Exzentriker

Hirnforschung

Exzentriker

Sie sind anders als andere, haben ihren ganz eigenen Stil und sind etwas ganz Besonderes: Unter 10.000 Menschen gibt es nur einen Exzentriker.

Spinner, Sonderlinge, Genies

Haben Sie ungewöhnliche Ess- und Schlafgewohnheiten? Leben Sie gern alleine? Sind Sie besonders neugierig, kreativ und überdurchschnittlich intelligent? Wollen Sie die Welt verbessern? Ist Ihnen egal, was andere denken und haben Sie einen eher schwarzen Humor? Sind Sie nicht an materiellem Erfolg interessiert und kennen Sie kein Konkurrenzdenken? Und wussten Sie schon als Kind, dass sie ganz anders sind als Ihre Mitmenschen? Dann könnte es sein, dass Sie exzentrisch veranlagt sind.

Das Leben mit Exzentrikern kann berauschend, erhellend und faszinierend sein. Ihre Energie, ihre Intelligenz und ihre Kreativität versetzen normale Mitmenschen immer wieder ins Staunen. Andererseits kann der Umgang mit ihnen auch zermürben, weil sie häufig nicht bereit sind, von ihren Plänen und Vorstellungen abzurücken und dabei manchmal an Asperger-Autismus erinnernde Symptome zeigen.

So vermerkte der Komponist Erik Satie 1913 in seinem Text "Der Tagesablauf eines Musikers“: "Aufstehen 7.18 Uhr, … inspiriert werden 10.23 bis 11.47 Uhr, … Ich gehe regelmäßig um 22.37 Uhr zu Bett. Einmal in der Woche (dienstags) wache ich mitten in der Nacht um 3.19 Uhr auf.“

Windhund oder Pekinese?

Exzentrik ist kein Spleen und keine psychische Störung, sondern eine angeborene Anlage. Was Exzentrik auslöst, welche Synapsen oder Gehirnteile dafür verantwortlich sind, ist noch unklar. Fest steht, dass Exzentriker meist zufrieden am Rande der Gesellschaft (lateinisch: ex centro) und außerhalb der geltenden Normen leben.

Man wird als Exzentriker geboren, aber man entschließt sich freiwillig und bewusst zu einem Leben als Paradiesvogel. Der Druck, den eigenen Anlagen zu folgen, ist größer als der Druck der Umgebung nach Anpassung.

Exzentriker sind Nonkonformisten: Sie scheren sich nicht darum, wie die Welt normalerweise funktioniert. Dr. Hunter "Patch" Adams untersucht seine Patienten im Clownkostüm, lehnt Honorare kategorisch ab und wurde dadurch weltberühmt. 1998 wurde sein Leben mit Robin Williams in der Hauptrolle verfilmt.

Aber auch im Verborgenen blühen glückliche exzentrische Existenzen: Der Chippewa-Indianer Marvin Staples geht immer nur rückwärts, weil er sich dadurch jünger fühlt. Der britische Abfallverwerter John Ward konstruiert witzige, aber weitgehend nutzlose Erfindungen aus Müll. Und in Devon in England bewohnen 7500 Gartenzwerge ein Haus mit der Zwergenfreundin Ann Atkins, die messianisch durch Verteilen von Zipfelmützen für die Verbreitung der Gartenzwergidee wirbt.

Auf den ersten Blick erscheinen viele Projekte und Tugenden von Exzentrikern als völlig überflüssig und gesellschaftlich unverwertbar. Aber gerade diese Tugenden sind es, die unter Umständen Anstoß zu neuen Erfindungen und Entwicklungen geben. Die Religionsstifter Jesus und Buddha gelten als Exzentriker.

Zeichnung von Albert Einstein.

Albert Einstein - ein genialer Paradiesvogel

Und die Wissenschaft verdankt exzentrischem Denken einiges: Vielleicht hätte Alexander Graham Bell nie das Telefon erfunden, wenn er nicht die Obsession gehabt hätte, seinem Hund das Sprechen zu ermöglichen. Vielleicht beruht der absolute Freiheitswillen des Erfinders und Gründervaters der USA, Benjamin Franklin, auf seiner Leidenschaft, sich nackt zu bewegen.

Und hätte Albert Einstein die Welt als gegeben genommen, wäre er sicher nicht auf die Relativitätstheorie gekommen. Bekennende Exzentriker haben es nicht immer leicht, akzeptiert zu werden, aber sie können ihre ungewöhnlichen Anlagen in vollen Zügen genießen – oder wie es die britische Exzentriker-Chronistin Edith Sitwell (1887-1964) formulierte: "Wenn man ein Windhund ist, sollte man nicht versuchen, als Pekinese durchzugehen.“

Exzentriker - Prüfstein für eine tolerante Gesellschaft

In den 1980er Jahren analysierte der Neuropsychologe David Weeks in einer Studie mehr als 1000 exzentrische Personen und durchforstete die Geschichte nach offensichtlichen Exzentrikern. Sein Ergebnis: Exzentriker mögen ihren Zeitgenossen verrückt erscheinen, aber sie sind der Motor des Fortschritts. Und es hat sie offenbar zu allen Zeiten und in allen Kulturen gegeben.

Aber nicht jede Gesellschaft duldet Abweichung: Viele Paradiesvögel sind im Laufe der Geschichte in Gefängnissen und Irrenhäusern oder gar auf dem Scheiterhaufen gelandet. Immer wieder wurde eine physische oder psychische Störung als Grund für exzentrisches Verhalten vermutet.

Je starrer die Struktur einer Gesellschaft, desto weniger Raum bietet sie für exzentrische Lebensweisen. Beste Chancen scheint es in der britischen Gesellschaft zu geben: Hier galt ein Spleen schon immer als schick, besonders in den höheren Kreisen.

Bayrische Königstreue mit Bild Ludwigs II.

Fanobjekt: Ludwig II, der König der Exzentriker

In Deutschland sind Exzentriker dank der preußischen Tugenden Zucht und Ordnung nicht immer gern gesehen, aber sie werden von den meisten geduldet. Die Franzosen lieben die Idee vom exzentrischen Leben, haben aber in der Praxis nicht viel für Sonderlinge übrig.

In Japan, dem Land, dessen pädagogisches Ziel es lange war, jeden Nagel, der aufragt, herunterzuhämmern, sind Exzentriker verpönt – trotzdem sind die Japan-typischen Mangas voll von ihnen.

Berühmte Exzentriker

Nicht jeder, der anders aussieht, ist Exzentriker und nicht jeder Exzentriker sieht auch so aus. Ein historisches Beispiel für einen Zweckexzentriker ist Ludwig XIV. Die pompöse Selbstinszenierung des Sonnenkönigs war keine individuelle Überzeugung, sondern politisches Kalkül: Sie diente der Schaffung einer radikal durchorganisierten und abhängigen Hofgesellschaft.

Wer sich tagtäglich mit Mode, höfischen Ritualen und skurrilen Ehrenämtern auseinandersetzen musste, hatte wenig Gelegenheit, eigene Interessen außerhalb der Spaßgesellschaft Versailles zu verfolgen. Anders der Preußenkönig Friedrich II.: Er ordnete seine persönlichen exzentrischen Anlagen der Zucht und Staatsraison unter - gnadenlos gegen sich und andere.

Vivienne Westwood mit ihrem Mann.

Vivienne Westwood: Konventionen spielen für sie keine Rolle

Zweck- oder Berufsexzentriker finden sich heute vor allem in der Mode- und Stylingbranche. Trotz lupenreiner Exzentriker wie Vivienne Westwood oder Karl Lagerfeld ist für die Masse der Outfit-Createure ein schrilles Äußeres und Auftreten so etwas wie eine allgemeine Dienstkleidung.

Viele Exzentriker haben eine künstlerische Begabung: Maler wie Picasso, Frida Kahlo oder Salvador Dali; Sänger und Musiker wie Helge Schneider, Bob Dylan, Prince, John Lennon, Michael Jackson oder Schauspieler und Regisseure wie Woody Allen, Howard Hughes oder Rainer Werner Fassbinder haben ihr exzentrisches Potenzial künstlerisch genutzt.

Woody Allen.

Regisseur Woody Allen

Schauspieler dagegen müssen dabei aber trotzdem bereit zur Anpassung sein, um eine Rolle gut auszufüllen. In ihren Reihen findet man deswegen selten echte Exzentriker. Selbst schauspielerisch grandiose Paradiesvögel wie zum Beispiel Jack Nicholson oder Helena Bonham Carter sind im Filmgeschäft oft auf Rollenklischees festgelegt, um die Erwartung des Publikums zu erfüllen.

Autorin: Barbara Garde

Stand: 12.05.2016, 10:00

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