Artenschutz für Krokodile

Kopf und Oberkörper eines Leistenkrokodils.

Krokodile

Artenschutz für Krokodile

Im Norden Australiens waren die dort lebenden Leistenkrokodile durch intensive Jagd im 20. Jahrhundert nahezu ausgerottet. 1971 wurden die Reptilien im Bundesstaat Northern Territory unter Naturschutz gestellt. Dies führte jedoch dazu, dass sie sich – ohne natürliche Feinde – sehr schnell vermehrten. Nach acht Jahren gab es wieder so viele Exemplare, dass es auch zu Angriffen auf Menschen kam, die dann wiederum Jagd auf Krokodile machten. Gefragt war ein Kompromiss, der sowohl den Krokodilen als auch den Menschen gerecht werden konnte. Im Northern Territory bedeutet dies heute: "schonende Wildtiernutzung".


Problemkrokodile

Große Teile Nordaustraliens sind von weitläufigen Sumpflandschaften durchzogen. Am Ende der Regenzeit im April stehen selbst Wiesen und Wälder unter Wasser: ideale Bedingungen für die Leistenkrokodile.

Aber die Urzeitreptilien machen Probleme. Die älteren Tiere vertreiben die Jungen aus ihrem Territorium. Die fliehen oft über Flüsse in die Nähe menschlicher Siedlungen und werden zu sogenannten Problemkrokodilen.

Eine Sammelstelle für die Flüchtlinge ist das Hafengebiet der Stadt Darwin. Dort werden die Tiere in schwimmenden Fallen gefangen und landen in einer der zahlreichen Krokodilfarmen.

Die explosionsartige Vermehrung der Leistenkrokodile bekommen besonders die Landwirte zu spüren. Jährliche Verluste von 20 bis 30 Rindern pro Farm sind keine Seltenheit. Deshalb wurden in den 1980er Jahren die Naturschutzbestimmungen gelockert.

Nach wie vor dürfen die Leistenkrokodile zwar nicht gejagt werden. Aber als Ausgleich dürfen Farmer mit behördlicher Genehmigung eine begrenzte Anzahl von Eiern aus den Gelegen entnehmen und an Krokodilfarmen verkaufen. Ganz ungefährlich ist der legale "Eierklau" nicht. Die Weibchen bewachen ihr Nest und reagieren äußerst aggressiv auf jeden Eindringling.

Hafengebiet in der australischen Stadt Darwin mit Anlegestellen, Kränen und Schiffen.

Im Hafen von Darwin leben viele Krokodile

Artenschutz mal anders

Seit 1971 werden die Krokodile im Nordterritorium jedes Jahr gezählt. Die Forscher machen das nachts. Im Scheinwerferkegel leuchten die Augen der Reptilien rot auf und sind mehrere hundert Meter weit zu sehen. Die regelmäßige Bestandsaufnahme beweist: Das kontrollierte Ernten einer bestimmten Anzahl Eier gefährdet die Leistenkrokodile nicht.

Das Geschäft mit den Krokodileiern macht zudem Menschen zu Artenschützern, die sonst mit Naturschutz nicht viel am Hut haben. Viele Farmer verzichten darauf, ihre Wiesen für den Ackerbau trockenzulegen und überlassen die Überflutungsflächen den Leistenkrokodilen. Deren Lebensraum bleibt unangetastet.

Krokodilfarmen

Die Farmer verkaufen die gesammelten Eier an Krokodilfarmen. Dort kommen sie in den Brutschrank. Er erledigt das, was in freier Natur die Nester aus faulenden Pflanzen leisten. In einer Krokodilfarm schlüpfen pro Jahr etwa 20.000 Leistenkrokodile. Dort werden die wilden Räuber zu Nutztieren, die der Leder- und Fleischgewinnung dienen.

Nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen von 1973 ist der Handel mit Krokodilprodukten bedingt erlaubt. Die große Mehrzahl der Zuchttiere hat Eltern, die irgendwo im Nordterritorium in Freiheit leben.

Dass so der erfolgreiche Schutz der Leistenkrokodile in Australien aussieht, daran muss man sich erst gewöhnen. Doch die Art kann deshalb in gesicherten Landstrichen überleben, weil ein Teil der Eier eingesammelt wird.

Krokodile in einer Krokodilfarm.

Krokodilfarmen sichern das Überleben der Art

Denkanstöße

Wer Leistenkrokodile bei der Fütterung oder beim Reißen von Beutetieren beobachtet, bleibt trotz aller Faszination auf emotionaler Distanz. Die riesigen Urzeitreptilien sind eben keine "süßen" Pandas, die auf die Tierliebe der Massen zählen können.

Das Schutzprogramm für die australischen Leistenkrokodile versucht erst gar nicht auf Tierliebe zu bauen. Problemkrokodile werden eingefangen, die Bevölkerung wird aufgeklärt. Und man vertraut auf die etwas abgehärtete Pionierseele in Nordaustralien. Die Menschen dort verdienen an den Leistenkrokodilen, ob es gefällt oder nicht.

Vieles scheint dafür zu sprechen, dass an einer schonenden Nutzung von Wildtieren etwas dran ist. Zumindest hilft es den Leistenkrokodilen, die beinahe ausgerottet worden wären, nachdem sie über 200 Millionen Jahre auf dieser Erde überlebt haben.

Ausgewachsenes Leistenkrokodil am Ufer einer Wasserfläche.

Leistenkrokodil in freier Wildbahn

Autor: Hans-Jürgen von der Burchard

Stand: 13.09.2017, 15:57

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