Wiese

Landschaften

Wiese

Für viele Menschen ist die bunte Vielfalt einer blühenden Blumenwiese ein Stück herrlicher Natur. Und aus dem Blickwinkel eines Insektes erscheint eine Wiese fast wie ein tropischer Regenwald. Tatsächlich findet man auf Streuobstwiesen die meisten Tier- und Pflanzenarten in Mitteleuropa. Dabei ist diese Welt aus Gräsern und Kräutern ein Werk aus Menschenhand. Denn eine Wiese muss immer wieder gemäht oder beweidet werden, sonst verschwindet sie bald unter Busch und Wald.

Grasland oder Grünland

Karge Landschaft in der Steppe Bashang in der Inneren Mongolei

Gräser kommen auch mit weniger Niederschlag aus

Ob die Prärie in Nordamerika oder die Pampas in Südamerika, die Savannen Afrikas oder die riesigen Steppen in Zentralasien - sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind natürliche Graslandschaften. Das Klima, vor allem der jährliche Niederschlag, ist der bestimmende Faktor. Denn wo zu wenig Regen fällt, können sich Bäume nicht mehr behaupten. Sie verschwinden und kleinere Pflanzen wie Gräser nehmen ihren Platz ein. Und diese Gräser schaffen damit die Nahrungsgrundlage für große Pflanzenfresser, die zum Teil in riesigen Herden die Grasländer beweiden.

Zu den natürlichen Grasländern gehören bei uns die Salzwiesen an den Küsten oder die alpinen Regionen oberhalb der Baumgrenze. Alles andere Grünland, wie die zahlreichen Wiesen und Weiden, entstand durch die landwirtschaftliche Nutzung ehemals bewaldeter Flächen. Ohne das Wirken des Menschen und den beständigen Hunger seiner Haustiere könnte sich das Grünland nicht behaupten.

Selbst die natürlich wirkenden Sandheiden Norddeutschlands würden ohne Beweidung recht schnell wieder bewalden. Dies gilt natürlich umso mehr für die artenarmen Rasenflächen, die Vorgärten, Parkanlagen und Sportarenen bedecken. Regelmäßiges und mehrfaches Mähen im Jahr ist das Minimum, das für ihren Erhalt notwendig ist.

Die Geschichte der Wiese

Grassteppe im Badlands Nationalpark des US-amerikanischen Bundesstaates Süd-Dakota

Das Grünland gehört immer mehr zum Landschaftsbild

Zum Ende der Eiszeit vor rund 11.000 Jahren schmelzen die ausgedehnten Eismassen über Mitteleuropa langsam ab. Wo das Eis verschwindet, beginnt sich die Tundra auszubreiten. Moschusochsen und Rentiere finden reichlich Nahrung. Doch mit den steigenden Temperaturen wird die Tundra zum Grasland, in der immer mehr Büsche und Bäume aufkommen, bis schließlich fast ganz Mitteleuropa bewaldet ist. Das Urgrasland ist verschwunden - und mit ihm die farbenfrohe Blütenpracht seiner Blumen.

Doch es gibt auch noch Grasinseln im Wald, die ihre Existenz dem großen Hunger von Wisent und Auerochse verdanken. Zusammen mit anderen Pflanzenfressern wie Elchen, Hirschen und Rehen fressen sie junge Bäume und Sträucher und schaffen so waldfreie Bereiche, auf denen Gräser und Kräuter gedeihen. Doch sie sind nicht die einzigen Lebewesen, die den Wald verdrängen.

Etwa 4500 vor Christus werden die Menschen in Mitteleuropa zunehmend sesshafter. Ackerbau und Viehzucht sind nun die Grundlage ihrer Versorgung. Für die Felder wird der Wald gerodet und Wildtiere, wie etwa der Auerochse werden domestiziert. In den Alpen ist die Viehhaltung und Weidewirtschaft bereits seit 4000 vor Christus bekannt.

Mit dem Auftauchen der Römer beginnt ab dem ersten Jahrhundert nach Christus eine Siedlungsperiode, in der die ersten größeren Städte in Deutschland entstehen. Im Mittelalter folgt eine zweite, weitaus größere Besiedelung. Zahlreiche neue Städte entstehen, die Zahl der Menschen steigt sprunghaft an. Für ihre Versorgung werden große Waldflächen zu Äckern, Wiesen und Weiden. Das Grünland gehört nun zunehmend zum Landschaftsbild.

Mensch und Wiese

Alter Landwirt mit Sense auf der Schulter.

Die Mähwiese entstand relativ spät

Wie Wisent und Auerochse weiden auch die ersten Haustiere der Menschen frei in den Wäldern. Sie fressen Jungbäume, Sträucher und Keimlinge, und lockern so über Generationen den Wald auf und schaffen Lebensraum für Gräser und Kräuter. Diese Form der Waldweide war bis vor 200 Jahren noch weit verbreitet. Die Hutungen (Waldweiden) der Schwäbischen Alb wurden sogar erst im 20. Jahrhundert aufgegeben. Als Futtervorrat für den Winter "schneiteln" die Menschen belaubte Zweige, die man in der sogenannten "Laube" unter dem Dach aufbewahrt.

Erst allmählich entwickelt sich aus diesen ersten Weiden eine intensivere Nutzungsform, die sogenannte Standweide, bei der die Tiere von April bis Oktober auf der Weide grasen. Die Grinden des Schwarzwalds, wie man die waldfreien Heideflächen auf den Bergkuppen nennt, zeugen noch von dieser Weideform. Heute ist die sogenannte Rotationsweide verbreitet, bei der die Tiere immer nur wenige Tage eine Parzelle beweiden, die sich danach wieder für einige Wochen erholen kann.

Die "Mähwiese", bei der das Gras gemäht und als Heu im Winter dem Vieh verfüttert wird, entsteht erst relativ spät. Bis weit in das 20. Jahrhundert werden die Wiesen maximal nur zweimal im Jahr gemäht. Bei der ersten Mahd spricht man vom Heu, das mit seinem hohen Grasanteil besonders für Pferde geeignet ist. Der zweite Schnitt wird als Öhmd bezeichnet. Der Anteil der Kräuter ist beim Öhmd deutlich größer. Das Futter ist entsprechend nährstoff- und eiweißreicher und bestens für das Milchvieh geeignet.

Dank reichlich Dünger können Wiesen heute bis zu sechsmal im Jahr gemäht werden. Einem ganz anderen Zweck dienen die Streuwiesen des Alpenvorlands. Sie werden erst spät im Jahr geschnitten und das getrocknete "Heu" als Streu für den Stall verwendet. Streuwiesen waren vor allem in den Regionen, in denen Stroh eher selten war, verbreitet.

Das Ende der Wiese?

Eine Herde Schafe auf einer Weide

Schafweiden werden zunehmend aufgegeben

Über viele Jahrhunderte erschuf und bewahrte die Landwirtschaft unsere Wiesen und Weiden. Jetzt ist sie allerdings dabei, diese vielfältigen und artenreichen Lebensräume zu zerstören. Dabei handeln die Landwirte einfach nur nach den Regeln, die ihnen der Markt aufzwingt. Und die sind immer gleich: Immer mehr zu immer geringeren Preisen produzieren. Möglich ist das fast nur noch mit großen und spezialisierten Betrieben.

Die Folgen dieser Entwicklung sind schwerwiegend: Grünland auf ungünstigen und unrentablen Standorten, wie etwa Schafweiden, Streuwiesen, nassen Wiesen oder auch Streuobstwiesen wird zunehmend aufgegeben. Doch ohne Pflege verbuschen und bewalden die Flächen innerhalb weniger Jahre und die artenreiche Pflanzen- und Tierwelt der Wiesen verschwindet.

Dank Mineraldünger und starker Maschinen, die ein immer tieferes Pflügen ermöglichen, können immer mehr Flächen auch als Acker genutzt werden. Große Grünlandflächen verschwinden so unter dem Pflug und werden durch Mais- oder Rapsfelder ersetzt.

Die verbleibenden Wiesen werden in ihrer Nutzung deutlich intensiviert. Es wird reichlich gedüngt und bis zu sechsmal im Jahr gemäht. Dabei geht es inzwischen nicht mehr allein um Viehfutter, sondern auch um Energiegewinnung. Durch den Boom der Biogasanlagen steigen immer mehr Landwirte auf eine Intensivierung ihrer Wiesennutzung um. Schließlich wird der "nachwachsende Rohstoff" gut bezahlt. Nur wenige Wiesenpflanzen sind diesem Stress gewachsen und können sich behaupten.

Zudem verschwinden in Ballungsräumen immer mehr Wiesen und Weiden durch Bebauung. In Zahlen sieht das Dilemma beispielsweise in Baden-Württemberg folgendermaßen aus. In der Oberrheinebene sind in den vergangenen 50 Jahren rund 80 Prozent des einstigen Grünlandes verschwunden. Die Fläche der als Schafweide genutzten Wacholderheide der Schwäbischen Alb ist um die Hälfte zurückgegangen.

Mehr als 40 Prozent der Pflanzenarten des Grünlands gelten inzwischen als gefährdet. Eine Problematik, die sich natürlich auch in der Tierwelt der Wiesen wiederfindet. Gerade die Artenvielfalt zeichnet den Lebensraum Wiese ganz besonders aus. So gelten etwa die Streuobstwiesen als die artenreichsten Lebensräume Mitteleuropas.

Pflege- und Erhaltungsmaßnahmen

Ein Landwirt bringt auf seinem Feld Gülle aus

Weniger Düngen ist wichtig zur Erhaltung der Wiesen

Sind artenreiche Blumenwiesen heute noch realistisch? Oder sind sie ein Relikt aus vergangenen Zeiten, in denen wir im Schweiße unseres Angesichts und unter großer Mühsal unser täglich Brot erarbeiteten? Fragen, die ein naturbewusster Mensch für sich recht schnell beantworten wird. Für einen Landwirt dürfte die Antwort aber deutlich schwieriger ausfallen. Schließlich muss er den Spagat meistern zwischen Landschaftspflege auf der einen Seite und der Wirtschaftlichkeit eines Betriebes auf der anderen Seite. Und dafür muss eben eine Wiese nicht nur nach der Schönheit und Vielfalt ihrer Geschöpfe bewertet werden, sondern auch nach ihrem Wert als Viehfutter.

Es gehört viel Erfahrung und Wissen dazu, eine Wiese so zu bewirtschaften, dass sie eine ausreichend hohe Futterleistung und gleichzeitig eine große Artenvielfalt aufweist. Für diese Leistung der Landwirte gilt es ein breites Bewusstsein zu schaffen - und auch eine entsprechende Würdigung. In Baden-Württemberg wurden im Jahr 2005 erstmals "Wiesenmeisterschaften" veranstaltet, bei der artenreiche und zugleich ertragreiche Wiesen ausgezeichnet werden.

Aber auch der finanzielle Aspekt darf nicht vergessen werden. In Baden-Württemberg wird im Rahmen des Marktentlastungs- und Kulturlandschaftsausgleichs (MEKA II) seit 2000 eine umweltgerechten Landwirtschaft gefördert. Dazu gehört unter anderem auch die Stärkung der Grünlandförderung, bei der die Vielfalt von Pflanzenarten eine wichtige Rolle spielt. Die Maßnahmen, die zur Erhaltung der Wiesen und ihrer Artenvielfalt beitragen, sind in der Regel recht einfach und bekannt: weniger düngen, weniger mähen, weniger entwässern, die Beweidung wieder einführen.

Autor/in: Dieter Engelmann

Stand: 03.12.2014, 12:00

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