Die Holstein-Friesian

Milchkühe

Rinder

Die Holstein-Friesian

Während man um 1900 herum schon zufrieden war, wenn eine gesunde Kuh 1700 Liter Milch gab, stehen heute in den Ställen der industriellen Betriebe Hochleistungskühe, die ein Vielfaches an Milch geben. Die Zucht hat die Leistung von Kühen in den vergangenen 100 Jahren stärker vorangetrieben, als die Ingenieurskunst die Motorisierung von Automotoren. Im Blickpunkt der Milchindustrie steht heute praktisch nur noch eine einzige Rasse: das Holstein-Friesian-Rind (HF-Rind). Rund um den Globus ist vor allem dieses Rind für die Milchproduktion zuständig.

Spezialdisziplin: Milch

Nahaufnahme einer schnuppernden Holstein-Friesian-Kuh.

HF-Rind: Star in der Neuen Welt

Zahlreiche Bauern verließen im 17. und 18. Jahrhundert ihre Heimat in Norddeutschland und wanderten in die Neue Welt aus. Auf den Schiffen drängten sich damals nicht nur die menschlichen Passagiere von der Küste, sondern auch ihr kostbarstes Eigentum: Kühe.

Die Wiederkäuer aus Holstein und Friesland lieferten in ihrer Heimat Milch, Fleisch und vor allem auch Arbeitskraft. Die Rinder wurden als Lasttiere eingesetzt und pflügten die norddeutschen Äcker.

Doch anders als in Norddeutschland waren Kühe als Arbeitstiere in Amerika vollkommen überflüssig: Pferde verrichteten diese Dienste hier schneller und günstiger. Selbst auf dem Fleischmarkt konnten die norddeutschen Kühe nicht mit den Konkurrenten mithalten, die für diesen Zweck in der Neuen Welt gehalten wurden: Angus-Rinder waren dort als Fleischlieferanten längst etabliert.

In der Disziplin "Milchgeben" allerdings waren die schwarzweißen Neuankömmlinge unschlagbar, und bald wurden die jetzt Holstein-Friesian genannten Rinder auf eine immer höhere Milchausbeute hin gezüchtet.

Bis heute ist das kurz HF-Kuh genannte Holstein-Friesian-Rind der Milchlieferant schlechthin. Immer noch steigern die Züchter die Leistungsdaten der Kuh, die inzwischen fast überall auf der Welt gezüchtet wird und aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit zahlreiche Rassen verdrängt hat.

Gezüchtet für Rekorde

Ein moderner Kuhstall in Form eines Rundbaus.

Moderne Ställe sind fast schon Computerarbeitsplätze

Eine moderne HF-Kuh erinnert auch mehr an eine Milchmaschine denn an ein Tier: Im Einzelfall geben Tiere bis zu 16.000 Kilogramm Milch im Jahr und der gehobene Durchschnitt kommt auf 8000 bis 10.000 Kilogramm im Jahr. Unvorstellbare Mengen – genug, um daraus so viel Butter zu machen, dass die ganze Kuh damit aufgewogen werden könnte.

Der gesamte Organismus einer HF-Kuh ist auf die Milchproduktion abgestimmt, die für einen einzigen Liter Milch das eigene Euter mit einer halben Tonne Blut durchspülen muss.

Der Preis für die gigantischen Leistungsdaten der HF-Kuh ist ein Rinderleben, das mit dem nach Wildgras duftenden Alpenklischee glücklicher Kühe nichts mehr zu tun hat. Kühe aus echten Hochleistungsbetrieben kommen in der Regel gar nicht mehr auf die Weide – schon allein deshalb, weil unkontrolliertes Grasfressen die optimale Milchausbeute reduzieren würde.

HF-Kühe bekommen pro Tag etwa 25 Kilogramm Spezialfutter, eine Mischung aus Silage, Mais, Soja, Vitaminen und vielen anderen Stoffen. Das Futter wird oft computergesteuert gewogen und verteilt, damit jede Kuh die für sie optimale Ration bekommt.

Überhaupt ist das Leben im Kuhstall komplett durchorganisiert: Moderne Ställe sind wie Karussells aufgebaut, auf denen die Tiere zur jeweils aktuellen Position gedreht werden: Melken, füttern, melken – und manchmal auch Massage.

Schließlich ist das Wohlbefinden der Kühe wichtig, jedenfalls in der Zeit, in der sie Milch geben. Und diese Zeit ist im Laufe der großen Zuchterfolge immer kürzer geworden. Vor allem Eutererkrankungen beenden bei vielen Tieren nach zwei bis drei Jahren die Phase der Milchproduktion. Die Kühe wandern in den Schlachthof.

Sperma für Millionen

Holstein-Friesian-Rinder im Stall hinter Stahlstreben.

Kuh von der Stange?

HF-Stiere spielen naturgemäß für die Milchproduktion keine Rolle. Doch weil die Zucht der HF-Kühe immer noch weiter optimiert werden soll, sind Stiere, die es zum Zuchtbullen geschafft haben, äußerst wertvoll.

Zu dieser Aufgabe sind nur die allerwenigsten männlichen HF-Rinder berufen. Manche allerdings sind weltberühmt geworden, wie etwa der Starbuck, ein kanadischer Zuchtbulle, dessen Sperma so wertvoll war, dass es seinen Besitzern mehr als 25 Millionen Dollar einbrachte.

Natürlich besteigen solche Edelbullen keine echten Kühe mehr: Sie werden auf Attrappen gelockt und ejakulieren in Reagenzgläser. Das Sperma wird in winzige Portionen aufgeteilt und mit flüssigem Stickstoff gekühlt – so wird es für mehrere Jahrzehnte haltbar. Auf diese Weise bringen es erstklassige Zuchtbullen auf Hunderttausende von Nachkommen.

Um Spitzenbullen nicht selbst mühsam züchten zu müssen, erfreut sich das Klonen bei Rinderzüchtern immer größerer Beliebtheit: Einige Spitzen-Zuchtbullen sind inzwischen geklont worden, um identische Zuchtmerkmale zu erzeugen. Hinsichtlich der Leistungsfähigkeit funktioniert das auch.

Doch auch geklonte Tiere unterscheiden sich zumindest äußerlich: Zwar ist die Menge an schwarzen und weißen Anteilen im Fell identisch – die genaue Verteilung, also wo welcher Fleck in welcher Form genau sitzt, wird erst im Uterus festgelegt und hängt von der Durchblutung der jeweiligen Leihmüttertiere ab.

Auch vor den Kühen macht die Biotechnologie nicht halt: Während eine gewöhnliche Kuh lediglich ein bis drei Junge bekommt, werden Zuchtkühe mit Hormonen so verändert, dass mehr als 30 Eizellen gleichzeitig befruchtet werden können.

Angst vor der Einheitsrasse

Nahaufnahme einer Kuh, die sich mit der Zunge über die Nase fährt.

Der Geschmack der Milch spielt eine untergeordnete Rolle

Der Siegeszug der HF-Kuh scheint noch lange nicht am Ende: Züchter finden immer noch Mittel und Möglichkeiten, die Milchkuh zu optimieren – für billigere Milch und billigere Butter in immer größeren Mengen. Doch längst rühren sich auch kritische Stimmen.

Der Erfolg der HF-Kuh hat die Rassenvielfalt unter den Hausrindern stark eingeschränkt, was für die züchterische Zukunft auch ein Gefahrenpotenzial darstellen könnte. Denn sollte sich die HF-Kuh dereinst etwa als besonders anfällig für neuartige Viren oder Keime erweisen, gibt es kaum alternative Genpools, mit denen man Resistenzen einzüchten könnte.

Auch manchem Verbraucher ist die Hochleistungsmaschine HF-Kuh unheimlich geworden – nach Schätzungen lag der Anteil an Biomilch in der gesamten deutschen Milchwirtschaft im Jahr 2012 bei gut zwei Prozent. Der Anteil der Biomilch, die als Frischmilch auf dem Tisch landet, ist etwa doppelt so hoch.

Auch wenn sie nicht selten aus den Eutern einer HF-Kuh fließt, so wird Biomilch immerhin teilweise aus frischem, grünem Gras erzeugt.

Autor: Malte Linde

Weiterführende Infos

Stand: 18.11.2016, 09:00

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