Sonnenseite abrupt endet, dass die Straße plötzlich nicht mehr asphaltiert ist. Alle drei Monate bietet das Unternehmen eine aktualisierte Version aller Straßendaten in Deutschland an. Denn das Straßennetz wandelt sich dauernd. Autobahnzubringer werden eröffnet, die Beschriftung von Schildern verändert, eine neue Tempo-30-Zone eingeführt. Etwa 70 Geo-Researcher sind deshalb dauernd in Deutschland unterwegs um diese Veränderungen zu entdecken.

Das Bild zeigt einen Rechner, oberhalb ist verschwommen ein Bildschirm mit einer Karte zu sehen, unterhalb zwei blaue Spielzeugautos. (Rechte: Katharina Beckmann)

Die Schatztruhe: Im Rechner sind alle Daten gespeichert

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Irrfahrer

Das Auto verlässt das Neubaugebiet, über den Ring geht es zurück ins Zentrum Kölns. Fahren nach Vorschrift. Kein neu aufgebautes Straßenschild, keine neue Spur soll Georg Herrig entgehen. Akribisch trägt er wenig später die Daten im Büro in eine Datenbank ein. Ein Stapel Tageszeitungen liegt auf seinem Schreibtisch, Mitteilungen von Straßenverkehrsämtern obenauf. Früher suchten die Entdecker nach Hinweisen in der Bibel auf Unbekanntes, in alten Reiseberichten, in geheimen Karten; Herrig sucht in Zeitungen und im Internet, steht mit Ämtern in Verbindung, die ihn über Änderungen informieren. Und vor allem mit Autofahrern. Das Kundentelefon steht selten still. Manchmal sind Menschen daran, die helfen und freundlich hinweisen wollen. Die meisten aber empören sich, weil sie sich verfranst haben. Sie fühlen sich mit Absicht in die Irre geführt. Georg Herrig stören diese Anrufe trotzdem nicht, im Gegenteil - meistens freuen sie ihn. "Viele weisen uns doch auf Dinge hin, die wir noch nicht gesehen, noch nicht erfasst haben: eine Sackgasse im Neubaugebiet." Herrig blickt auf seinen Kalender mit historischen Landkarten. Und dann sagt er, so ein kleines Entdeckerherz schlage ja auch in ihm.

Katharina Beckmann, Stand vom 01.06.2009

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