Hörstörungen

Hören

Hörstörungen

"Nur meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort. Ich kann sagen, ich bring mein Leben elend zu", schrieb Ludwig van Beethoven einst in sein Tagebuch. Heute wissen wir, dass er unter Tinnitus litt. Sein Hörvermögen ließ im Laufe der Zeit immer mehr nach, bis er 1819 völlig taub war und selbst keine Konzerte mehr geben konnte. Ein Wunder, wie er in diesem gehörlosen Zustand 1824 die 9. Sinfonie vollenden konnte. Der völlig taube Beethoven ließ es sich nicht nehmen, die Uraufführung selbst zu dirigieren. Nach dem letzten Satz brach frenetischer Beifall los, den Beethoven natürlich nicht hören konnte. Er stand mit dem Rücken zum Publikum, bis ihn einer der Solisten an der Schulter fasste und zur begeisterten Menge umdrehte.

Taubheit

Portrait von Ludwig van Beethoven

War schwerhörig: Ludwig van Beethoven

Wer taub ist, kann Geräusche und Töne nicht mehr wahrnehmen. Es gibt eine absolute Taubheit und eine praktische Taubheit. Bei einer praktischen Taubheit kann der Betroffene zumindest noch einzelne Töne oder Geräusche wahrnehmen. Er ist "resthörig".

Hören ist eine Grundvoraussetzung für die Sprachentwicklung. Nur wer hören kann, lernt auch richtig sprechen. Kinder, die taub auf die Welt kommen oder vor der Sprachentwicklung ihr Hörvermögen verlieren, können nicht sprechen lernen. Ohne eine Therapie führt die Gehörlosigkeit dazu, dass die Kinder auch nicht sprechen können.

Aber auch für Menschen, die erst im Erwachsenenalter taub werden, ist eine Therapie wichtig. Denn ein Mangel an sprachlicher Kommunikation führt zur Vereinsamung und zu einer sozialen Ausgrenzung. Heute kann vielen Gehörlosen mit dem sogenannten Cochlea-Implantat, einem künstlichen Innenohr, geholfen werden.

Schwerhörigkeit

Hörminderungen sind nicht immer nur angeboren. Viele Menschen hören mit zunehmendem Alter immer schlechter. Es ist aber nicht einfach nur ein physiologischer Alterungsprozess wie bei den Augen. Immerhin haben 10 Prozent der 80-Jährigen ein völlig normales Gehör.

Die Hörstörung bei älteren Menschen kann verschiedene Ursachen haben. In den meisten Fällen ist es die Summe all dessen, was unsere Ohren im Laufe unseres Lebens ertragen müssen. Zu den vielen Dingen, die unser Gehör schädigen können, zählt vor allem der Lärm. Deswegen sind in zunehmendem Maße auch junge Menschen von Schwerhörigkeit betroffen, etwa weil sie zu laute Musik in Discos hören.

Trotz Lärmschutzvorschriften steht Lärmschwerhörigkeit immer noch ganz oben auf der Liste der Berufskrankheiten. Verschiedene körperliche Erkrankungen spielen ebenfalls eine Rolle. Das können
Infektionskrankheiten sein, Diabetes mellitus, Herzkreislauferkrankungen oder Erkrankungen der Hormondrüsen, zum Beispiel bei Fehlfunktion der Schilddrüse.

Aber auch chronische Mittelohrentzündung oder die Ansammlung von Ohrenschmalz und Fremdkörpern im Gehörgang können zu einer chronischen Schwerhörigkeit führen. Schädliche Einflüsse haben auch Alkohol, Nikotin und Medikamente.

Aufnahme des menschlichen Innenohrs mit Hilfe eines Elektronenmikroskops in 250.000-facher Vergrößerung.

Äußere Einflüsse schaden den Haarzellen

Bestimmte Antibiotika schädigen das Innenohr, indem sie die empfindlichen Haarzellen in der Cochlea vergiften. Sterben die Sinneszellen ab, können die Signale nicht mehr an den Hörnerv weitergeleitet werden.

Oft wird die Hörbeeinträchtigung erst sehr spät wahrgenommen. Der Prozess des Hörverlustes entwickelt sich schleichend über viele Jahre. Zuerst kommt es zu einem Verlust der hohen Töne im oberen Frequenzbereich. Die Betroffenen können dann Konsonanten wie K, L oder S nicht mehr verstehen.

Je stärker das Hörvermögen beeinträchtigt ist, um so mehr Frequenzen brechen weg. Die größte Empfindlichkeit hat unser Ohr bei Frequenzen zwischen 500 und 5000 Hertz. In diesem Bereich wird der Hörverlust auch deutlicher wahrnehmbar.

Erstes Anzeichen für schlechtes Hören ist zum Beispiel, wenn der Fernseher immer lauter gestellt wird oder wenn man bei Gesprächen häufig nachfragen muss und nicht mehr richtig folgen kann. Es wird schwierig, den Gesprächspartner am Telefon zu verstehen. Spätestens dann ist ein Hörtest beim Arzt fällig.

Eine Hörgerät wird am Ohr eines Mannes befestigt.

Ein Hörgerät gleicht leichte Schäden aus

Stellt der Arzt eine Schwerhörigkeit fest, fahndet er nach den Ursachen, um eine weitere Hörverschlechterung zu vermeiden. Gegen die bereits eingetretene Hörminderung kann er ursächlich allerdings wenig tun. Sie ist irreversibel. Um die Hörleistung wiederherzustellen, hilft meist nur noch ein Hörgerät.

Allerdings fürchten das viele Menschen. Sie nehmen lieber über die Jahre viele Schwierigkeiten in Kauf und riskieren sogar eine gesellschaftliche Isolation, anstatt sich mit dem kleinen Apparat in ihrem Ohr anzufreunden. Dabei ist eine frühe Versorgung wichtig, denn der Patient gewöhnt sich an seinen Zustand. Es kommt zu einer Hörentwöhnung. Bekommt er dann ein Hörgerät ist er möglicherweise von der wiedergewonnenen Klangvielfalt überfordert. Er muss sich dann erst langsam wieder daran gewöhnen, gut zu hören.

Hörsturz

Ein merkwürdiger dumpfer Druck im Ohr, plötzlich fühlt man sich, als ob von einem Moment auf den anderen die Lautstärke heruntergedreht wird - als wäre Watte im Ohr. Ein lautes Rauschen, das alles übertönt. So etwa beschreiben Patienten ihren Hörsturz.

Meist kommt der Hörsturz ohne Vorwarnung. Es ist ein Infarkt im Innenohr. Die genauen Ursachen sind noch nicht eindeutig geklärt. Als Auslöser vermuten Wissenschaftler eine gestörte Blutversorgung im Ohr. Die feinen Haarzellen werden durch winzige Blutgefäße versorgt.

Symbolische Darstellung von Lärm: Strahlen treffen auf ein Ohr.

Das Ohr ist ständig in Betrieb

Bei mangelnder Durchblutung wird die Funktion der Sinneszellen beeinträchtigt. Sie bekommen dann nicht mehr ausreichend Nährstoffe und Sauerstoff. Je länger die Unterversorgung andauert, umso größer ist die Gefahr, dass die empfindlichen Sinneszellen absterben. Die Folge davon ist Schwerhörigkeit oder vollständige Taubheit.

Als Auslöser und Verstärker gelten ähnliche Symptome und Ursachen wie bei einem Herzinfarkt oder Schlaganfall: Blutdruckschwankungen, Übergewicht, Störungen des Fettstoffwechsels, starkes Rauchen, extreme Lärmbelastung und seelische Faktoren wie Stress.

Ein Hörsturz kann auch morgens auftreten, wenn man entspannt im Bett liegt. Denn in dieser Zeit kann der Blutdruck stark absinken. Unterhalb eines kritischen Levels werden die Ohren nicht mehr ausreichend mit Blut beziehungsweise Sauerstoff versorgt.

Der Hörsturz ist ein medizinischer Notfall. Wenn er nicht rechtzeitig erkannt und entsprechend behandelt wird, kann es zu schwerwiegenden Folgeschäden kommen. Sie reichen von leichter Hörminderung bis hin zur völligen Taubheit.

Ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt untersucht das Ohr einer Patientin.

Ein Hörsturz muss sofort behandelt werden

Bei mehr als der Hälfte der Fälle bessert sich der Hörsturz von alleine. Hörverlust und Ohrgeräusche bilden sich innerhalb von Stunden wieder zurück. Manchmal dauert es aber auch mehrere Wochen. Um größtmögliche Heilungschancen zu haben, ist es wichtig, früh mit einer Behandlung zu beginnen, am besten innerhalb der ersten Woche.

Bei den meisten Betroffenen kann auf diesem Wege auch die Hörfähigkeit wieder hergestellt werden. Aber auch wenn die Behandlung erfolgreich war, bleibt das Ohr eine Schwachstelle. Es gilt dann, die Faktoren auszuschließen, die zum Hörsturz geführt haben. Nicht selten bleibt nach einem Hörsturz ein Tinnitus zurück.

Hörscreening bei Neugeborenen

In Deutschland kommen jedes Jahr etwa 1000 Kinder schwerhörig oder taub zur Welt. Werden diese Hörschäden nicht rechtzeitig behandelt, leidet die Entwicklung der Kinder. Kinder, die nur schwer oder gar nicht hören können, haben eine gestörte Sprachentwicklung. Ein Problem, das sich auch später in der Schule fortsetzt. Auch die soziale und emotionale Entwicklung wird stark beeinträchtigt.

Hörschäden lassen sich in Anfangsstadien noch gut behandeln. Je früher sie erkannt werden, umso effektiver ist die Behandlung. Meist werden die Schäden aber erst zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr entdeckt. Oder noch später, wenn die Kleinen im Kindergarten oder in der Schule sind.

Dabei gibt es heute die technischen und medizinischen Voraussetzungen, um bereits bei Neugeborenen Hörtests durchzuführen. Es gibt zwei verschiedene Verfahren:

OAE (otoakustische Emissionen): Ein gesundes Ohr verarbeitet nicht nur akustische Reize, es kann auch Schall erzeugen. Diesen Schall, der in der Cochlea, der Gehörschnecke, erzeugt wird, bezeichnet man als "otoakustische Emission". Nur Menschen, die normal hören oder minimal schwerhörig sind, haben OAE. Sie werden über das Mittelohr nach außen geleitet und können im Gehörgang gemessen werden. Auf diese Weise lassen sich die Vorgänge in der Hörschnecke testen. Vorteil der Methode: Die Messung kann schon in den ersten Tagen nach der Geburt durchgeführt werden, während das Kind schläft.

AEP (auditorisch evozierte Potenziale): Bei dieser Methode wird dem Ohr ein Ton angeboten, ein kurzer Schallreiz. Durch den Schallreiz wird die elektrische Aktivität des Hörnervs und des Gehirns vorübergehend verändert. Diese Spannungsänderung kann mit Elektroden an der Kopfhaut gemessen werden, ähnlich wie bei einem EEG. Man spricht von auditorisch evozierte Potenzialen. Auch dieser Hörtest eignet sich gut für Säuglinge, da er während des Schlafes durchgeführt werden kann. Mit dieser Methode können auch Schädigungen der Hörnerven nachgewiesen werden.

Autorinnen: Andrea Wengel/Julia Ucsnay

Stand: 16.12.2015, 10:45

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