Wildschweine in Berlin

Eine Wildschweinfamilie vor einem vorbeifahrenden Bus.

Tiere der Stadt

Wildschweine in Berlin

Berlin ist die Hauptstadt der Wildschweine. Auf einer Fläche von 900 Quadratkilometern gibt es zahlreiche Plätze mit vielfältigem Nahrungsangebot. Das ist dem Allesfresser Wildschwein nicht verborgen geblieben. Und weil sich die natürlichen Lebensräume der Wildschweine verkleinern, suchen sie sich in der deutschen Hauptstadt neue Wohngebiete.


Auf leisen Hufen

Die Zahlen zur Wildschweinpopulation in Deutschland sprechen eine deutliche Sprache: Vor etwa 50 Jahren wurden in der Jagdsaison in Ost- und Westdeutschland 50.000 Wildschweine erlegt.

In der Saison 2015/2016 waren es laut Deutschem Jagdverband 610.000, also zwölf Mal so viele. Das liegt nicht hauptsächlich daran, dass die Jäger immer lieber auf die Pirsch gehen, sondern dass es zunehmend mehr Schweine gibt – sowohl auf dem Land als auch in den Städten.

Seit Ende der 1990er Jahre hat auch in Berlin die Zahl der Wildschweine deutlich zugenommen. Schätzungen gehen inzwischen von insgesamt etwa 5000 Tieren rund um Berlin aus.

Derk Ehlert, Wildtierexperte des Landes Berlin, sieht einen klaren Trend, der sich seiner Ansicht nach fortsetzen wird: "Vor 30, 40 Jahren waren es immer mal ein paar Wildschweine, die in Berlin gesichtet wurden", sagt er. "Aber wie häufig ich in den vergangenen Jahren Wildschweine gesehen habe, das ist schon enorm."

Geimpft und wohlgenährt

Besonders in Bezirken, die an den Stadtwald grenzen, wie Charlottenburg, Köpenick, Steglitz, Wilmersdorf und Zehlendorf, werden immer wieder Wildschweine gesichtet.

"Wir haben das Umland in ein Schweineparadies verwandelt. Wir bauen um ein zigfaches mehr Mais an als früher. Und Wildschweine lieben Mais." Immer mehr Tiere kommen auf Futtersuche in die Städte.

Eine natürliche Regulierung des Bestandes, zum Beispiel durch Krankheiten wie die Schweinegrippe, findet nicht statt. Denn aus Angst, dass infizierte Wildschweine ihre zahmen Artgenossen auf Bauernhöfen anstecken könnten, werden sie vorsorglich geimpft.

Durch die Jagd lässt sich der Bestand nur halten, nicht verringern. "Die Population wird so lange weiterwachsen, bis das Futter knapp wird", sagt Ehlert. Und da ist in Berlin noch viel zu holen.

Schlau und sportlich

Wildschweine leben im Familienverband, der Rotte. Sie wagen sich üblicherweise nicht in dicht besiedelte Stadtteile und meiden den Menschen. Parks und Gärten sind ihre liebsten Orte zur Futtersuche, denn dort gibt es auch Möglichkeiten zum Rückzug.

Wenn in den Berliner Kleingärten Ruhe einkehrt, kommen die Schweine. Sie drücken und treten problemlos die Zäune ein. Keiler können über einen Meter Schulterhöhe erreichen und 100 bis 150 Kilogramm wiegen, Bachen werden etwa halb so groß.

Manchmal springen sie sogar bis zu einen Meter hoch, um die Zäune zu passieren. "Wildschweine sind sehr intelligent", erklärt Derk Ehlert. "Wenn es sein muss, lernen sie, wie man eine Drückergarnitur öffnet. Die Bache macht es vor, die Frischlinge schauen zu und merken es sich, und zwar für immer."

In den Gärten der Berliner Laubenpieper stöbern sie alles Fressbare auf. Wildschweine haben einen sehr guten Geruchssinn und wittern Obst, Gemüse und Kompost schon aus der Entfernung. Sie graben die Beete um nach Zwiebeln, Knollen und Regenwürmern.

Standorttreue Problemschweine

"Ist eine Quelle schmackhaft, kann man ganz fest damit rechnen, dass die Wildschweine auch im nächsten Jahr um die gleiche Zeit da sind", sagt Derk Ehlert. Er bekommt häufig Anrufe von verzweifelten Kleingärtnern, die von Wildschweinproblemen berichten.

Auf Nahrungssuche streifen Wildschweine bis zu 20 Kilometer weit durch Berlin und merken sich ergiebige Quellen über Jahre. Als Allesfresser mögen sie Pflanzliches und Tierisches.

Beliebt sind Eicheln und Bucheckern, weil sie hohe Nährwerte haben. Auch Waldfrüchte, Mais, Kartoffeln, Obst, Brotreste und Kompost sind bevorzugte Speisen - vieles davon findet sich in den Berliner Gärten. Den Eiweißbedarf decken Insekten, Regenwürmer, kleine Nager, Vogeleier, Fischreste und Aas.

So manche Stadtrotte hat schon auf einem Spielplatz eine regelmäßige Futterstelle gefunden. "Die Mülleimer sind immer gut gefüllt und auf die Leute ist Verlass", sagt Derk Ehlert. "Die füttern die armen, hungrigen Wildschweine noch zusätzlich, die natürlich gar nicht Hunger leiden."

Auf Futtersuche verirren sich Keiler und Bachen manchmal sogar bis in die Fußgängerzone. Zwei ängstliche und nervöse Tiere mussten 2003 am Alexanderplatz erlegt werden. Wildschweine sind aus Berlin nicht mehr zu vertreiben, sie sind längst Stadtbewohner.

Zerwühlter Fußballplatz von Hertha BSC Berlin

Hier haben Wildschweine gewütet

Angriff der Muttertiere

Wildschweine sind friedliebende Tiere, auf deren Speiseplan keine Menschen stehen, und die eigentlich nicht angreifen. Eigentlich, denn wenn sie Gefahr spüren, ist das anders. Verlässt zum Beispiel eine trächtige Bache zum Gebären die Rotte und zieht sich zurück, möchte sie nicht gestört werden. In dieser Zeit ist sie besonders sensibel und angriffslustig.

Das gilt auch für später, wenn sie ihre bis zu zwölf Frischlinge zur Welt gebracht hat. Sie reagiert sehr empfindlich auf ihre Umwelt und fühlt sich und ihre Jungen schnell bedroht. Zehn bis 20 Angriffe werden pro Jahr in Berlin gezählt. Fast immer ist ein Hund ohne Leine im Spiel und ein Herrchen, das Wildschwein und Hund trennen will.

Bei einer Begegnung gilt es, Ruhe zu bewahren, zunächst stehen zu bleiben und dann langsam auf Abstand zu gehen. Bekommen die Tiere eine Rückzugsmöglichkeit, ist die Situation meistens schnell geschlichtet.

Auf keinen Fall sollte man panisch werden und weglaufen, rät Derk Ehlert: "Angriffe sind meistens nur Scheinangriffe. Die Wildschweine laufen auf den Menschen zu und bleiben zehn Meter vor einem stehen." Verlassen könne man sich darauf aber gerade bei einer Bache mit Frischlingen nicht.

Zwei Frischlinge

Später bleiben junge Bachen in der Nähe der Mutter

Bitte nicht füttern

Die Vermehrung der Wildschweine verläuft normalerweise sehr geregelt. Die älteste Bache einer Rotte synchronisiert im Winter hormonell die Paarungsbereitschaft aller Weibchen, die älter als ein Jahr und somit geschlechtsreif sind.

Bei den Stadtwildschweinen ist das inzwischen anders. "Wegen des reichhaltigen Nahrungsangebotes wachsen die Wildschweine schneller und Frischlinge können mit neun Monaten statt mit einem Jahr schon geschlechtsreif sein", sagt Derk Ehlert.

Wissenschaftler haben auch die Beobachtung gemacht, dass Berliner Bachen nicht nur in den Wintermonaten, sondern das ganze Jahr über paarungsbereit sind. Es werden zu jeder Zeit Frischlinge geboren, die Population wächst.

Hohe, stabile Gartenzäune, geschlossene Mülltonnen und Kompostanlagen – nur die Regulierung des Futterangebotes kann helfen, die Wildschweinplage in Berlin und in anderen Städten in den Griff zu bekommen. Also: Bitte nicht füttern!

Ein Wildschwein im Garten eines Hauses

Im Winter wagen sie sich näher an den Menschen

Autorin: Claudia Kynast

Stand: 24.08.2017, 16:07

Darstellung: