Antoine Goetschel – Jurist mit tierischer Botschaft

Antoine Goetschel zu Gast bei Planet Wissen.

Tierschutz

Antoine Goetschel – Jurist mit tierischer Botschaft

Brauchen Tiere einen Anwalt? Selbstverständlich, meint Antoine Goetschel – und zwar nicht nur, um sie vor Quälerei zu schützen, sondern auch, um ihnen die Würde zu geben. Der promovierte Jurist war bis 2010 in einem Amt tätig, das es nur in der Schweiz gab: Rechtsanwalt für Tierschutz in Strafsachen. Zu seinen Mandanten zählten unter anderem Schlangen, Pferde, Hunde und Fische.

Darum geht's:

  • Goetschel setzt sich für misshandelte oder nicht artgerecht gehaltene Tiere ein.
  • In Zürich hatte er als Rechtsanwalt für Tierschutz einen staatlichen Posten.
  • Tiere leiden unter Tierversuchen, sexuellem Missbrauch, ostasiatischen Heilmethoden oder dem Unwissen der Besitzer.
  • Die Würde des Tieres ist Teil der Schweizer Verfassung.

"Im Namen des Volkes" - und wer denkt dabei ans Tier?

Wie lang darf eine Angelschnur sein, wie dick der Haken, der sich durch das Maul des Fisches bohrt? Und wie viele Minuten darf, ja muss er um sein Leben zappeln, bis er stirbt? Ab wann ist es Misshandlung? Oder hat der Fisch vielleicht gar kein Schmerzempfinden?

Ein Argument der Gegner Goetschels: Fischfang hat Tradition, Angeln ist ein beliebtes Hobby. Hobby – wohlgemerkt. Tiertötung als Freizeitspaß? In einem spektakulären "Hechtprozess" erlebte Tieranwalt Antoine Goetschel 2010 eine krachende Niederlage, die von den Schweizer Anglerfreunden bejubelt wurde.

Er gibt Tieren eine eigene Stimme

Ein verwahrloster Schäferhund mit offenem Ekzem am Bein liegt auf Stroh.

Tiere können nicht selbst für sich und ihre Rechte eintreten

Antoine Goetschel nimmt sich derer an, die keine Stimme haben – und trifft dabei häufig auf taube Ohren. Misshandelte, überzüchtete, nicht artgerecht gehaltene oder manchmal auch aus falscher Tierliebe fehlernährte Tiere können nicht selbst für sich und ihre Rechte eintreten. Das übernimmt der Züricher Rechtsanwalt Antoine Goetschel für sie. Eigentlich ist der Jurist auf Erb- und Urheberrecht spezialisiert.

Über die Grenzen der Schweiz bekannt wurde Goetschel allerdings als Tieranwalt. Der Kanton Zürich setzte mit seinem weltweit einzigartigen Amt des Rechtsanwalts für Tierschutz in Strafsachen Maßstäbe. Drei Jahre übte Antoine Goetschel, als insgesamt dritter Amtsträger, diese Tätigkeit als Staatsanwalt aus, bis das Amt 2010 abgeschafft wurde.

Auch wenn es das staatliche Amt nicht mehr gibt – er blieb dabei, ist neben seiner Arbeit als Willensvollstrecker und Wirtschaftsjurist weiterhin Tieranwalt, weil es seine Herzenssache ist. Auch sieht er die Gefühle des Menschen zu seinem Tier als schützenswert. So wollte er nicht, dass eine Frau vor dem Arbeitsgericht ausgelacht wurde, die sagte, sie konnte zwei Tage nicht arbeiten, weil sie zusehen musste, wie ihre Katze überfahren wurde.

Geändert hat sich einiges in den vergangenen Jahren. "Tierärzte und auch Bürger werden in der Schweiz angehalten, Auffälligkeiten bei den Tieren den Behörden zu melden. Das ist inzwischen Pflicht", meint der Jurist. "Denn die Aufmerksamkeit gegenüber Tieren ist gesamtgesellschaftlich rückläufig, der Besitz und Umgang mit Tieren wird als Privatsache betrachtet."

Seine Mandanten sind Pferde, Fische, Hunde, Katzen oder auch Rehe

Als Rechtsanwalt fordert Goetschel bessere Lebensbedingungen für Tiere, auch jene, die meist beim Thema Tierschutz vergessen werden: Versuchstiere in der Medizin- und Kosmetikbranche; Tiere, die als Sexobjekt genutzt werden (immerhin vier bis sechs Prozent der Fälle); seltene Arten, die ihre Verwendung in der ostasiatischen Heilmethoden finden (wie Nashorn, Tiger oder Braunbären) oder vernachlässigte Haustiere, deren Besitzer gebrechlich oder dement sind, und die sie nicht ausreichend umsorgen können.

"Oft herrscht auch einfach nur Unkenntnis vor, zum Beispiel bei Hunden. Daher gibt es in der Schweiz einen Hundehalterausbildungskurs – sozusagen eine Art Hundeführerschein", berichtet Goetschel.

Drei weiße Laborratten lehnen sich an die Wände einer durchsichtigen Plastikbox, die wohl ihr Zuhause ist.

Das tägliche Leiden der Versuchstiere

1992 wurde auf sein Bestreben hin der Schutz der Würde des Tieres in die schweizerische Bundesverfassung aufgenommen. Länder wie Südkorea und Australien und auch die Niederlande laden ihn zu Kongressen – an die Uni oder ins Fernsehen – ein, die Medien greifen das streitbare Thema auf. "Die Würde des Tieres in der schweizerischen Bundesverfassung hat eine Leuchtturmfunktion", meint Goetschel.

Er ist nicht der Typ, der in nächtlichen Geheimaktionen mit Gleichgesinnten in Firmen und Farmen einbricht, um Tiere aus Käfigen und Laboren zu befreien – er schart auch keine verwahrlosten, verwaisten Tiere in Büro oder Wohnung um sich. Antoine Goetschel kämpft vor Gericht für bessere Rechte. Am liebsten nicht nur für sein Land, sondern gleich europaweit. Klar, dass einem da ein harter Wind entgegenschlägt, wenn es um Änderungen in der Massentierhaltung oder Zucht geht.

In seinem Buch "Tiere klagen an" hat der Jurist gleich Argumentationshilfen mitgeliefert auf viele Urteile und Vorurteile, die Tierschützer immer wieder hören: "Das ist doch alles übertrieben; erst mal den Menschen helfen, dann den Tieren; das war doch schon immer so… und so weiter." "Nicht alles, was wir aus Tradition tun, ist gut und vielen Menschen in der Welt geht es schlecht", sagt Goetschel. "Das ist schrecklich und muss geändert werden. Aber es ist kein Argument, sich nicht für mehr Rechte beim Tier einzusetzen."

Autorin: Gaby Böhne

Stand: 16.08.2016, 11:00

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