Charles Darwin – Revolutionär und Gentleman

Evolutionsforschung

Charles Darwin – Revolutionär und Gentleman

Es gibt kaum einen Gelehrten, der unser Weltbild so sehr verändert hat wie Charles Darwin – mit seiner Theorie, dass sich die Erde erst im Laufe von vielen Millionen Jahren zu dem entwickelt hat, was sie ist und nicht von Gott in sechs Tagen geschaffen wurde. Deshalb galt der Engländer zu seiner Zeit als Ketzer, und noch immer bezeichnen bestimmte strenggläubige Christen seine Theorie als Irrlehre. Erstaunlicherweise war dieser Mann vom Wesen her kein Revolutionär, sondern ein angepasster Gentleman.

Nicht für die Medizin geboren

Das Schwarzweiß-Bild zeigt den britischen Naturwissenschaftler Charles Darwin als alten Mann mit langem weißem Bart.

Darwin – ein zurückhaltender Pragmatiker

Der Name Darwin war in der Wissenschaft bereits bekannt, als Charles Robert Darwin am 12. Februar 1809 im englischen Shrewsbury geboren wurde. Denn sein Großvater Erasmus war neben seiner Tätigkeit als Arzt auch Erfinder und Naturforscher. Als solcher befasste er sich bereits damit, dass sich Tiere und Pflanzen kontinuierlich weiterentwickeln und anpassen. Allerdings spekulierte Erasmus nur über das, was sein Enkel Charles viele Jahre später durch Fakten untermauern sollte.

Nach dem Tod der Mutter 1817 schickte Vater Robert – ein anerkannter Arzt – Charles auf eine Jungenschule, an der es sehr streng zuging und Prügel an der Tagesordnung waren. Schon mit 16 Jahren ging Charles gemeinsam mit seinem älteren Bruder Erasmus nach Edinburgh, wo beide begannen Medizin zu studieren – an derselben medizinischen Fakultät, die auch schon Großvater und Vater besucht hatten.

Wie letzterer ekelte sich auch Charles vor dem Operieren, das zu dieser Zeit noch ohne Narkose durchgeführt wurde. Schon im zweiten Studienjahr fand man ihn öfter Seetiere sammelnd am Meer als in der Universität. Als er im Herbst 1827 nach Shrewsbury zurückkehrte, merkte Vater Robert: "Medizin ist nicht das Richtige für meinen Sohn."

Theologie-Student ohne Überzeugung

Das Bild zeigt einen Kräutergarten.

Pflanzen interessierten Darwin immer mehr

Also überlegte sich Charles' Vater, was er stattdessen mit seinem Sohn anfangen könne. Und kam zu dem Schluss: "Am besten er studiert Theologie, und ich besorge ihm mit meinem Geld anschließend eine Pfarrei." Im 19. Jahrhundert war es in der anglikanischen Kirche üblich, frei werdende Pfarrerstellen an den Meistbietenden zu versteigern. Charles fügte sich dem Willen seines Vaters und studierte von 1828 an ohne Begeisterung in Cambridge Theologie.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Charles Darwin "nicht den mindesten Zweifel daran, dass jedes Wort in der Bibel im strengem Sinn und buchstäblich wahr sei". Allerdings stand er nur halbherzig hinter den Positionen der anglikanischen Kirche und machte die Theologie-Zwischenprüfung aus reinem Pragmatismus – weil er sie für eine Pfarrei eben brauchte.

Viel Zeit widmete er dem Sammeln und Identifizieren von Käfern, und dadurch wuchs auch sein Interesse an der Botanik. Gefördert wurde dies durch den Geistlichen John Steven Henslow, der jeden Freitag ein Treffen für Theologen veranstaltete, die sich mehr für Naturwissenschaften als für ihr eigenes Fach begeisterten. So schien der Weg Darwins vorgezeichnet: die Theologie für den Broterwerb, die Naturwissenschaften als Hobby. Doch es kam anders.

Die Weltreise mit der "Beagle"

Die schwarzweiße Zeichnung zeigt ein Segelschiff auf dem Meer, im Vordergrund sind drei Ruderboote mit Menschen darin zu erkennen.

Die "Beagle" in der Magellanstraße

Am 29. August 1831 erhielt Charles Darwin eine Anfrage Henslows, ob er an einer Expedition teilnehmen wolle, deren Ziel es war, die Küsten Südamerikas genauer zu vermessen. Der Kapitän, Robert FitzRoy, suchte einen Reisegefährten – am liebsten einen Naturwissenschaftler, dem sich auf der Reise einmalige Gelegenheiten für seine Forschungen bieten würden.

Darwin war von der Idee begeistert, sein Vater strikt dagegen. Seine Begeisterung ließ sich der 22-Jährige auch nicht von der Tatsache nehmen, dass das Schiff, die "Beagle", nur knapp 30 Meter lang und gut sieben Meter breit war und er seine zehn Quadratmeter große Kabine teilen musste.

Nachdem sich FitzRoy und Darwin in London kennengelernt und gut verstanden hatten, stand der Entschluss endgültig fest. Die Abreise verzögerte sich jedoch um drei Monate; die Zeit bis zum Auslaufen am 10. Dezember 1831 nutzte Darwin, um sich gründlich vorzubereiten. Am 28. Februar 1832 erreichte die "Beagle" die brasilianische Küste.

Mehr als zwei Jahre segelte das Schiff anschließend die Küsten Südamerikas entlang. Darwin verbrachte die meiste Zeit an Land und ließ sich von nichts abschrecken, wenn es darum ging, neue Pflanzen oder Tiere zu entdecken. Im September 1835 – nach Besuchen von Feuerland und Argentinien und fast vier Jahren Reise – landete die Beagle auf den Galapagosinseln.

Der Beginn seiner naturwissenschaftlichen Karriere

Das Bild zeigt eine Meerechse, die sich auf den Galapagos-Inseln auf einem Felsen sonnt.

Galapagos – bedeutend für Darwins Theorie

Auf den Inseln machte Darwin Beobachtungen, die er ohne Euphorie notierte, die viel später jedoch von großer Bedeutung für die Entwicklung seiner Theorie der Evolution waren: Es gab dort Tierarten, die nirgendwo anders vorkamen. Bei den Spottdrosseln fiel ihm auf, dass sogar auf den einzelnen Inseln verschiedene Arten lebten.

Inzwischen war Charles Darwin in seiner Heimat England bereits als Wissenschaftler bekannt, da sein Mentor Henslow zehn seiner Briefe über südamerikanische Geologie als Buch herausgegeben hatte. Der junge Mann hatte sich einen Namen als Naturwissenschaftler gemacht – und das ohne jeden Abschluss.

Nach der Rückkehr nach England am 12. Oktober 1836 unterstützte nun auch der Vater, beeindruckt vom Erfolg seines Sohnes, dessen naturwissenschaftliche Neigungen. Bemerkenswert: Auf der Reise mit der "Beagle" widmete sich Charles Darwin ausführlich der Ehe. Er schrieb, dass er keine "geschlechtslose Arbeitsbiene" sein wolle, die "nur schuftet und sonst nichts".

Allerdings gab es zunächst keine geeignete Kandidatin zum Heiraten. Auch hier siegte wieder der Pragmatismus Darwins: Er hielt 1838 um die Hand der Tochter der befreundeten Familie Wedgewood an. Die Hochzeit wurde ein Jahr später gefeiert.

Die späte Veröffentlichung seiner Theorie

Das Bild zeigt viele Tauben, die sich um Futter balgen.

Taubenzucht half Darwin bei der Entwicklung seiner Theorie

Charles Darwin lebte mit seiner Frau Emma zunächst in London. Er kränkelte und plagte sich mit Herz- und Magenbeschwerden sowie Kopfschmerzen herum. Auch ein Umzug aufs Land 1842 änderte daran nichts. Die gesundheitlichen Beschwerden begleiteten Darwin sein weiteres Leben, was er mit bemerkenswerter Tapferkeit ertrug. Zwischen 1844 und 1855 widmete er sich zunächst einer detaillierten Studie über Krustentiere.

Erst danach schickte er sich an, seine Ideen zur Evolution ausführlich zu Papier zu bringen. Der Grund für die späte Veröffentlichung war Darwins Angst – Angst vor den Reaktionen der englischen Geistlichen und Naturwissenschaftler auf seine Theorie der Evolution der Arten, die ihren Ansichten fundamental entgegenstand. Charles war eben nicht wie sein Großvater Erasmus, der sicherlich sofort alles veröffentlicht und die gesellschaftliche Schmähung in Kauf genommen hätte.

So erschien die erste Auflage von "The Origin of Species" ("Über die Entstehung der Arten") erst 1859. Wahrscheinlich wäre sein Hauptwerk noch später erschienen, hätte Darwin nicht im Juni 1858 einen Brief des Zoologen Alfred Russel Wallace erhalten, dem dieser einen Aufsatz beigefügt hatte, in dem er die Theorie der Variation und der natürlichen Auslese skizzierte – also Darwins Idee. Die Kühnheit und Klarheit von "The Origin of Species" schockierte. Während viele Geistliche das Werk angriffen, verteidigten aufstrebende Naturwissenschaftler es.

Der Forscher zweifelt

Nach der Veröffentlichung von "The Origin of Species" beschäftigte sich Darwin weiter mit einer Frage, die er bis ans Ende seines Lebens nicht beantworten konnte: Wie werden erworbene Eigenschaften weitervererbt? Es gelang Darwin nicht, sich ein klares Bild darüber zu machen. Außerdem widmete er sich der Evolution des Menschen, wozu er insgesamt relativ rückständige Ansichten hatte.

Durch seine Forschung wurde Charles Darwin nach und nach zum Agnostiker, der sich einer göttlichen Existenz nicht mehr sicher war, sie aber auch nicht bestreiten wollte. Seine Frau Emma, mit der er zehn Kinder bekam, blieb hingegen ein Leben lang gläubig. Darwin starb am 19. April 1882 und wurde in der Londoner "Westminster Abbey" beerdigt.

Seine Verdienste für die Fortentwicklung der Naturwissenschaft sind unermesslich. Denn er lieferte die grundsätzlichen Erklärungen für drei Phänomene des organischen Lebens – die Verwandtschaft, die Vielfalt und die Angepasstheit der Arten –, die zuvor Rätsel aufgegeben hatten. Und dies sind Erklärungen, die zum großen Teil noch heute gelten.

Autorin: Alexandra Stober

Stand: 20.04.2016, 11:35

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