Die Fliege

Insekten und Spinnentiere

Die Fliege

Bssssss, bsssss, bsss … Fruchtfliegen, Stubenfliegen und Fleischfliegen genießen keinen guten Ruf. Sie summen um uns herum und nerven uns, wenn wir essen, schlafen oder arbeiten. Manche dieser Quälgeister übertragen Krankheiten. Die Maden fressen sich durchs Obst.

Fliegende Mosca Domestica frontal in der Luft

200 Mal in der Sekunde schlägt die Hausfliege ihre Flügel auf und ab

Blitzschnelle Vermehrung

Etwa 10.000 Fliegenarten sind allein in Mitteleuropa bekannt. Eine Fliege ist flink. Ihre meisterhaft schnellen Reaktionen im Flug, ihre Anpassungsfähigkeit und ihr Geruchssinn faszinieren Wissenschaftler seit mehr als hundert Jahren. Verstehen wir ihre Mechanismen, können wir die ErkenntTonisse auch auf den Körper des Menschen übertragen.

Was bei Menschen neun Monate und dann noch mal etwa 25 Jahre dauert, ist bei der Stubenfliege in zehn Tagen geschehen. Während seiner Entwicklung geht das Insekt in kurzer Zeit verschiedene Stufen durch:

Aus dem Ei geschlüpft, verpuppt sich die Larve erst einmal für vier Tage, bis sie zur adulten Fliege herangewachsen ist. "Bei all dem ist sie ganz auf sich allein gestellt", sagt Bill Hansson, ein Fliegenforscher vom Max-Planck-Institut für chemische Ökologie.

Nur wenige parasitäre Arten würden sich um ihren Nachwuchs kümmern. Fliegen bauen auch kein Nest. Um ihre Eier abzulegen, suchen sie sich einen passenden Nährboden, etwa Bananen, die verfaulen. Eine gewöhnliche Stubenfliege kann bis zu 500 Eier ablegen.

Eine Stubenfliege lebt bloß zwei bis vier Wochen – da bleibt kaum Zeit dafür, Brutpflege zu betreiben. Nahrung finden, sich paaren, Eier ablegen und – sterben. Die Lebensdauer einer Fliegenart hängt stark von ihrem Lebensraum ab. Ein Beispiel ist die Fruchtfliege Drosophila. "Bei uns im Labor lebt die Drosophila etwa zwei Wochen. In der Natur sind es nur wenige Tage", sagt Hansson.

Eine Klettertechnik, die es in sich hat

Hausfliege sitzt seitlich auf einem durchsichtigen Einmachglas

Mithilfe der Van-der-Waals-Kräfte erklimmt die Hausfliege auch glatte Flächen

Geruchssinn, Hautfarbe, Eierablage – Forscher kennen etwa 10.000 Fliegenarten, die sich jeweils speziell an ihre Umgebung angepasst haben. Aber im Klettern sind sie alle Profis. Die Fliegen haben an ihren Füßen winzige Widerhaken, mit denen sie sich am Computerbildschirm oder an der Wand festhalten können.

Greifen diese Haken nicht, weil die Oberfläche zu glatt ist, nutzt die Fliege wie der Gecko oder die Spinne die Van-der-Waals-Kräfte: Sie haftet mithilfe der Anziehungskräfte, die zwischen den Molekülen ihrer Füße und denen des Untergrunds entstehen.

Um die Haftung zu verstärken, produziert sie zusätzlich einen Klebstoff. Die kleinen Härchen an den Beinen sondern einen Flüssigkeitsfilm ab, mit dessen Hilfe sich die Fliege festhalten kann, wie Forscher von der Universität Ulm herausgefunden haben. So kann die Fliege auch an glatten Oberflächen entlanglaufen, etwa an einer Fensterscheibe.

Vom Geruch zur Plage

Weinstöcke der Rebsorte Blauer Portugieser

Die asiatische Kirschessigfliege befällt den Weinanbau in Sachsen

Auf der Suche nach Essbarem orientiert sich die Fruchtfliege Drosophila Melanogaster vor allem mithilfe ihres Geruchssinns. Ihr Riechorgan sitzt auf ihren Fühlern, die auch Antennen genannt werden. "Nur über den Geruch kann die Fliege reife Früchte für die Eiablage finden", sagt Hannson.

Der Schwede hat herausgefunden, welche Düfte die Fruchtfliege zu unserem Obst lockt. "Antioxidantien lösen in der Drosophila ein positives Signal aus, das sie instinktiv anzieht", sagt er. Die organischen Verbindungen sind sehr nahrhaft für den Nachwuchs, die Fliegenlarven. Sie bilden sich vor allem in anfaulendem und feuchtem Obst und Gemüse, sowie in Eiern.

Dass eine Fliege vor allem dem Duft von überreifen Früchten folgt, nutzt manch anderes Lebewesen zu seinem Vorteil: "Die Blume Aronstab (Arum palaestinum) aus Israel strömt Düfte aus, die wie faules Obst riechen und lockt die Fliege damit an, um sich bestäuben zu lassen", sagt Hannson.

Auch Balsamico-Essig strömt diese Duftnote aus, was sich die Fliegenfallenindustrie zu Nutze macht. "Jede kommerzielle Duftfalle beruht heute auf dem Balsamico-Duft", sagt der Geruchsexperte. Um die Fliegen in der Küche loszuwerden, rät Hannson dazu, die Fliegenfalle selbst zu mischen.

"Man braucht nur 10 Milliliter Balsamico, 90 Milliliter Wasser und einen Tropfen Spülmittel", sagt er. Der Tropfen Spülmittel senkt die Oberflächenspannung des Wassers, so dass das Gemisch die Fliege nicht mehr trägt. Sie sinkt darin ein und ertrinkt.

Leider funktioniert der Lockstoff von Balsamico nicht mit allen Fruchtfliegen. Die Kirschessigfliege Drosophila Suzukii beispielsweise kann man damit nicht ködern. Die Art vermehrt sich sehr rasch und plagt seit einigen Jahren auch die Landwirte in Deutschland:

Die Fruchtfliegenart legt ihre Eier vorzugsweise in noch unreife Trauben und Beeren. In Spanien, Südtirol und auch in Süddeutschland hat sie bereits starke Schäden im Weinanbau angerichtet. Ursprünglich stammt Drosophila Suzukii aus Asien. 2008 wurde sie erstmals auch Europa gesichtet.

Mitarbeiter des Julius Kühn Instituts vermuten, dass sie über importierte Früchte eingeschleppt worden ist. Für Bill Hansson stellt die Fruchtfliegenart eine neue Herausforderung dar: "Wir erforschen bereits den Geruchssinn dieser Art und versuchen gemeinsam mit Weinbauern in Sachsen, Fallen zu finden." 

Des Forschers Freund: die Fruchtfliege

Angefärbte Muskeln der drosophila melanogaster unter dem Lichtmikroskop

Unterm Lichtmikroskop: die Flugmuskeln (blau) von Drosophila Melanogaster

Drosophila Suzukii mag den Forschern Kopfzerbrechen bereiten. Ihre Verwandte, die schwarzbäuchige Taufliege (Drosophila Melanogaster), treibt dafür die Forschung seit nunmehr hundert Jahren an. Die Tierchen besitzen nur vier Chromosomen und lassen sich leicht züchten. Das macht sie zu perfekten Labortieren.

"Es gibt kein anderes Tier, dessen Genetik wir so gut kennen", sagt Frank Schnorrer. Am Max-Planck-Institut für Biochemie erforscht er die Muskeln der Taufliege. "Wir können sehr leicht ihr Erbgut manipulieren und kommen dank ihrer kurzen Reproduktionszeit schnell zu Ergebnissen", sagt er.

Die Erkenntnisse der Muskelfunktionen ließen sich unmittelbar auf den Menschen übertragen. "Wenn wir verstanden haben, wie die Fliege ihre Muskeln bildet, kann uns das künftig helfen, Muskelgewebe im Reagenzglas züchten", sagt Schnorrer. Mit diesem Gewebe ließen sich etwa Patienten behandeln, die an Muskelschwund leiden.

Autorin: Vanessa Reske

Stand: 22.01.2016, 11:00

Darstellung: