Chronik einer Höhlenrettung – Der Fall Johann Westhauser

Helfer seilen sich in den steilen dunklen Schacht der Riesendinghöhle ab

Höhlenforschung

Chronik einer Höhlenrettung – Der Fall Johann Westhauser

Nach zwölf Tagen endlich aufatmen: Der Höhlenforscher Johann Westhauser erreicht die Oberfläche der Riesending-Schachthöhle. Hunderte Helfer setzten für ihn ihr Leben aufs Spiel. Zwölf Tage Anspannung für Einsatzleiter Klemens Reindl und die internationalen Höhlenretter.

Tag 1: Der Unfall

Der Höhlenforscher Johann Westhauser erleidet in 1000 Metern Tiefe trotz Helm eine schwere Kopfverletzung. Er ist nicht mehr in der Lage, die Riesending-Schachthöhle aus eigener Kraft zu verlassen. Ein weiteres Mitglied der Forschungsexpedition erreicht nach zehn Stunden Aufstieg das Tageslicht und informiert die Bergwacht. Noch am Abend steigen die ersten drei Teams mit elf Höhlenrettern zum Verunglückten hinab.

Tag 2: Kommunikation mit Höhlen-SMS

Die ersten Rettungskräfte erreichen den Unfallort. Der exakte Gesundheitszustand Westhausers ist weiterhin unklar. Die Kommunikation funktioniert über das Funksystem "Cavelink". So ist das Versenden von Textnachrichten zwischen dem Höhleneingang und dem Unfallort möglich. Weitere Helfer der Bergwacht Bayern und aus Salzburg treffen ein. Die Landes- und Bundespolizei unterstützen den Einsatz mit Hubschraubern.

Tag 3: Arzt wagt den Abstieg

Das Rettungsteam ist beim verletzten Höhlenforscher angekommen und meldet, dass Westhauser bei Bewusstsein ist. Jetzt soll ein Arzt zu ihm vorstoßen. Nur wenige Mediziner in Europa kommen für diesen Einsatz infrage, da sie sowohl medizinisch kompetent wie höhlenerfahren sein müssen. In der Höhle haben Retter mittlerweile Biwaks mit Trinkwasser, Verpflegung und Schlafsäcken eingerichtet.

Vier Helfer stehen am Berggipfel auf einem Felsen in der Nähe der Riesendinghöhle

Rettungskräfte am Eingang der Riesendinghöhle in Berchtesgaden

Tag 4: Medikamente für den Verletzten

Der Arzt muss wegen konditioneller Probleme abbrechen. Zwei weitere Ärzte sind auf dem Weg in die Höhle. Doch auch sie müssen Pausen einlegen, um körperlich fit und seelisch belastbar beim Patienten einzutreffen. Die vorläufige Diagnose der Sanitäter lautet: leichtes Schädel-Hirn-Trauma. Am Abend kommt ein Team aus italienischen Helfern und einem österreichischen Arzt bei Westhauser an. Er kann jetzt medikamentös behandelt werden.

Tag 5: Transport wird vorbereitet

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag erreicht auch der italienische Arzt den verletzten Höhlenforscher. Die Mediziner treffen die Entscheidung: "Der Patient ist transportfähig." Weitere sechs Teams transportieren nun Medikamente und das nötige Rettungsmaterial zur Unfallstelle. Alle Beteiligten und Anwesenden erwarten nun mit Spannung den Beginn des Transports.

Tag 6: Start des Transports

Das Team braucht neue Sicherungsseile für den Rücktransport. Aufgrund schlechten Wetters können die Hubschrauber jedoch nicht fliegen, um das fehlende Material zu liefern. Streckenabschnitte werden ausgebaut, Westhauser liegt auf einer Spezialtrage, und zur besseren Kommunikation werden Drähte für ein Höhlentelefon verlegt. Am Abend beginnt der Transport.

Höhlenrettung

Der Höhlenforscher Johann Westhauser erleidet am 8. Juni 2014 in 1000 Metern Tiefe trotz Helm eine schwere Kopfverletzung. Er ist nicht mehr in der Lage, die Riesending-Schachthöhle aus eigener Kraft zu verlassen. Ein weiteres Mitglied der Forschungsexpedition kann nach zehn Stunden Aufstieg die Bergwacht informieren. Darauf folgt eine spektakuläre Rettungsaktion: Nach 12 Tagen Bangen bringen die Höhlenretter den Verunglückten ans Tageslicht.

Versorgungshubschrauber der Bundes- und Landespolizei

Versorgungshubschrauber der Bundes- und Landespolizei sorgen für Nachschub an Material und Lebensmitteln und transportieren die Helfer zur Unglücksstelle.

Versorgungshubschrauber der Bundes- und Landespolizei sorgen für Nachschub an Material und Lebensmitteln und transportieren die Helfer zur Unglücksstelle.

Insgesamt sind 728 Einsatzkräfte aus fünf Ländern an der Rettungsaktion beteiligt.

Extreme Bedingungen für die Retter fordern präzise Planung: In der Höhle ist es um die vier Grad kalt. Zudem ist es mit 98 Prozent Luftfeuchtigkeit sehr nass.

Lagebesprechung auf dem Bergplateau in 1800 Metern Höhe.

Bei der tagelang andauernden Rettungsaktion kommen die Helfer an ihre Grenzen.

Bis zum Höhleneingang ist für das Einsatzteam eine 300 Meter hohe Steilwand zu überwinden.

Wie ein gut verschnürtes Paket wird Johann Westhauser auf einer Spezialtrage Richtung Tageslicht transportiert.

Endlich geschafft! Oben angekommen, behält der Verletzte den Helm und den Augenschutz auch weiterhin an, um ihn vor einem Rettungskollaps zu bewahren.

Die letzten Meter: Mit einem Hubschrauber der Bundespolizei wird Johann Westhauser in die Klinik Murnau geflogen.

Erleichterung und Freude: Das internationale Rettungsteam applaudiert. Fast zwei Wochen haben alle rund um die Uhr erfolgreich zusammengearbeitet.


Tag 7: Patient ist stabil

Elf Stunden hat ein Team aus 15 italienischen Höhlenrettern Johann Westhauser auf einer Spezialtrage zum nächsten Biwak transportiert. Ein deutscher Mediziner aus München löst nun den österreichischen Arzt ab, der seit fast fünf Tagen in der Höhle ist. Der gesundheitliche Zustand des Patienten ist nach wie vor stabil.

Tag 8: Langsam kommen sie voran

Mittlerweile befinden sich etwa 100 Retter in der Höhle, die die Versorgungspunkte weiter ausbauen. Die ersten Nahrungsmittel werden knapp und müssen nachgeliefert werden. Der Weg führt über enge Gänge, Canyons und unterirdische Bachläufe. Am nächsten Biwak wird der Verletzte von einem internationalen Ärzteteam betreut.

Tag 9: Transport geht schneller als gedacht

Das Einsatzteam schafft es bis auf 700 Meter Tiefe. Jetzt folgt einer der schwierigsten Streckenabschnitte: Steile Bergschächte führen zum Höhleneinstieg. Hier wenden die Retter ein Flaschenzug-System an. Mehrere Retter seilen sich nach unten ab, im Gegengewicht zieht das Seil den "verpackten" Westhauser einige Meter nach oben.

Unfallopfer wird von zahlreichen Helfern ans Tageslicht gebracht. In den Gesichtern ist Erleichterung zu sehen.

Erleichterung bei den Rettungskräften: Westhauser ist am Tageslicht

Tag 10: Helfer kommen an ihre Grenzen

Auf dem Weg zum letzten Notfallpunkt vor dem Höhleneingang müssen der Verletzte und die Helfer eine schwierige Passage überwinden, eine "Wasserdusche". Ein Schweizer Team soll mit einer speziellen Ausrüstung dafür sorgen, dass Westhauser dabei nicht nass wird und keine Unterkühlung erleidet. Strapazen für die Retter und höchste Zeit für den Verunglückten, mit seiner Kopfverletzung so schnell wie möglich auf die Intensivstation eines Krankenhauses zu gelangen.

Tag 11: Die letzte Etappe

Nach einer mehrstündigen Pause am letzten Biwak bewegt sich das Team weiter in Richtung Tageslicht. Es sind noch knapp 300 Höhenmeter, inklusive eines 180-Meter-Steilschachts. Draußen hat die Deutsche Flugsicherung für die Region am Untersberg eine Flugverbotszone verhängt. Bis Sonntag dürfen hier ausschließlich die Rettungs- und Versorgungshubschrauber der Bundes- und Landespolizei fliegen, damit die Rettung nicht behindert wird.

Tag 12: Es ist geschafft!

Um 11.44 Uhr kommt die Nachricht, auf die alle gewartet haben: Das Rettungsteam hat es geschafft, Johann Westhauser an die Oberfläche zu transportieren. Nach einer medizinischen Erstversorgung fliegt ihn ein Rettungshubschrauber in die Unfallklinik Murnau. Einsatzleiter Klemens Reindl bezeichnet diese Bergung als "Meilenstein in der alpinen Bergrettung".

Autorin: Andrea Wieland

Stand: 19.02.2015, 12:00

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