Die Erforschung des Riechens – Interview mit Hanns Hatt

Riechen

Die Erforschung des Riechens – Interview mit Hanns Hatt

Er gilt als Deutschlands "Duftpapst": der Zellphysiologe und Duftforscher Hanns Hatt. Der Professor der Ruhr-Universität Bochum machte die Bedeutung von Düften und Gerüchen für unser Leben als einer der ersten Wissenschaftler publik. Weil er im Fernsehen, im Radio, bei Vorträgen und in Büchern so spannend und allgemein verständlich über das lange Zeit unbeachtete Thema redet und schreibt, wurde er von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit dem "Communicator-Preis" ausgezeichnet.

Planet Wissen : Sie scheinen die Macht der Düfte früh erahnt zu haben: Es heißt, Sie hätten schon als Jugendlicher versucht, Frauen mit Hilfe von Halstüchern zu verführen, die sie vorher durch die Achselhöhle gezogen hätten. War das so erfolgreich, dass Sie dran geblieben sind?

Porträt Professor Hanns Hatt

Professor Hanns Hatt

Hanns Hatt: Wir Jugendlichen in Bayern hatten damals alle den Tick, unsere Halstücher unter den Achseln lang zu ziehen. Das war gar nichts Besonderes, man musste nur dran glauben. Inzwischen hat man nachgewiesen, dass der männliche Schweißgeruch einen Duftstoff (Androstenol) enthält, der für Frauen normalerweise nicht besonders gut riecht (nach Urin und alter Bettwäsche).

Während des Eisprungs aber ändert sich dies, dann wird der Geruch deutlich positiver beurteilt. Frauen können Männer dann "besser" riechen, genauer gesagt, sie finden den Geruch weniger unangenehm. Ich habe damals natürlich fest an die Wirkung des Halstuches geglaubt. Bis zur Geruchsforschung war es dann aber doch noch ein weiter Weg.

Sexuallockstoffe faszinieren Sie auch heute noch. Sie und Ihr Team sind unter anderem den menschlichen Pheromonen, also Sexuallockstoffen wie wir sie aus Tier- und Pflanzenwelt kennen, auf der Spur. Wie weit sind Sie?

Bei Tieren ist die Wirkung der Pheromone eindeutig belegt. Neben der Sexualität werden viele Informationen im Tierreich in einer chemischen "Sprache", in Form von Pheromonen vermittelt, wie zum Beispiel Reviermarkierung, Rangordnung, Angst und so weiter. Ein wichtiges Merkmal ist, dass Pheromone beim Tier der gleichen Art eine vorhersehbare, fast reflektorische Reaktion auslösen. Wenn der Eber beispielsweise das Duftmolekül Androstenon/Androstenol absondert, dann verfällt jede Sau automatisch in eine sogenannte Duldungsstarre und der Eber kann sie begatten.

Zwar haben Forscher Androstenol auch im Männerschweiß entdeckt, aber exakte Verhaltensdaten fehlen noch. Ein menschliches Pheromon, das wie im Tierreich zuverlässig Vertreter des anderen Geschlechts anlockt oder beim Mitmenschen eine immer gleiche Reaktion auslöst, konnte man bisher aber nicht nachweisen.

Sie haben enorm dazu beigetragen, die Bedeutung des Riechens für unser Leben öffentlich zu machen. Warum wurde dieser Sinn in der Gesellschaft und von der Wissenschaft so lange vernachlässigt?

Zwei Hunde beschnuppern sich.

Im Tierreich spielen Gerüche eine große Rolle

Das hat verschiedene Gründe. Im Alltag hat es sicher damit zu tun, dass dem Riechen etwas Animalisches anhaftet. Tiere folgen ihrer Nase, beschnüffeln sich gegenseitig, der Rüde wird zum Beispiel vom Geruch der läufigen Hündin angelockt. Von so einem triebhaften, erzwungenem Verhalten wollen wir Menschen uns als "vergeistigte Wesen" mit freiem Willen absetzen. Wir konzentrieren uns lieber auf das Sehen und Hören, weil wir das bewusster wahrnehmen und steuern können.

In der Wissenschaft wiederum haben sich Forscher lange an das Gebiet nicht ran getraut, weil das Riechen so komplex ist. Es gibt Hunderttausende von Duftmolekülen, die Riechzellen sind winzig und die Nase ist für Untersuchungen nur schwer zugänglich. Inzwischen sind die Techniken aber immer weiter verfeinert und verbessert worden

Heißt das, dass dank der verbesserten wissenschaftlichen Methoden das Phänomen Riechen inzwischen vollständig erforscht ist?

Nein, auf keinen Fall. Das Riechen ist insgesamt gesehen noch immer ein sehr wenig erforschter Sinn. Immerhin weiß man inzwischen, dass wir Menschen rund 350 verschiedene Riechrezeptoren beziehungsweise Riechzelltypen in der Nase haben.

Jeder Rezeptor ist für einen Duft zuständig - einer für Vanille, ein anderer für Moschus. Aber wir wissen erst von zehn dieser Riechzellentypen, was genau sie riechen können. In Bochum haben wir vor einigen Jahren den ersten menschlichen Rezeptor, den für Maiglöckchen, entschlüsselt.

Mit dem Maiglöckchen-Thema sind Sie bekannt geworden. In Ihrem Labor wurde außerdem der Beweis erbracht, dass nicht nur die Nase riechen kann. Wie muss man sich das vorstellen?

Spermium versucht, in eine Eizelle einzudringen.

Dank Maiglöckchenduft zum Ziel

Wir haben zeigen können, dass der für den Maiglöckchenduft zuständige Rezeptor nicht nur in den Riechzellen der Nase vorkommt, sondern auch an der Oberfläche von Spermien. Diese finden ihren Weg zur Eizelle, weil die Eizelle einen Duft abgibt, der dem Maiglöckchenduftmolekül ähnelt. Damit lockt sie die Spermien an. Sie finden den ungefähr 20 Zentimeter langen Weg vom Vaginalbereich bis zur Eizelle, weil sie der Duftspur der Eizelle folgen.

Wo können Riechrezeptoren noch im Körper vorkommen?

Wir haben Riechrezeptoren im Gehirn, in Prostatazellen, im Magen-Darmtrakt oder der Haut entdeckt. Mehr als die Hälfte meiner Mitarbeiter am Lehrstuhl untersucht inzwischen verschiedene Gewebe außerhalb der Nase, in denen man die Riechrezeptoren findet. Für Prostatazellen, vor allem Prostatakrebszellen konnten wir den "Veilchen"-Rezeptor aus der Nase in großen Mengen nachweisen, bei Aktivierung löste er eine Reduktion der Zellteilungsrate aus.

Können Duftstoffe nur über die Riechschleimhaut der Nase wirken?

Düfte können beim Einatmen oder beim Einmassieren nicht nur über die Nase, sondern direkt über die Haut oder die Atemluftwege ins Blut und von dort in unseren ganzen Körper gelangen, selbst bis in unser Gehirn. So konnten wir vor kurzem ein Duftmolekül, das einen jasminähnlichen Duft hat, entdecken, das pharmakologisch die gleiche einschläfernde und angstlösende Wirkung hat wie Benzodiazepine (Valium) oder Barbiturate.

Auch der Schmerznerv, der Nervus Trigeminus, reagiert auf alle Duftstoffe. Er wird allerdings erst durch sehr hohe Konzentrationen des Duftstoffes (zum Beispiel Minze, Kampfer) aktiviert und löst eher unangenehme Empfindungen (stechend, beißend) aus.

Wem können die Erkenntnisse der Duftforschung denn nützen?

Vor allem im medizinischen Bereich eröffnen die Forschungsergebnisse neue Möglichkeiten. Es laufen zum Beispiel Versuche, ob sich Spermien auch bei künstlichen Befruchtungen mit dem Maiglöckchenduft erfolgreicher zur Eizelle locken lassen.

Aber auch bei Krebstherapien könnten unsere Erkenntnisse zum Beispiel über den Prostatarezeptor helfen. Noch stehen allerdings viele tierexperimentelle Arbeiten und klinische Untersuchungen aus, um sicher zu sein. Wenn man Krebs in einigen Jahren stoppen könnte, wäre das ein Riesenschritt.

Sie werben auch für bewussteres Riechen im Alltag. Kann man das denn trainieren?

Winzer riecht an Glas Wein

Weinkenner haben oft ein besonders feines Näschen

Ja, ganz klar! Ich selber zum Beispiel kann von Natur aus nicht besser riechen als andere. Aber ich habe mir angewöhnt, mich in neuen Räumen, in neuen Umgebungen nicht nur umzusehen, sondern auch "umzuriechen". Es gibt keine geruchsfreien Räume - man muss den Duft nur bewusst wahrnehmen.

Ich versuche auch den Geruch von Menschen zu erhaschen, die an mir vorbeigehen. Wer mit "offener Nase" durch den Alltag geht, dem eröffnen sich neue Welten und viele neue Eindrücke - das ist auf jeden Fall spannend.

Interview: Annette Holtmeyer

Stand: 14.07.2011, 13:00

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