Tierhaltung XXL - Wie Fleisch und Wurst in Massen produziert werden

Aufnahme eines Schweinemastbetriebes. In mehreren durch Metallgitter abgegrenzten Abteilen stehen Hunderte Schweine.

Tierschutz

Tierhaltung XXL - Wie Fleisch und Wurst in Massen produziert werden

Schweine, die sich im Dreck suhlen, Kühe, die durch die Wiesen streifen, und Hühner, die im Garten nach Körnern picken – so oder so ähnlich stellen sich viele gerne den Hof vor, von dem ihr Steak oder Frühstücksei kommt. Allerdings entspricht das heute nur noch selten der Realität. Mit einer Hand voll Schweinen und ein paar Hühnern lässt sich der Bedarf an tierischen Produkten in Deutschland nicht decken. Das weiß auch Landwirt Hans-Heinrich Wortmann aus dem nordrhein-westfälischen Kamen. Der 53-Jährige mästet jedes Jahr Tausende Schweine.

Hans-Heinrich Wortmann mästet Schweine …

Die Luft im Stall ist warm und stickig. Eine automatische Heizungs- und Belüftungsanlage an der Decke sorgt dafür, dass die Temperatur konstant bei über 20 Grad Celsius liegt. "Genau so mögen es die Schweine", sagt Hans-Heinrich Wortmann.

Etwa 1800 Tiere gleichzeitig hält Wortmann auf seinem Hof und steht voll hinter dem, was er macht. "Meine Schweine fühlen sich wohl", sagt er. "Sonst könnte ich das gar nicht guten Gewissens machen."

Wortmann führt einen reinen Mastbetrieb und bekommt die Ferkel, wenn sie zwölf Wochen alt sind. Die männlichen Tiere sind dann bereits kastriert. Denn das Fleisch unkastrierter Jungeber setzt beim Kochen und Braten Skatol frei, das unangenehm riecht. "Das mögen die Verbraucher nicht", sagt Wortmann.

Deswegen sei es heutzutage üblich, den männlichen Schweinen nach der Geburt die Hoden abzuschneiden - ohne Betäubung. "Aber die Ferkel bekommen vorher ein schmerzstillendes Mittel", sagt Landwirt Wortmann.

Wenn die Ferkel auf Wortmanns Hof eintreffen, haben sie auch nicht mehr ihren typischen Ringelschwanz, sondern nur noch einen wenige Zentimeter langen Stummel. Das Abschneiden des Schwanzes, auch Kupieren genannt, soll verhindern, dass die Tiere in die Schwänze ihrer Artgenossen beißen.

Schweine sind Allesfresser und neigen zum Kannibalismus, wenn sie auf engem Raum zusammenleben. "Wenn es eine andere Lösung gäbe und das Schwänzekupieren nicht mehr notwendig wäre, würde ich das nicht mehr unterstützen", sagt Wortmann.

…viele Schweine

Insgesamt verbringen die Tiere etwa vier Monate auf Wortmanns Hof. Etwa 800 Gramm pro Tag nimmt jedes von ihnen in dieser Zeit zu. Wenn sie ihr Endgewicht von 120 Kilogramm erreicht haben, kommen die Tiere zum Schlachter und werden zu Fleisch und Wurst weiterverarbeitet. Wo genau seine Tiere landen, wenn sie vom Schlachter kommen, weiß Hans-Heinrich Wortmann selbst nicht so genau. "Ich schätze mal in einer der großen Supermarktketten", sagt der Bauer.

Landwirt Wortmann hockt neben Schweinen in einer Bucht im Stall.

Hans-Heinrich Wortmann führt einen reinen Mastbetrieb

Ein Schwein teilt sich mit zehn bis elf Artgenossen eine neun Quadratmeter große Bucht, die es während der ganzen Zeit nicht verlässt. Jedem Tier stehen also 0,9 Quadratmeter Raum zur Verfügung - das ist etwas mehr als zwei normalgroßes Kopfkissen. "Gesetzlich vorgeschrieben sind nur 0,75 Quadratmeter", sagt Wortmann. In der ökologischen Landwirtschaft haben die Schweine etwas mehr Platz: 1,3 Quadratmeter plus ein Quadratmeter Auslauf stehen dort jedem Tier zu.

Massentierhaltung? - Gibt es offiziell nicht!

Aufnahme eines Hähnchenmastbetriebes. Mehr als 30.000 Tiere tummeln sich auf dem Boden.

Viele Verbraucher verbinden mit Massentierhaltung Geflügel

Auch wenn er etwa 1800 Schweine hält, würde Hans-Heinrich Wortmann nie sagen, er betreibe einen Hof mit Massentierhaltung. "Für mich ist das Massentierhaltung, wenn jemand fünf Katzen in einer 50-Quadratmeter-Wohnung hält", sagt der Bauer.

Lisa Wittmann von der Tierschutzorganisation People for the Ethical Treatment of Animals (PETA) findet es ebenfalls schwierig, eine Grenze zu ziehen. "Wo beginnt Masse und wo hört sie auf? Da muss man ganz klar differenzieren, denn auch in kleinen Betrieben leiden Tiere", sagt die Tierschützerin. 0,9 Quadratmeter Raum pro Schwein - wie auf Bauer Wortmanns Hof - hält Wittmann jedoch für zu wenig. "Das ist, wie wenn wir unser ganzes Leben lang in einer Badewanne hocken müssten", sagt die PETA-Mitarbeiterin.

Tatsächlich gibt es bis heute keine einheitlichen Kriterien, die festlegen, wann von Massentierhaltung zu sprechen ist und wann nicht. Der Begriff fand Eingang in die Alltagssprache, als 1975 die "Verordnung zum Schutz gegen die Gefährdung durch Viehseuchen bei der Haltung von Schweinebeständen", kurz Massentierhaltungsverordnung, in Kraft trat.

Vor allem in den Medien wird er seither mit einem negativen Beigeschmack verwendet. Auch die Mehrzahl der Verbraucher in Deutschland verbindet mit Massentierhaltung etwas Negatives. Das belegt eine Studie von 2011. Für die Untersuchung befragten Forscher der Universität Göttingen 287 Verbraucher im Alter von 18 bis 70 Jahren.

In einem Online-Fragebogen wurden die Studienteilnehmer unter anderem nach ihren Assoziationen mit dem Begriff Massentierhaltung gefragt. Die Mehrzahl der Befragten nannte hierbei Merkmale aus den Kategorien "grausam", "Geflügel" und "Quälerei". 90 Prozent der Befragten gaben zudem an, es handle sich um Massentierhaltung, wenn ein Betrieb mehr als 500 Rinder, 1000 Schweine oder 5000 Hähnchen hielte.

Jeder siebte Betrieb hält mehr als 1000 Schweine

Aufnahme eines Schweinemastbetriebes. Mehrere Schweine stehen in einer kleinen Box.

Schweine werden häufig in Massen gehalten

Die von den Studienteilnehmern genannten Bestandsgrößen entsprechen zum Teil der Realität in Deutschland, zum Teil aber auch nicht. Etwa jeder siebte Betrieb mit Schweinehaltung besitzt mehr als 1000 Tiere und betreibt damit nach Ansicht der Verbraucher Massentierhaltung. Dazu zählt nach dieser Definition auch der Hof von Bauer Wortmann aus Kamen.

In Betrieben mit Haltung von Masthühnern liegen die Bestandsgrößen oft über der von den Verbrauchern genannten Grenze von 5000 Tieren. Etwa jeder vierte Betrieb hält zwischen 10.000 und 50.000 Hühnern. Bestände mit mehr als 500 Rindern sind in Deutschland dagegen die Ausnahme: Nur 1,3 Prozent der Landwirte halten mehr als 500 Tiere und gelten nach Meinung der Befragten als Massenbetriebe.

Die genannten Zahlen beruhen auf den Ergebnissen der Landwirtschaftszählung von 2010. Für die Studie befragten die Statistikbehörden der Bundesländer alle Landwirte in Deutschland, die zum Erhebungszeitpunkt einen eigenen Betrieb besaßen.

Immer weniger Betriebe halten immer mehr Tiere

Ein Landwirt bedient einen Melkroboter im Kuhstall.

Das Melken läuft heute oft vollautomatisch

Wie die Landwirtschaftszählung von 2010 belegt, sind Betriebe mit mehreren Tausend Tieren in Deutschland keine Seltenheit. Das ist vor allem den technologischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte zu verdanken. Traktoren, Melkmaschinen und Fütterungsanlagen haben die Tierhaltung zunehmend automatisiert und leistungsfähiger gemacht. Der einzelne Landwirt kann heute deutlich mehr Tiere halten als noch vor etwa 50 Jahren.

2013 lebten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 12,7 Millionen Rinder, 28,1 Millionen Schweine und 67,5 Millionen Masthühner in Deutschland. Rechnet man Puten, Schafe und andere Nutztiere hinzu, war die Zahl der Nutztiere nahezu doppelt so groß wie die der Bevölkerung. Was die Produktion von Fleisch- und Wurstwaren betrifft, ist Deutschland daher seit Jahren Selbstversorger. Produktionsüberschüsse, im Schnitt etwa vier Millionen Tonnen im Jahr, werden exportiert, vor allem in andere Länder der Europäischen Union (Stand: 2012).

Während die Bestandsgrößen der Tiere gewachsen sind, ist die Zahl der Betriebe in den vergangenen Jahren gesunken. Nicht jeder Landwirt kann es sich leisten, in neue Technologien und größere Ställe zu investieren. Vielen Betrieben fehlt es auch an Nachwuchs. Immer weniger Betriebe halten daher immer mehr Tiere.

Tierschützer kritisieren die Haltungsbedingungen in Großbetrieben

Mehrere Mitglieder des BUND protestieren auf der Straße. Im Hintergrund hängt ein Banner mit der Aufschrift "Massentierhaltung? Nein danke!"

Tierschützer protestieren gegen die Massentierhaltung

Tierschutzorganisationen wie PETA oder der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) halten diese Entwicklungen für gefährlich. Sie kritisieren zum Beispiel, wie Schweine in Großbetrieben gehalten werden.

Auf den weit verbreiteten Spaltenböden, durch die Kot und Urin direkt in ein Sammelbecken ablaufen, könnten die Tiere ausrutschen und sich Klauenverletzungen zuziehen. "Spaltenböden sind nicht mehr als eine Managementerleichterung für den Landwirt, die den Preis drückt", sagt etwa Lisa Wittman von PETA. In den Ställen fehle es den Tieren auch an Beschäftigungs- und Rückzugsmöglichkeiten.

"Schweine sind intelligenter als Hunde. Die kann man in einer winzigen Box nicht dauerhaft beschäftigen", sagt Wittmann. Weitere Kritikpunkte der Tierschützer sind der Einsatz von Antibiotika in den Großbetrieben und die Belastung der Umwelt durch den hohen CO2- und Nitratausstoß.

Die Landwirte fühlen sich von den Tierschützern zu Unrecht verurteilt. "Warum sollen wir Landwirte nicht auch am technischen Fortschritt teilnehmen? Warum dürfen wir nicht auch davon profitieren?", fragt sich etwa Hans-Heinrich Wortmann aus Kamen.

Die Landwirtschaft sei zum Feindbild Nummer Eins geworden. Statt auf Augenhöhe zu diskutieren, ginge es vielen Tierschutzorganisation nur darum, reißerische Meldungen zu bringen. "Mein größter Wunsch ist es, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Und da nehme ich auch die Politiker mit ins Boot", sagt Wortmann.

Wenn er mit 250 Schweinen genug Geld verdienen könnte, um seine Familie zu ernähren, würde Wortmann auf der Stelle 1550 Schweine abgeben, sagt er. Bei den aktuellen Fleischpreisen sei das aber nicht möglich. "Die Verbraucher wollen günstige Lebensmittel, in bester Qualität und zu jeder Zeit. Wir müssen nicht jeden Tag Fleisch essen", sagt der Bauer.

Auch Lisa Wittmann von PETA nimmt die Verbraucher mit in die Verantwortung. "Ganz klar: Die Verbraucher haben die Macht", sagt die Tierschützerin. "Aber die Landwirte haben auch Entscheidungsmöglichkeiten."

Autorin: Andrea Böhnke

Stand: 29.04.2016, 11:00

Darstellung: