Nilquellen

Austritt des Weißen Nils aus dem Victoriasee bei Jinja in Uganda

Nil

Nilquellen

Irrungen und Wirrungen – so könnte die Überschrift der Geschichte lauten, die von der Entdeckung der Nilquellen erzählt. Angefangen bei Mythen und vagen Erklärungsversuchen, bis hin zu politischen und wirtschaftlichen Interessen der Kolonialmächte im 19. Jahrhundert. Über fünf Jahrtausende hat es gedauert, bis der Mensch das Rätsel um den Ursprung des heiligen ägyptischen Flusses gelöst hatte. In Khartum treffen Weißer Nil und Blauer Nil aufeinander, um unterhalb Kairos schließlich ins Mittelmeer zu fließen. Am Ende dieser Reise hat der Nil von seiner entferntesten Quelle in Burundi aus 6671 Kilometer zurückgelegt.

Forscher des Altertums

Der Erste, der sich nicht mehr mit mythischen Erklärungen zufriedengibt, ist der griechische Gelehrte Herodot. Im 5. Jahrhundert vor Christus fährt er flussaufwärts bis zur Insel Elephantine unterhalb des ersten Katarakts bei Assuan. Dann steht für ihn fest: Der Nil und der Niger sind ein und derselbe Fluss, dessen Quelle in Westafrika liegt und der das Tschadbecken durchquert. Obwohl sich das erst lange Zeit später als falsch herausstellt, überdauern Herodots Annahmen viele Jahrhunderte.

Im zweiten Jahrhundert nach Christus ist der Astronom und Geograph Claudius Ptolemäus bereits wesentlich näher an der Wahrheit um den Ursprung der Nilquellen. Er zeichnet eine Karte des afrikanischen Kontinents und darin den Verlauf des Nils, wie er ihn aufgrund seiner Studien vermutet: Es muss einen rechten Quellfluss geben, der einem See in Äthiopien entspringt.

Außerdem ist auf seiner Karte ein Hauptarm zu sehen, der aus zwei mächtigen Seen hervorgeht. Sie werden von einem verzweigten Gewässersystem einer langen Gebirgskette gespeist. Es sind die geheimnisvollen Mondberge, die schon die Priester der Pharaonenzeit erwähnt hatten.

John Hanning Speke, der Entdecker der Nilquellen?

Holzstich von Sir Richard Francis Burton.

Richard Francis Burton wurde später zum Ritter geschlagen

Einer der ersten Forscher im Zeitalter der Aufklärung, der die Quelle des Nils finden möchte, ist der Schotte James Bruce. Im äthiopischen Hochland entdeckt er 1770 die Stelle, an der der Blaue Nil entspringt. Von hier aus spült der Strom den fruchtbaren Schlamm in die Ebenen des Deltas.

Mit 1529 Kilometern Länge ist der Blaue Nil der wichtigste Nilhauptzufluss. Seine Quelle ist allerdings leichter zu bestimmen als die des Weißen Nils, der von Süden her kommt. Deswegen ist Bruce nicht der erste Europäer, der die Quelle findet. Bereits 150 Jahre vor ihm standen zwei portugiesische Jesuiten an der gleichen Stelle. Diese Tatsache wird ihm sein Leben lang zu schaffen machen.

Als eigentlicher Entdecker des Nilursprungs wird der britische Afrikaforscher John Hanning Speke angesehen. Die tatsächlichen Quellen findet aber auch er nicht. Im Auftrag der Royal Geographic Society bricht er 1857 zusammen mit Richard Francis Burton zu einer Expedition durch den schwarzen Kontinent auf.

Ihre Mission starten die beiden von Sansibar aus durch das heutige Tansania. Nach achtmonatigen Strapazen sind sie die ersten Europäer, die am Tanganjikasee stehen. Der aber gehört nicht zum Gewässersystem des Nils, sondern zu dem des Kongo.

"Die Nilfrage ist gelöst!" – wirklich?

Mit einer zweiten Expedition will Speke seine Kritiker überzeugen. Wieder von Sansibar kommend, erreicht er das nördliche Ende des Victoriasees im Juli 1862. Dort entdeckt er die gewaltigen Wasserfälle, von denen die Einheimischen während seines ersten Aufenthalts berichtet hatten. Um den Präsidenten der Royal Geographic Society zu ehren, heißen sie von da an Riponfälle. Und Speke ist sich jetzt ganz sicher: Hier entspringt der Nil. Den Auftrag der Royal Geographic Society sieht er damit als erfüllt an.

Voller Stolz schickt er ein Telegramm nach London: "Die Nilfrage ist gelöst!" In England wird er als Held gefeiert. Seine Annahme ist aber trotz allem nicht ganz richtig. Denn nur der Hauptzufluss des Viktoriasees kann eine Quelle des Nils sein, nicht der See selber.

Trotzdem reist Speke zufrieden mit seinem Ergebnis ab und trifft bald auf das englische Ehepaar Samuel und Florence Baker. Das Forscherpaar war von Norden her 6000 Kilometer den Nil hinaufgefahren. Als erste Europäer hatten sie das riesige Sumpfgebiet des Sudan bezwungen. Speke erzählt ihnen von seiner Entdeckung der Riponfälle am Victoriasee, was Baker zutiefst enttäuscht.

Seine Hoffnung auf Forscherruhm flammt aber wieder auf, als Speke vermutet, es müsse westlich des Victoriasees außer einem weiteren großen See noch eine zweite Nilquelle geben. Mit seiner Frau macht er sich auf den Weg und findet das Gewässer. In Gedenken an den verstorbenen Mann der Königin Victoria wählt er den Namen Albertsee. Baker glaubt, damit endlich den Nilursprung gefunden zu haben. Er irrt.

Sir Henry Morton Stanley.

Reporter beim New York Herald, Sir Henry Morton Stanley

Mittlerweile wird Spekes Theorie, der Nil nähme seinen Ursprung im Victoriasee, in England offen angezweifelt. Allen vorweg von seinem ehemaligen Weggefährten Burton. Der bekommt Rückendeckung vom allseits geschätzten Missionar und Afrikaforscher David Livingstone.

In Livingstone setzt die Royal Geographic Society jetzt ihre ganze Hoffnung. Er soll sich auf den Weg machen und den tatsächlichen Ursprung des Nils erkunden. Allerdings erhält England ab 1869 kein Lebenszeichen mehr von Livingstone aus Afrika.

Ein Reporter des "New York Herald", Sir Henry Morton Stanley, bekommt 1871 den Auftrag, ihn zu finden. Als ihm das nach siebenmonatiger Suche gelungen ist, machen er und Livingstone sich gemeinsam daran, das Rätsel um die Lebensader Ägyptens endgültig zu lösen. Sie müssen aber feststellen, dass der Tanganjikasee keinesfalls der Ursprung des Nils ist, so wie Livingstone es vermutet hatte. 1873 stirbt der hoch angesehene Livingstone, ohne die Nilquellen jemals gefunden zu haben.

Die tatsächlichen Quellen liegen in Burundi und Ruanda

Wasserfall in einem tropisch bewaldetem Gebiet in Uganda.

Im Quellbereich des Nils gibt es viele Wasserfälle

Doch Stanley gibt nicht auf und umsegelt etwa zwei Jahre später den Victoriasee. Er findet heraus, dass dieser ein zusammenhängendes Gewässer ist, das tatsächlich einen riesigen Abfluss bei den Riponfällen hat. Genau so, wie Speke berichtet hatte.

Ebenfalls überprüft Stanley die Angaben zu den Ausmaßen des Sees. Er stellt fest, dass Speke damit ungefähr richtig lag und schließt sich ihm an: Der Victoriasee ist das größte Binnengewässer Afrikas, aus dem der Nil seinen Anfang nimmt. In England ist man jetzt mehr als zufrieden mit Stanleys Ergebnissen, denn das Königreich kann sich endgültig als stolzer Sieger im Wettlauf um die Entdeckung des Nilursprungs präsentieren.

Tatsächlich aber hat niemand der Afrikaforscher die eigentlichen Quellen gefunden. Erst Jahre später wird sich herausstellen, dass der gigantische Strom zwei Quellflüsse hat. Der längere von beiden ist der Kagera. Sein Quellbach ist der Luvironza, der in Burundi entspringt. Von dort aus bis ins Mündungsdelta am Mittelmeer sind es 6671 Kilometer. Der zweite und kürzere Quellfluss des Nils ist der Rukarara. Er entspringt im Süden des burundischen Nachbarstaates Ruanda.

Autor: Lothar Nickels

Stand: 01.03.2016, 16:50

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