Tierische Helfer

Tier und Mensch

Tierische Helfer

Schon seit dem Beginn der Kulturen hält sich der Mensch für die Krone der Schöpfung. Tiere hingegen wurden über Jahrtausende als niedere Lebensform angesehen und entsprechend behandelt. Dabei vergaßen und vergessen wir Menschen nur allzu schnell, dass wir ohne tierische Helfer vermutlich nie zu dem geworden wären, was wir heute sind. Denn bereits die Anfänge unserer Zivilisation wären ohne Tiere wohl ganz anders verlaufen.

Von der Beute zum Haustier

Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier hat sich über die Jahrtausende immer wieder verändert - manchmal zum Positiven, manchmal zum Negativen. Eine Konstante gab es jedoch immer: Die Abhängigkeit des Menschen vom Tier, die schon bei den Jägern der Steinzeit offensichtlich wurde. Nur von gesammelten Pflanzen hätten sich die frühen Menschen nur schwer ausreichend ernähren können.

Um das zehnte Jahrhundert vor Christus begann sich die Mensch-Tier-Beziehung das erste Mal radikal zu verändern. Denn etwa im gleichen Zeitraum, in dem die ersten Menschen begannen gezielt Pflanzen anzubauen, zähmten sie auch die ersten Tiere. Zu den frühen Haustieren gehörten Auerochsen, Wildschafe, Ziegen, Hühner und sogar Wölfe. Nun, da die Menschen nicht nur Fleisch und andere Tierprodukte "auf Abruf" zur Verfügung hatten, sondern sogar Tiere zu ihrem eigenen Schutz halten konnten, schien klar, dass sie den Tieren überlegen waren. Weniger abhängig waren sie deshalb aber noch lange nicht - im Gegenteil.

Unberechtigter Hochmut

Ägyptischer Papyrus: Ein Mann hinter einem Pflug mit Rindern.

Tiere als Entwicklungshelfer für die Zivilisation

Der amerikanische Biologe Jared Diamond hat sich in seiner Forschung auf die frühe Menschheitsgeschichte konzentriert. In seinem Buch "Arm und Reich - Schicksale menschlicher Gesellschaften" beschreibt er einen überraschenden Zusammenhang: Es sei kein Zufall gewesen, dass sich Landwirtschaft und Kultur in Europa und Asien weitaus schneller entwickelten als anderswo. Der Grund: Hier lebten viele verschiedene große Tiere, die sich zähmen und anschließend züchten ließen. In Australien zum Beispiel gab es keine einzige Rasse, die sich als Reit-, Zug-, Last- oder Zuchttier geeignet hätte. Die australischen Ureinwohner hatten es also sehr viel schwerer sich zu ernähren. Und wenn man den Hauptteil seines Tages mit der Nahrungssuche verbringt, bleibt weniger Zeit, die wirtschaftlichen Strukturen weiter zu entwickeln.

Trotz der immer intensiveren Zusammenarbeit änderte sich an der Beziehung zwischen Mensch und Tier über lange Zeit nur wenig. Ein Beleg dafür sind verschiedene Mythen und Erzählungen aus der ganzen Welt. Immer wieder taucht in ihnen das Bild von Herrscher (Mensch) und Beherrschtem (Tier) auf. So berichtet die griechischen Mythologie in der Geschichte des Prometheus zum Beispiel treffend: "Die Menschen lernten, sich die Tiere Untertan zu machen und sie für ihre Zwecke einzuspannen."

Schneller, stärker, feinsinniger

Kamele in einer Wüsten-Karawane mit Gepäck auf dem Rücken.

Kamele sind zuverlässige und ausdauernde Umzugshelfer

Der Mensch erkannte schnell, dass sich zahme Tiere nicht nur dazu eigneten die Nahrungsmittelversorgung zu sichern. Etwa im neunten Jahrtausend vor Christus lernten die Menschen auch die Kraft ihrer Haustiere zu schätzen. Das Rind wurde zum ersten Zugtier der Geschichte - und das war nur der Anfang. Immer häufiger setzten die Menschen Tiere ein, um die eigenen körperlichen Unzulänglichkeiten zu kompensieren. Ein Beispiel: Selbst ein starker Mann würde bei dem Versuch ein Gewicht von 100 Kilogramm über eine längere Distanz zu transportieren schnell zusammenbrechen. Für ein zähes Kamel hingegen ist das keine große Sache.

Doch Tiere mussten nicht nur Lasten tragen, sondern bald auch Menschen. Das erste Abbild eines Reiters stammt aus dem Orient und wurde etwa 2800 vor Christus angefertigt. Dank der Tiere war man nun also nicht nur stärker, sondern auch schneller unterwegs.

Zusätzlich wurden die feineren Sinne mancher Tiere bald gewinnbringend genutzt. Menschen liefen Schweinen hinterher, die sich als meisterliche Trüffelsucher erwiesen, oder brachten ihre Hunde dazu, Schaf- oder Ziegenherden zusammenzuhalten, Kaninchen zu jagen und das Haus zu beschützen. Beinahe jede Arbeitsaufgabe, die ein damals zähmbares Tier erledigen konnte, wurde in der Antike schnell entdeckt.

Helfer oder Ärgernis?

Holzrelief einer Katze mit einer Ratte

Teufelsbote oder Himmelssegen?

Im Mittelalter ergaben sich neue Einsatzgebiete für neue tierische Helfer. Durch die Verstädterung lebten immer mehr Menschen auf kleinem Raum zusammen. Müll und Ungeziefer stellten die größten Probleme für die Stadtbewohner dar. Glücklicherweise erwiesen sich jedoch besonders Hunde und Schweine als effektive "Müllschlucker" - ein Umstand, der dem französischen König Ludwig dem Dicken einigen Kummer bereiten sollte. Als sein Sohn im Jahr 1131 durch Paris ritt, scheute sein Pferd vor einem Schwein, das sich gerade am Abfall labte. Der junge Mann stürzte und brach sich das Genick. Von Trauer ergriffen beschied Ludwig daraufhin, dass Schweinen die Müllentsorgung von nun an verboten sei. Die Folge: Der Unrat stapelte sich in den Straßen und Seuchen griffen um sich.

Doch nicht nur Krankheiten, sondern auch Tiere wurden zur Plage. In den frühen Städten begann es in den Straßen vor Ratten und Mäusen nur so zu wimmeln. Die Hauskatze war - zusätzlich zum verschmusten Gefährte - ein überaus nützlicher und geschätzter Helfer in der Schädlingsbekämpfung. Ab der Mitte des 13. Jahrhunderts änderte sich dies, als Kirchenvertreter immer häufiger verkündeten, Katzen seien Boten des Teufels. Bis zum Abschluss der Reformationsbewegung im 17. Jahrhundert wurden sogar regelmäßig Rechtsprozesse gegen Katzen geführt, die nicht selten mit einem Todesurteil endeten. Eine erfreuliche Entwicklung für die Nagetierpopulation, jedoch nicht für die Stadtbewohner: Regelmäßige Rattenplagen und die von ihnen übertragenen Krankheiten machten ein weiteres Mal deutlich, wie sehr der Mensch auf seine tierischen Helfer angewiesen war.

Technik versus Tier

Gelber Kanarienvogel im Käfig.

Die Züchtung "Harzer Roller" arbeitete unter Tage

Erst mit dem Beginn der Aufklärung im 18. Jahrhundert und der damit verbundenen Abkehr von religiösen Dogmen wandelte sich auch das Verhältnis von Mensch und Tier. Die aufblühenden Naturwissenschaften förderten neben einem verstärkten Interesse auch einen neuen Respekt für die Fähigkeiten der Tiere. Und das, obwohl zu dieser Zeit die Industrialisierung manche Tiere wie etwa das Reitpferd Schritt für Schritt arbeitslos machte. Dennoch wurden auch im technisierten Zeitalter immer wieder neue Einsatzbereiche für tierische Helfer geschaffen: Eines der ersten in der Moderne war der Bergbau.

Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts nahmen Bergleute Tiere mit in die Stollen, die vor giftigem Gas oder Sauerstoffmangel warnen sollten. Zwar erfüllten auch Mäuse und Tauben diese Aufgabe zuverlässig, doch ein tierischer Helfer war in diesem Job unschlagbar: der Kanarienvogel. Dieser kleine Singvogel erwies sich als äußerst empfindlich gegenüber schlechten Luftbedingungen. Wenn er aufhörte zu singen oder gar von seiner Stange fiel, stimmte etwas nicht. Wie viele Kumpel-Leben Kanarienvögel auf diese Weise gerettet haben, lässt sich nicht zählen. Sicher ist jedoch, dass die Bergleute ihren gefiederten Helfern sehr dankbar waren. Im kleinen Ort St. Andreasberg im Harz wurde den "Vögeln unter Tage" sogar ein kleines Museum gewidmet.

Helfer heute - tierische Therapeuten

Im 20. Jahrhundert folgte schließlich der bislang größte Wandel der Mensch-Tier-Beziehung seit der Steinzeit. In keiner Epoche wurden Tiere so maßlos ausgenutzt und dennoch so hoch geschätzt. Auf der einen Seite erreicht die massenhafte Fleischproduktion heute immer neue Rekorde, auf der anderen Seite gab es nie zuvor eine Zeit, in der Menschen das Potenzial tierischer Helfer so freudig nutzten und auch schätzten. Von der medizinischen Reittherapie, bis zum Einsatz von Polizeihunden: Nach Jahrhunderten, die immer wieder von Ignoranz geprägt waren, ist Dankbarkeit für tierische Helfer heute beinahe eine Selbstverständlichkeit geworden.

Autor/in: Jennifer Dacqué

Stand: 28.11.2013, 12:00

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