Alpen

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Die Alpen - mit ihren einsamen Höhen, schneebedeckten Gipfeln und blühenden Bergwiesen erscheinen sie uns majestätisch und romantisch schön. Doch von unberührter Natur keine Spur. Die beschaulichen Almen und lichten Berghänge sind von Menschenhand geschaffen. Harte, mühsame Arbeit über Jahrtausende war notwendig, um die Alpen so zu kultivieren, wie wir sie heute kennen. Seit den ersten Agrargesellschaften, die vor beinahe 7000 Jahren siedelten, bis zum heutigen hochtechnisierten Skizirkus verändert der Mensch den alpinen Naturraum.

Wie alles begann

Die schneebedeckten Dolomiten im Hintergrund, davor bewaldete Höhen.

Ursprünglich waren die Alpen zum großen Teil bewaldet

Die Alpen entstanden vor etwa 130 Millionen Jahren, als die afrikanische Kontinentalplatte nach Norden driftete und mit der europäischen Platte zusammenstieß. Beim Zusammenprall verzahnten sich die beiden Platten so ineinander, dass die Gesteine gefaltet wurden. In einer späteren Phase erhöhte sich der Druck aus Süden noch einmal und die gefalteten Steine schoben sich in die Höhe, das Hochgebirge entstand.

Nach der letzten Eiszeit waren die Alpen bis zu einer Höhe von 2000 bis 2400 Metern komplett bewaldet. Die alpinen Rasenflächen waren sehr viel kleiner als heute. Da die Vegetation der Alpen noch sehr jung ist, gibt es in dem vom Menschen unberührten Waldbereich keine große Artenvielfalt. Die Alpenrasen dagegen sind artenreich, da viele Pflanzen auf kleinen Gebieten, die während der Eiszeit nicht vergletschert waren, überstanden haben. Die Landschaft der Alpen direkt nach der letzten Eiszeit ist mit dem Kulturraum der Alpen, wie wir ihn heute kennen, nicht mehr zu vergleichen.

Die ersten Menschen betreten die Alpen

Am Südwestrand der Alpen tauchten die ersten Menschen vor einer Million Jahre auf. Bereits während der Eiszeit müssen Jäger in den Alpen unterwegs gewesen sein, was verschiedene Funde von Steinwerkzeugen aus den Jahren zwischen 70.000 und 40.000 vor Christus belegen. Für die Alpenregion untypische Materialien und Prestigegüter, die in Seeufersiedlungen oder auf Pässen gefunden wurden, wie Feuersteine, verzierte Gefäße, Schmuckschnecken oder Bernstein geben Aufschluss darüber, dass die Menschen schon während der Jungsteinzeit als Händler über die Alpen gezogen sind.

Ein Aquarell mit der Rekonstruktion des Similaun-Mannes (Ötzi).

Schon in der Jungsteinzeit reisten die Menschen über die Alpen

Das Klima entschied wesentlich darüber, in welchen Tälern oder auf welchen Berghängen die Menschen in den Alpen siedelten. Ab dem 6. Jahrtausend vor Christus ließen sich die ersten Agrargesellschaften im südlichen, mediterran geprägten Alpenraum nieder. Um in der Wildnis überleben zu können, rodeten die Bauern Wälder, hielten Vieh und bauten bis auf einer Höhe von 1500 Metern Getreide an. Durch ihren massiven Eingriff in die Natur sollten die Bauern das Landschaftsbild der Alpen erheblich verändern.

Die Römer kommen als Straßenbauer

Allein aus militärisch-strategischen Gründen zogen die Römer über die Alpen, so anlässlich des Germanienfeldzugs von Drusus und Tiberius im Jahr 15. vor Christus. Für die schnelle und einfache Durchquerung der Alpen bauten die Römer Straßen und unterhielten Wegenetze. In den Alpentälern selbst errichteten sie Militärlager, die zur Gründung von alpinen Städten wie zum Beispiel Aosta oder Chur führten. In den Marktflecken blühte der Handel auf. Selbst die römischen Städte bezogen Lebensmittel, zum Beispiel Käse oder Fleisch, aus den Alpen. Von den oberen Bergregionen holten die Römer sogar Eis zur Kühlung von Lebensmitteln. Manche Bauern kehrten der nährenden Scholle den Rücken und versuchten sich als Kaufleute.

Nach dem Abzug der Römer zwischen dem 4. und 11. Jahrhundert nach Christus entvölkerten sich die Alpen wieder. Die zurückgebliebenen Alpenbewohner ernährten sich wieder ausschließlich von den Produkten, die sie anbauten. Ab 1000 nach Christus kam es zu einer erheblichen Klimaerwärmung mit einschneidenden Folgen für die Alpen. In den West- und Ostalpen wurden die landwirtschaftlichen Flächen ausgeweitet und intensiviert. Im frühen Mittelalter entstand die traditionelle und kulturelle Welt der Alpen mit ihren landwirtschaftlichen Arbeitsmethoden und Festtagsbräuchen, die sich bis ins 20. Jahrhundert gehalten haben.

Erst in Bergschuhen, dann in Blechlawinen über die Alpen

Der Berg ruft die ersten Gipfelstürmer bereits im 18. Jahrhundert in die Alpen. Der Montblanc wird 1786, das Matterhorn 1865 zum ersten Mal bezwungen. Die Alpenbewohner sind zunächst äußerst erstaunt, dass Großstädter sich für ihre schroffe, unwirtliche Natur begeistern. Auf die erste Verblüffung folgt der Profitgedanke. Schon der Philosoph Hegel beklagt sich Ende des 18. Jahrhunderts über die hohen Preise in den Alpenregionen. Der Wintersport, der von den Engländern in der Schweiz salonfähig gemacht wird, steigert noch die Popularität der Alpen als Reiseziel. In St. Moritz entstehen mit dem "Kulm" und dem "Badrutts Palace" die ersten Nobelhotels der Belle Epoque. Durch die Nutzung der Wasserkraft sind die ersten Luxushotels im alpinen Hochgebirge schon bald elektrifiziert.

Kaum hat sich die Eisenbahn als Verkehrmittel etabliert, werden die Alpen mittels der Schiene zügig erschlossen. Zu den verwegensten Projekten im 19. Jahrhundert gehört der Plan, Nordeuropa durch den Gotthard hindurch mit Italien zu verbinden. Nach unvorstellbar harten Tunnelarbeiten, die manchen Arbeiter das Leben kostete, konnte der Bahntunnel durch den Gotthard 1882 in Betrieb genommen werden. Aber nicht nur Transitrouten, sondern auch Bergbahnen als bequeme "Aufstiegshilfen" für Touristen werden erforderlich. Die erste Zahnradbahn Europas bringt die Ausflügler auf den bekannten Aussichtsberg Rigi. Die Jungfraubahn zum "Top of Europe" wird bereits 1912 elektrisch betrieben. Ohne den unermüdlichen Bau von Straßen, Tunnels und Brücken wäre aus dem Tourismus kein Massenphänomen geworden. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg setzt ein intensiver Straßenausbau ein. 1959 wird der Grundstein für den Bau der ersten alpinen Autobahn über den Brenner gelegt. Wichtige Straßentunnels wie der Große St. Bernhard, der St. Gotthard, der Arlberg oder der Fréjus-Tunnel beschleunigen die Geschwindigkeit noch, mit der die Touristen in Nord-Süd-Richtung das gewünschte Urlaubsziel erreichen.

Verödende Täler - boomende Städte

Der wachsende Tourismus fordert seinen Tribut. Die Menschen ignorieren die traditionellen Grenzen des Nutzungsraumes Alpen. Immer mehr Böden werden durch den Bau neuer Straßennetze und Wohngebiete versiegelt. Schmelz- und Regenwasser kann dadurch schlechter versickern. Der schnelle, oberirdische Wasserabfluss führt häufiger zu Überschwemmungen. Durch den Glauben, dass technisch alles machbar und kontrollierbar sei, hat der Mensch sein gesundes Gefahrenbewusstsein eingebüßt. Entsprechend wachsen auch die großen Ballungsgebiete in den Alpen, wie der Großraum Grenoble mit 750.000 Einwohnern, gefolgt von Innsbruck mit 250.000 sowie Bozen und Trient mit jeweils 150.000 Einwohnern.

Ein Skispringer fliegt bei der Vierschanzentournee von der Bergiselschanze scheinbar über dem österreichischen Innsbruck mit seinen schneebedeckten Bergen im Hintergund.

Eines der Ballungszentren in den Alpen: Innsbruck

Doch während in den boomenden Alpenstädten auch noch der letzte Grünstreifen zubetoniert wird, veröden und versteppen die entlegenen Täler. Nur wenige kleine Flächen in den Alpen werden intensiv genutzt, während ein Großteil immer öfter brachliegt. Ursache für diese Entwicklung sind Industriebetriebe, die nur in flacheren Alpenregionen siedeln und Arbeitsplätze schaffen, die die Menschen anlocken. Die traditionellen Beschäftigungsfelder in den Bergen, wie Landwirtschaft, Forst und Handwerk, gehen immer stärker verloren. Berggemeinden bluten aus. Mit der Folge für die Natur, dass die verlassenen Täler und Berghöhen verwildern und verwalden. Die Artenvielfalt der landwirtschaftlichen Kulturlandschaft nimmt ab. Nach einer Übergangsphase von 100 Jahren könnte wieder ein Wald entstehen, wie er direkt nach der Eiszeit existierte.

Autor/in: Sabine Kaufmann

Stand: 03.05.2012, 13:00

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