Spiegelneuronen

Forschung

Spiegelneuronen

Das haben wir alle schon selbst erlebt: Unser Gegenüber gähnt und wir müssen automatisch auch gähnen, jemand lächelt uns in der U-Bahn an und wir lächeln ohne nachzudenken zurück. Oder wir können unsere Tränen einfach nicht unterdrücken, wenn wir einen traurigen Film sehen. Dass wir empfinden, was andere empfinden, egal ob es nun Mitleid, Trauer oder Freude ist, verdanken wir bestimmten Nerven in unserem Hirn – den Spiegelneuronen. Erst sie machen uns zu einem sozialen, mitfühlenden Wesen.

Was genau sind Spiegelneuronen?

Spiegelneuronen sind ein Resonanzsystem im Gehirn, das Gefühle und Stimmungen anderer Menschen beim Empfänger zum Erklingen bringt. Das Einmalige an den Nervenzellen ist, dass sie bereits Signale aussenden, wenn jemand eine Handlung nur beobachtet. Die Nervenzellen reagieren genau so, als ob man das Gesehene selbst ausgeführt hätte. Am besten ist ein Vergleich aus der Musik: Wenn wir eine Gitarrensaite zupfen, bringen wir die anderen Saiten des Instruments auch zum Schwingen, wir erzeugen eine Resonanz. Mitgefühl, Freude, aber auch Schmerzen zu empfinden, ist auf diese Weise erst möglich.

Nahaufnahme von Gitarrenseiten, die mit einem Plektrum gespielt werden

Eine schwingende Gitarrensaite erzeugt Resonanz

Die Spiegelneuronen im Gehirn sind spezielle Nervenzellen, die den Menschen zum mitfühlenden Wesen machen. Wenn man beobachtet, dass sich jemand beim Gemüse schnipseln in den Finger schneidet, erlebt man selbst ein Unbehagen und kann nachempfinden, wie sich der Schmerz anfühlt. Wir werden mit dem Gefühl des anderen "angesteckt", das heißt unsere Spiegelneuronen reagieren nicht nur, wenn wir selbst Leid, Schmerz oder Freude erfahren, sondern diese Nervenzellen werden auch dann aktiv, wenn wir diese Empfindungen bei jemand anderem wahrnehmen.

Wie wurden die Spiegelneuronen entdeckt?

Rein zufällig stieß die italienische Forschergruppe um ihren Leiter Giacomo Rizzolatti 1996 auf die Spiegelzellen. An der Universität Parma erforschte das Physiologenteam an Schimpansen, wie Handlungen im Gehirn geplant und umgesetzt werden. Im Versuchsaufbau ging es den Wissenschaftlern darum, herauszufinden, welche Nervenzellen bei einem Schimpansen, der an ein Messgerät angeschlossen ist, aktiv werden, sobald er nach einer Nuss greift. Dabei machten die Forscher eine sensationelle Entdeckung. Denn die Nervenzellen sandten nicht nur Signale aus, wenn der Affe selbst nach einer Nuss griff, sondern auch, wenn das Tier beobachtete, wie ein Teammitarbeiter die gleiche Handlung ausführte. Indem der Affe die Bewegungen des anderen mitverfolgte, reagierten die Nervenzellen so, als ob der Schimpanse selbst nach der Nuss gegriffen hätte. Das Gesehene wurde im Gehirn des Schimpansen "gespiegelt". Die Nervenzellen, die diese spiegelnden Signale auslösten, nannten die Forscher nun Spiegelneuronen. Endlich gab es eine wissenschaftliche Erklärung für Phänomene wie Intuition und Mitgefühl, die lange Zeit von Naturwissenschaftlern nur belächelt worden waren.

Wie sind wir mit Spiegelneuronen ausgestattet?

Spiegelneuronen gehören zur Grundausstattung unseres Gehirns. Von Geburt an ist der Mensch mit Spiegelneuronen ausgerüstet, die dem Säugling die Fähigkeit geben, bereits wenige Tage nach der Geburt mit seiner Mutter oder seinem Vater erste Aktionen der Spiegelung vorzunehmen. Frühe Spiegelungen sind nicht nur möglich, sondern sie entsprechen dem emotionalen Grundbedürfnis des Neugeborenen.

Die Fähigkeit zu spiegeln entwickelt sich nicht von allein, sie braucht einen Partner. Beim Baby ist es die Mutter oder eine andere Bezugsperson, die die Möglichkeit der Spiegelaktionen aktiviert. Kinder müssen erst lernen, die Gefühle der anderen zu erfühlen. Forscher gehen davon aus, dass zwischen dem 3. und 4. Lebensjahr die Spiegelneuronen voll entwickelt sind. Ab diesem Zeitpunkt hat das Kind eine eigene, unabhängige Sichtweise auf die Welt. Dass die Spiegelneuronen bei Kleinkindern aktiv sind, wird sichtbar, wenn ein Kind anfängt beispielsweise seine Mutter zu trösten. Es hat in dem Moment erkannt und gespiegelt, dass die Mutter traurig ist.

Mutter  bringt ihre einjährige Tochter mit einem "Gute-Nacht-Kuss" ins Bett

Von Geburt an ist der Mensch mit Spiegelneuronen ausgerüstet

Eine nicht unwesentliche Rolle bei der Funktion der Spiegelneuronen spielen Vorerfahrungen. Wer erfahren musste, dass freundliche Menschen unerwartet unangenehme Seiten zeigen, dessen Spiegelneuronen werden anders auf freundliche Menschen reagieren als Personen, die keine schlechten Erfahrungen gemacht haben. Wird die Fähigkeit zu spiegeln unterdrückt oder nicht genutzt, geht sie verloren. "Use it or lose it" (nutze sie oder verliere sie) heißt die Devise der Forscher, die auf alle Nervenzellsysteme zutrifft, nicht nur auf die Spiegelneuronen.

Gerade die Medizin macht sich in der Rehabilitation von Schlaganfallpatienten die Funktionsweise der Spiegelneuronen zunutze. Indem Patienten bestimmte Handlungen verfolgen, werden sie in die Lage versetzt, selbst diese Handlung auszuüben, ihre Beweglichkeit wird verbessert. Spiegelneuronen können ein Leben lang angeregt werden und sind in der Lage neue Erfahrungen zu machen, die gespeichert werden und dann wieder abrufbar sind.

Wie funktionieren Spiegelneuronen?

Spiegelneuronen funktionieren unbewusst, wir müssen nicht darüber nachdenken. Die Bewegungsmuster oder Körperzeichen des anderen werden von unserem Gehirn schnellstens dechiffriert. In unserem Gehirn entsteht ein Spiegelbild von dem, was wir sehen. Nachdem durch die Körpersprache des anderen die Information zu unserem Gehirn kam, werden spezifische Spiegelneuronen aktiv, die die entsprechenden Gefühle zum Schwingen bringen. Egal ob es Trauer, Freude oder Ärger ist: In kürzester Zeit beginnen die Spiegelneuronen den gleichen Zustand in der beobachtenden Person "anzustecken", also die gleichen Emotionen zu übertragen. In einem nächsten Schritt vergewissern wir uns, ob die Gefühle, die wir empfinden, beim anderen auch echt sind.

Eine junge Frau und ein junger Mann sitzen in einem Cafe und flirten

Die Körpersprache eines anderen wird von uns unbewusst dechiffriert

Das Funktionieren der Spiegelneuronen ist für unser alltägliches Zusammenleben unentbehrlich. Wir haben bestimmte Muster abgespeichert, die uns signalisieren, was bestimmte Handlungen bedeuten. Ohne intuitive Gewissheiten darüber, was eine gegebene Situation unmittelbar nach sich ziehen wird, wäre ein Miteinander von Menschen undenkbar. Es reichen wenige Zeichen, um aus den Bewegungen anderer Menschen die richtigen Schlüsse zu ziehen. In einem vollen Kaufhaus erkennen wir intuitiv, wohin die anderen Menschen sich bewegen werden und reagieren entsprechend darauf. Spiegelneurone führen wahrgenommene Situationen und Handlungen vorausschauend zu Ende. Sie lassen uns also erahnen, was unser Gegenüber als nächstes tun wird. So ist es möglich, dass wir durch ein volles Kaufhaus gehen ohne ständig mit anderen zusammenzustoßen.

Wir können uns aber auch weigern Emotionen zu spiegeln, wenn wir nicht offen genug sind oder uns andere starke Emotionen blockieren, dann reagieren wir auf ein Lächeln in der S-Bahn eben nicht. Auch der Verstand kann dabei hinderlich sein, intuitiv das Richtige zu spiegeln. Wir nehmen zwar die Gefühle des anderen wahr, das können wir gar nicht verhindern, aber unser Verstand blockt eine entsprechende Reaktion ab.

Welche Bedeutung haben die Spiegelneuronen in der Evolution?

Ein Schwarm Goldbrassen von unten in einer Unterwasseraufnahme in einer Fischzucht

Haben auch Schwarmtiere wie diese Fische Spiegelneuronen?

Seit Beginn der Menschheit sind wir in der Lage, Gefahren zu erkennen und können vorausahnen, was passieren wird. Unsere Mimik und Gestik funktioniert quasi wie eine eigene Sprache. In der Frühzeit des Menschen, als die Sprache noch nicht ausgebildet war, war die Fähigkeit, die Körpersprache der anderen richtig zu deuten, überlebenswichtig. Das System der Spiegelneuronen hat also eine bedeutende Rolle in der Evolution des Menschen und in der Entwicklung der Kulturen gespielt.

Lange Zeit ging die Forschung, gestützt auf Darwin, davon aus, dass evolutionsgeschichtlich der Stärkste überlebt, nach dem Motto "survival of the fittest". Nach der Entdeckung der Spiegelneuronen kann der Kampf ums Überleben nicht mehr als einziges Ziel der Evolution angesehen werden. Menschen sind auf beides angewiesen: das eigene Überleben durch permanente Anpassung zu sichern, zu erkennen, von wem und was Gefahr ausgeht, und gleichzeitig andere zu finden, die die eigenen Gefühle und Bedürfnisse "spiegeln".

Die Fähigkeit, die Emotionen anderer zu spiegeln, unterscheidet uns auch von den Tieren. Dennoch geht die Wissenschaft davon aus, dass gerade bei Tieren, die in Schwärmen auftreten, zum Beispiel bei Zugvögeln oder Fischen, so etwas wie Spiegelvorgänge existieren müssen.

Autor/in: Sabine Kaufmann

Stand: 07.11.2014, 12:00

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