Interview: Traumata auf den Genen

Epigenetik

Interview: Traumata auf den Genen

Die Kinder und Enkelkinder jener Holländerinnen, die im Hungerwinter 1944/45 schwanger waren, erkrankten überdurchschnittlich häufig an Schizophrenie. Bei Selbstmördern, die in ihrer Kindheit missbraucht oder verstoßen worden waren, war ein wichtiges Stress regulierendes Gen ausgeschaltet. Und der Angriff auf die USA am 11. September 2001 hat bei Augenzeugen wohl Spuren am Genom hinterlassen. "Psychische Ereignisse materialisieren sich durch chemische Prozesse", sagt Florian Holsboer, der am Max-Planck-Institut für Psychiatrie epigenetische Ursachen Posttraumatischer Belastungserkrankungen erforscht.

Planet Wissen: Herr Holsboer, Sie haben nach dem Anschlag auf das World Trade Center in New York City Augenzeugen dahingehend untersucht, inwieweit dieses traumatisierende Ereignis deren Gene verändert hat. Wie kamen Sie, als Münchener Depressionsforscher, zu dieser 9/11-Studie?

Porträtfoto von Prof. Florian Holsboer

"Traumata verursachen Narben am Erbgut": Prof. Florian Holsboer

Prof. Florian Holsboer: Ich war bei dem Anschlag vis à vis dabei, weil ich gerade in New York war und mein Hotel nur rund 400 Meter Luftlinie vom World Trade Center entfernt war. Als ich gerade meinen Koffer packte, sah ich, wie ein Flugzeug in den einen Turm fliegt und dann das zweite in den anderen, und schließlich beide Gebäude einstürzten.

Ich bin zwar Psychiater, aber wie jeder andere Mensch auch war ich in dem Moment völlig geschockt und habe irrational gehandelt: Ich bin zum Friseur gegangen und etwas essen. Dann kam mir der Gedanke: Das ist für die Trauma-Forschung eine einzigartige Situation. Hier erleben gerade höchst unterschiedliche Menschen dasselbe traumatische Ereignis. Das könnte die Grundlage sein zu studieren, wie ein Trauma Gene an- und ausschalten kann, sich also unterschiedlich auf epigenetische Markierungen am Erbgut auswirkt. Zumal an der nahe gelegenen "Mount Sinai School of Medicine" - einer jüdischen Elite-Universität in der Bronx - eine Kollegin bereits Posttraumatische Stresserkrankungen von Holocaust-Opfern und Rückkehrern aus dem Vietnam-Krieg epigenetisch untersucht hatte.

Diese Kollegin, Rachel Yehuda, hat dann in New York Annoncen geschaltet und mit ihrem Team Hunderte Augenzeugen interviewt, um schließlich 40 geeignete Studienteilnehmer zu finden. 20 der Probanden hatten zu diesem Zeitpunkt - fünf Jahre nach dem Anschlag - eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Was ergaben Ihre Untersuchungen?

Menschen rennen durch die Straßen von Manhattan, im Hintergrund eine riesige Aschewolke vom ersten eingestürzten Turm des World Trade Centers.

Traumatisierender Tag für New Yorker: 11. September 2001

Bei den Probanden, die eine Posttraumatische Stresserkrankung hatten, waren einige Gene anders reguliert als bei den Gesunden. Die Epigenetik verändert ja nicht die Erbsubstanz an sich, sondern schaltet Gene an und aus. Bei den Probanden mit den psychischen Problemen waren bis zu 25 Gene mittels epigenetischer Modifikationen verändert, darunter auch ein Gen mit dem Namen FKPB5. Wenn das inaktiv ist, kann man den Spiegel des Stresshormons Cortisol nicht mehr steuern und deswegen nicht mehr angemessen auf Stress reagieren, was wiederum zu der Belastungsstörung führt.

Inwieweit können Sie sich sicher sein, dass diese epigenetischen Markierungen erst durch das Trauma von 9/11 entstanden sind?

Das ist der Schwachpunkt unserer Studie, denn wir wissen nicht, wie das Epigenom unserer Probanden vor dem 11. September 2001 ausgesehen hat: Haben sie eine Posttraumatische Belastungsstörung bekommen, weil das Trauma epigenetische Folgen hatte? Oder hatten diese Studienteilnehmer vor dem Trauma bereits diese epigenetischen Genmarkierungen und erkrankten deswegen leichter?

Sie müssten also eine Vorher-Nachher-Studie durchführen, bei der Sie bereits vor der traumatisierenden Erfahrung das epigenetische Muster der Versuchsteilnehmer untersuchen können?

Ein Bundeswehrsoldat der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (ISAF) auf einer Landstraße.

Bundeswehrsoldat in Afghanistan

Genau. Solch eine Studie bereiten wir auch gerade (April 2011, Anm. d. Red.) vor. Dabei arbeiten wir mit der Berliner Trauma-Ambulanz des Bundesverteidigungsministeriums zusammen. Wir wollen untersuchen, ob man bei Soldaten, die bei einem Einsatz Traumatisierendes erleben werden, anhand ihrer epigenetischen Signatur erkennen kann, wie sehr sie PTBS-gefährdet sind.

Je nach Risiko könnte man dann medikamentös intervenieren, noch bevor die Soldaten Symptome einer Posttraumatischen Stresserkrankung bekommen. Bräuchte man also eine Art "Pille danach", die etwa Soldaten nach einem schrecklichen Erlebnis prophylaktisch einnehmen könnten, um die Gene und die Seele vor Narben zu schützen?

Antidepressiva-Tabletten liegen auf einem Blatt Papier, das Wort "antidepressant" ist freigelassen.

Prophylaxe vor Posttraumatischer Belastungsstörung

Salopp könnte man das so sagen, ja. Wenn jemand von einer Zecke gebissen wurde und nun Borreliose-Bakterien im Blut hat, dann wartet man ja auch nicht, bis ein Patient eine Hirnhautentzündung hat, sondern gibt gleich Antibiotika. Und so würde ich, wenn ich einen Sohn hätte, der in Afghanistan seinen Dienst tut und traumatisiert wird, ihm gleich nach dem Erlebnis vier Wochen lang ein Antidepressivum geben - prophylaktisch, damit eine Posttraumatische Belastungsstörung gar nicht erst zum Ausbruch kommt. An unserem Max-Planck-Institut für Psychiatrie hat man ja bereits 2009 herausgefunden, dass einige der im Handel erhältlichen Antidepressiva sehr wohl positiv auf epigenetische Prozesse einwirken können.

Muss die epigenetische Veränderung durch ein Trauma immer schlecht sein?

Nein. Bei der Studie mit der Trauma-Ambulanz werden wir vielleicht feststellen können: Da gibt es zwei Soldaten, die dasselbe im Auslandseinsatz erlebt haben, aber nur bei einem wird sich die Genaktivierung verändern. Vielleicht ist das derjenige, der später eine Posttraumatische Belastungserkrankung bekommt. Vielleicht schützt diese epigenetische Veränderung aber auch gerade vor dem Auftreten solch eines psychischen Leidens. Das Wesen der Darwin'schen Evolutionstheorie ist ja, dass die Anpassungsprozesse aller Lebewesen in der Mehrzahl dazu da sind, sie vor dem Aussterben zu schützen.

Als Schlüsselexperiment für Ihr Interesse an epigenetischer Traumata- und Depressionsforschung bezeichnen Sie aber ein Maus-Experiment. Was hat es damit auf sich?

Wissenschaftler hält eine Labormaus am Schwanz fest.

Experiment: Angst bei Mäusen

Man weiß ja schon lange, dass frühkindliche Traumata dafür anfälliger machen, eine Depression und Posttraumatische Belastungsstörungen zu bekommen. Wir haben also neugeborene Mäuse zehn Tage lang immer einige Stunden von der Mutter weggenommen - das ist für diese Mäuschen ein ziemliches Trauma - und sie dann ein Jahr lang verhaltensbiologisch untersucht. Da hat sich herausgestellt, dass die Mäuse lebenslang erhöhte Angst hatten. Den biochemischen Mechanismus dafür konnten wir bis ins letzte Detail aufklären.

Wir konnten zeigen: Das vermehrte Angstverhalten wurde ausgelöst, weil im Hirn der Mäuse vermehrt das Protein Vasopressin produziert wurde. Das Gen für eben jenes Neuropeptid ist normalerweise methyliert und somit ausgeschaltet - bei den früh traumatisierten Mäusen fehlte dieser epigenetische Stummschalter die ganze Zeit. Mit einem Medikament, das die Andock-Stelle für den Botenstoff Vasopressin blockiert, konnten wir die Symptome dann aber deutlich lindern: Die Angst war weg. Diese wichtige Grundlagenarbeit wurde in "Nature" publiziert und hat bewiesen, dass die Auswirkungen psychischer Traumata bis ins molekulare Detail chemischer Natur sind.

Das klingt so, als würde der Psychotherapeut oder Psychiater bald überflüssig? Zumal Sie einmal gesagt haben: "Sigmund Freud gehört ins Chemielabor."

Silhouetten: Mann auf Couch mit einer Psychotherapeutin, die dahintersitzt.

Psychotherapie bleibt weiterhin sinnvoll

Freud hat sich dafür eingesetzt, dass man sich verdrängte Erlebnisse bewusst macht und nachträglich aufarbeitet. Man kann auf der Couch darüber sprechen, was ein Trauma bei einem in Gang gesetzt hat. Aber nur im Labor kann man aufklären, welche chemischen Prozesse bei oder nach einem Trauma ablaufen - also die Methylierungen und Acetylierungen und damit das epigenetische An- und Abschalten von Genen.


Die Epigenetik entzaubert die Psychotherapie dabei nicht, sondern sie macht uns verständlich: Psychische Ereignisse materialisieren sich durch chemische Prozesse. Und auch wenn der Psychiater mit Medikamenten und Psychotherapie solch epigenetische Markierungen nicht auflösen kann, so hilft er doch, den Umgang mit den Konsequenzen des epigenetischen Gedächtnisses zu verändern und sich an die Situation anzupassen.

Haben Sie eigentlich schon einmal Ihr eigenes Epigenom analysieren lassen?

Nein, solch einen heroischen Selbstversuch habe ich nicht getan. Ich wüsste auch nicht, nach welchen bestimmten epigenetischen Markern ich suchen lassen sollte. Das Erlebnis in New York hat mich, wie gesagt, zwar schockiert - aber ich habe das persönlich nicht als traumatisierend empfunden.

Interview: Franziska Badenschier

Stand: 01.06.2011, 13:00

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