Pro & Contra: Tierversuche

Eine Farbratte ist mit Gummis an eine Holzplatte gespannt. Ein Mensch operiert das wache Tier am Gehirn.

Tierschutz

Pro & Contra: Tierversuche

Das Nutzen von Tieren zu wissenschaftlichen Zwecken ist ein Thema, das kontrovers diskutiert wird: Tierversuchsgegner halten Versuche an Tieren für sinnlose Tierquälerei ohne Nutzen. Viele Wissenschaftler meinen dagegen, das Forschen mit Tieren sei notwendig, um grundlegende Erkenntnisse über Krankheiten zu gewinnen. Planet Wissen hat die Argumente von Vertretern beider Seiten gesammelt und gegenübergestellt.

Darum geht's:

  • Tierversuche: Notwendig für die Forschung oder Tierquälerei?
  • Gegner fordern alternative Forschungsmethoden.
  • Der Konflikt liegt zwischen der Verantwortung gegenüber Mensch und Tier.

Tierversuche sind Quälerei? Forscher widersprechen

2013 wurden in Deutschland knapp drei Millionen Tiere für wissenschaftliche Zwecke verwendet, etwa um Medikamente oder Kosmetika zu testen (Quelle: Tierschutzbericht der Bundesregierung 2015). Tierschützer kritisieren das Vorgehen der Forscher.

"Tierversuche sind aus ethischen Gründen einfach nicht zu rechtfertigen", sagt etwa Brigitte Jenner. Die Sprecherin des Vereins Tierversuchsgegner Berlin-Brandenburg setzt sich seit 1980 gegen Tierversuche ein, weil sie darüber entsetzt ist, "was man im Labor mit den Tieren anstellt".

Wolf Singer, der ehemalige geschäftsführende Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt am Main, hält von solcher Kritik wenig. "Tierversuche in der Grundlagenforschung sind nicht grausam", sagt der Neurophysiologe.

Um Erkenntnisse, etwa über die Funktionsweise von Organen, zu gewinnen, würden die Tiere im Labor zwar getötet. Es träfe jedoch nicht zu, dass die Tiere gequält würden, sagt Singer.

Viele Forscher halten das Töten von Tieren zu wissenschaftlichen Zwecken sogar für ethisch gerechtfertigt, da die gewonnenen Erkenntnisse notwendig seien, um die Ursachen von Krankheiten verstehen und neue Heilverfahren entwickeln zu können.

Tierschützer halten dagegen, dass die Ergebnisse von Tierversuchen nicht immer auf den menschlichen Organismus anwendbar seien. "Diese wissenschaftliche Methode ist vom Ansatz her falsch. Denn wie man immer wieder sieht, sind die Ergebnisse der Tierversuche oft überhaupt nicht auf den Menschen übertragbar", sagt Brigitte Jenner von den Tierversuchsgegnern Berlin-Brandenburg.

Dem entgegnet Hirnforscher Wolf Singer, dass das nicht für die Grundlagenforschung gelte und die Erkenntnisse aus Tierversuchen durchaus auf den Menschen übertragbar seien: "Die biologischen Prozesse im Organismus von Tieren und Menschen sind außerordentlich ähnlich, da alle Lebewesen Ergebnisse derselben evolutionären Prozesse sind und die Natur bei der Entwicklung von Mechanismen außerordentlich konservativ vorgegangen ist."

Das Bild zeigt einen Affen, dessen Kopf fixiert ist. In seinem Schädel ist ein Führungsrohr implaniert, das zum Einführen von Elektroden verwendet wird.

Hirnforscher setzen auch Affen ein

Tierversuchsgegner fordern alternative Methoden

Tierversuchsgegner werfen Wissenschaftlern wie Wolf Singer auch vor, dass sie sich bislang kaum dafür eingesetzt hätten, alternative Methoden zu entwickeln und zu optimieren. "Wenn man konsequent und mit mehr Geld in dieser Richtung geforscht hätte, wären wir heute viel weiter", sagt Brigitte Jenner.

Auch die Ausbildung, beispielsweise von Human- und Tiermedizinern, müsse langfristig anders gestaltet werden. "Die Studenten lernen, wie man mit Tieren forscht, und arbeiten später natürlich so weiter. Alternativen werden kaum unterrichtet", sagt Tierversuchsgegnerin Jenner.

Carolin Koch, eine Tiermedizinerin, hat während ihres Studiums ähnliche Erfahrungen gemacht und bestätigt Jenners Kritik. "Alternative Methoden zu Tierversuchen werden gerne verunglimpft. Wer damit arbeitet, wird oft nicht richtig ernst genommen. Ich denke, dass es ein Karrierehindernis sein kann, wenn man als Forscher Tierversuche ablehnt."

Konflikt zwischen Verpflichtung gegenüber Mensch und Tier

Gewebekulturen und Computermodelle sind zwei mögliche Alternativen zu Tierversuchen. Für den Hirnforscher Wolf Singer bringen jedoch beide Verfahren Probleme mit sich. So gingen bei Gewebekulturen alle Merkmale von Organen verloren, weil sich die Zellen in den Kulturen wie Tumorzellen verhielten und entarten würden.

"Gewebekulturen sind nutzlos, wenn es darum geht, die Organisation und Funktionsweise von Organen und Organismen zu untersuchen", sagt Singer. Es sei in der Hirnforschung beispielsweise aussichtslos, Ursachen für Hirnstörungen an Gewebekulturen klären zu wollen.

Das Bild zeigt ein Schwein in einem Käfig, das in die Kamera blickt.

Auch Schweine sind Versuchstiere

Auch Computermodelle seien nur bedingt von Nutzen, so Singer. Denn wer realistische Bedingungen simulieren wollte, müsse die Prozesse, die er erforschen will, schon kennen. Und wer die Prozesse kenne, brauche keine Computermodelle mehr.

Darüber hinaus spricht Singer ein grundlegendes Problem an, wenn es um die Suche nach sinnvollen alternativen Verfahren geht. "Da unser ethisches Verständnis das Experimentieren mit gesunden und kranken Menschen ausschließt, bleiben Untersuchungen an Affen und anderen Tieren unentbehrlich, wenn wir Patienten, die an bislang unbehandelbaren Erkrankungen leiden, helfen wollen", sagt Singer.

Dennoch ist sich der Hirnforscher des ethischen Dilemmas, das die Versuche mit Tieren mit sich bringen, bewusst: "Wir stehen in einem Konflikt zwischen zwei miteinander unverträglichen ethischen Verpflichtungen. Auf der einen Seite nach Wegen suchen zu sollen, Krankheiten beherrschbar zu machen und damit menschliches Leid zu lindern, und auf der anderen Seite die Integrität und das Leben von Tieren zu bewahren."

Autorin: Alexandra Stober

Stand: 16.06.2017, 11:35

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