Fühlen

Sinne

Fühlen

Ob es zu kalt oder zu warm ist, ob wir noch barfuß am Strand laufen oder schon im Wasser stehen und ob wir gerade gestreichelt oder geschlagen werden – all das können wir fühlen. Dieser oft unbeachtete Sinn spielt eine ganz besondere Rolle in unserem Leben. Der Tastsinn entwickelt sich beim Fötus im Mutterleib als erstes. Wir beginnen also zu fühlen, lange bevor wir auf die Welt kommen. Durch das Fühlen erhalten wir Informationen über unsere Umwelt und auch über uns selbst.

Fühlen ist lebenswichtig

Das Fühlen ist das Stiefkind unter unseren Sinnen. Verglichen mit Sehen, Hören, Riechen oder Schmecken gilt es als niedere Wahrnehmung. Auch die Forschung hat dem Fühlen bisher nur wenig Beachtung geschenkt. Von all unseren Sinnen wissen wir über das Fühlen am wenigsten. Einen Grund für die Vernachlässigung des Fühlens sehen manche Wissenschaftler in unserer christlich geprägten Gesellschaft. Wie kein anderer Sinneseindruck können angenehme Berührungen uns in Entzücken und Ekstase versetzen. Dieser verruchte Beigeschmack hat den Status des Fühlens vor allem in den Augen der Kirche verschlechtert.

Ein nackter Säugling betastet das Gesicht seiner Mutter.

Babys lernen durch Berührungen die Welt kennen

Dabei beweisen vor allem Studien mit Neugeborenen, wie wichtig Berührungen für das menschliche Wohlbefinden sind. Frühgeborene, bei denen das sogenannte Känguruhen praktiziert wurde - die Kinder liegen dabei möglichst oft für längere Zeit mit direktem Hautkontakt auf der Brust der Eltern - haben höhere Überlebenschancen. Bei allen Babys fördern die Reize auf der Haut die Entwicklung des Gehirns und die Ausschüttung von Wachstumshormonen. Das völlige Fehlen liebevoller Berührungen dagegen verzögert nicht nur die Entwicklung und verursacht seelische Schäden, sondern kann sogar zum Tode führen. Sanfte Berührungen wie Streicheln lösen auch bei Erwachsenen die Ausschüttung günstiger Hormone aus, die das Wohlbefinden steigern, den Blutdruck senken und die emotionale Bindungsfähigkeit unterstützen.

Die Haut - ein ganz besonderes Organ

Die Grafik zeigt einen Querschnitt durch Ober-, Leder- und Unterhaut. Man erkennt Haarwurzeln, Schweißdrüsen und Nervenenden.

Die Haut ist weit mehr als eine einfache Hülle

Die Haut ist mit bis zu zwei Quadratmetern Oberfläche und bis zu zehn Kilogramm Gewicht nicht nur unser größtes Sinnesorgan, sondern auch das vielseitigste. Sie hält unseren Körper zusammen, schützt ihn vor Austrocknung, bildet eine Barriere für Keime, Schmutz und Wasser und reguliert über die Schweißproduktion die Körpertemperatur. Und sie liefert uns wichtige Informationen über unsere Umwelt und uns selbst. Damit die Haut dabei nicht schlapp macht, wird sie ständig erneuert: Etwa alle 27 Tage hat sich die oberste Zellschicht unserer gesamten Körperoberfläche einmal komplett ausgetauscht.

Die Haut besteht aus drei Schichten. Zuoberst liegt die Epidermis, darunter folgt die Lederhaut, in der die Talg- und Schweißdrüsen und auch die Haarwurzeln liegen. Die unterste Schicht bildet die Subcutis, in der neben Blutgefäßen und Nerven vor allem Fettzellen sitzen, denen wir unsere Problemzonen verdanken. In allen Hautschichten befinden sich Sinneszellen, die Rezeptoren. Sie nehmen Reize von außen auf und leiten sie als elektrische Impulse an das Rückenmark weiter, das wiederum dem Gehirn meldet, was "draußen" passiert.

Allerdings befinden sich nicht an jeder Körperstelle gleich viele Rezeptoren. Ein einfacher Versuch kann das beweisen: Wenn man sich mit zwei spitzen Bleistiften gleichzeitig in die Fingerkuppe sticht, kann man schon bei sehr geringen Abständen die zwei Einstichstellen unterscheiden. Wiederholt man das Gleiche am Rücken, stellt man fest, dass man erst dann beide Stiche wahrnimmt, wenn diese mehrere Zentimeter auseinander liegen. Die höchste Rezeptorendichte haben wir an den Fingerkuppen, den Lippen, der Zunge und den erogenen Zonen.

Informationen über die Umwelt

Hände betasten den Eingangsbereich eines Modells vom Reichstag.

Blinde "sehen" durch ihren Tastsinn

Die taktile Wahrnehmung oder Ekterozeption umfasst alles, was wir mit unserer Körperoberfläche fühlen können. Dazu gehört natürlich der Tastsinn der Hände, aber auch das unangenehme Gefühl, wenn man sich versehentlich auf eine nasse Parkbank gesetzt hat. Damit das Gehirn zwischen den Informationen über Temperatur, Druck, Vibration, Berührung und Schmerz unterscheiden und eine passende Reaktion veranlassen kann, besitzt der Körper verschiedene spezialisierte Rezeptoren.

Anfang, Ende und Änderungen von Berührungen erspüren wir zunächst durch unsere Körperbehaarung. Dafür sitzen Haarfollikelrezeptoren in der Lederhaut an den Haarwurzeln. An unbehaarten Körperstellen, wie den Fingerkuppen, werden sie durch die sogenannten Meissner-Körperchen ersetzt. Wenn wir uns stoßen, wird das Gehirn von den Merkel-Zellen in der Epidermis oder den Ruffini-Körperchen in der Lederhaut über die Druckveränderung informiert. Vibrationen empfangen die Vater-Pacini-Körperchen in der Unterhaut und Schmerzsignale werden von freien Nervenenden verarbeitet.

Die Rezeptoren für die Temperaturwahrnehmung haben ihren Aufgabenbereich sogar noch weiter aufgeteilt. Wenn wir frieren, senden die Kälterezeptoren ihre Impulse aus, zu heißes Badewasser melden die Wärmerezeptoren. Gemeinsam "messen" sie ständig die Außentemperatur und melden sie dem Gehirn, damit es bei Abweichungen die Körpertemperatur wieder auf 37 Grad Celsius einstellen kann.

Nicht jeder Reiz wird gleich behandelt

Es gibt ein weiteres Merkmal, um Rezeptoren zu unterscheiden: ihre sogenannte Adaptionszeit. Schnell adaptierende Rezeptoren melden den Reiz nur, wenn er beginnt, aufhört oder sich ändert. Bleibt er konstant, schalten sie sich vorerst ab. Zu diesem Typ gehören die Rezeptoren für Berührung oder Vibration. Das ist praktisch, weil man so zum Beispiel beim Tasten schneller kleine Unterschiede wahrnimmt. Langsam adaptierende Rezeptoren melden den Reiz immer weiter, auch wenn er sich nicht verändert. So beispielsweise die Druck- oder Schmerzrezeptoren. Sie schlagen sozusagen lange Alarm.

Doch trotz dieser Regulation würden wir ohne die Hilfe unseres Gehirns völlig von Reizen überflutet werden. Die Berührung der Kleidung auf der Haut, jeder leichte Luftzug, der Druck unserer Füße auf dem Boden: All das würde unsere volle Aufmerksamkeit beanspruchen. Aber unser Gehirn ist in der Lage, alltägliche, "unwichtige" Reize aus unserem Bewusstsein auszublenden, sodass wir uns ganz auf das Steinchen im Schuh oder die Stecknadel im Hemdkragen konzentrieren können.

Wo ist eigentlich mein Bein?

Schließen Sie Ihre Augen. Und berühren Sie dann mit der Hand Ihren Fuß! Eine ganz einfache Sache? Aber woher weiß die Hand eigentlich, wo der Fuß ist, wenn ihr Besitzer nichts sieht? Das Wissen um die Bewegungsrichtung unserer Körperteile und ihre Lage zueinander entsteht ebenfalls durch das Fühlen. Ohne die Propriozeption, die Eigenwahrnehmung, könnten wir nicht gehen, ohne die ganze Zeit unsere Füße zu beobachten. Wir könnten im Dunkeln nicht das Licht anmachen, weil wir nicht wüssten, wo unsere Hände sind.

Eine junge Frau verdreht ihren Körper bei Yogaübungen auf einer gelben Sportmatte.

Trotz aller Verrenkungen behält das Gehirn die Übersicht

Rezeptoren in Gelenken und Sehnen fühlen ununterbrochen Neigungswinkel und Position unserer Körperteile und informieren unser Gehirn. Sensoren in den Muskeln melden gemeinsam mit ihnen alle Positionsänderungen. So sind wir immer über die aktuelle Lage unseres Körpers informiert. Bei gesunden Menschen erfolgt die Propriozeption völlig unbewusst. Ist ein Bewegungsablauf einmal erlernt, kann das Gehirn automatisch auf die eingehenden Reize die passende Reaktion folgen lassen.

Auch wenn es meistens nicht auffällt, ermöglicht es uns erst das Fühlen, uns ungezwungen und sicher in unserer Umwelt zu bewegen. Denn wer kann schon überall seine Augen haben?

Weiterführende Infos

Autor/in: Julia von Sengbusch

Stand: 06.05.2014, 13:00

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