Mythos Wildtierarzt

Tiermedizin

Mythos Wildtierarzt

Staubige Ebenen, in denen vereinzelte Akazien spärlichen Schatten spenden. Löwen, die in der unerträglichen Hitze der afrikanischen Sonne dösen. Giraffenherden, die majestätisch durch die Savanne ziehen. Skrupellose Großwildjäger, die nur auf Elfenbein aus sind, und Wildhüter, die den Wilderern den Kampf ansagen. Diese Bilder prägen unsere Vorstellung vom Leben in freier Wildbahn. Natürlich darf hier der Wildtierarzt nicht fehlen, der sein Leben dem Schutz bedrohter Tiere widmet. Dabei tauscht er inzwischen auch oft das Khakihemd gegen einen weißen Laborkittel.

Bernhard Grzimek

Der legendäre Tiermediziner Bernhard Grzimek brachte ab den 1950er-Jahren mit seinen Film- und Fernsehproduktionen exotische Wildtiere in deutsche Wohnzimmer. Auf seinen Reisen durch Afrika erwarb er nicht nur Tiere für den Frankfurter Zoo, dessen Direktor er viele Jahre lang war - er beobachtete auch das Verhalten der Tiere in freier Wildbahn und setzte sich für ihre artgerechte Haltung in menschlicher Obhut ein.

Schwarzweißaufnahme auf der Prof. Bernhard Grzimek mit einem jungen Zebra in der afrikanischen Savanne steht.

Tierarzt, Zoodirektor und Tierfilmer: Prof. Bernhard Grzimek

In zahlreichen Büchern und Filmen prangerte er die Zerstörung ihrer natürlichen Lebensräume an. Seine Dokumentation "Kein Platz für wilde Tiere" wurde 1956 bei den Berliner Filmfestspielen gleich zweimal ausgezeichnet - mit dem Goldenen Bären für den besten Dokumentarfilm und mit dem Publikumspreis. Für "Serengeti darf nicht sterben", wo der er sich für den Erhalt des Nationalparks in Tansania einsetzte, erhielt er 1960 sogar den Oscar. Grzimek schaffte es nicht zuletzt mit der ARD-Serie "Ein Platz für Tiere", die von 1956 bis 1987 ausgestrahlt wurde, Millionen von Spendengeldern zu sammeln, die der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt für ihre Arbeit im internationalen Tier- und Naturschutz zugutekamen.

Pioniere und Publikumsmagneten

Der Tierfilmer Heinz Sielmann mit einer Filmkamera neben sich.

Nahm sein Publikum mit auf "Expeditionen ins Tierreich" - Heinz Sielmann

Zu den Pionieren des Tierschutzes zählen neben Bernhard Grzimek auch die Zoologen und Tierfilmer Eugen Schuhmacher und Heinz Sielmann. Schuhmacher machte sich 1959 auf eine siebenjährige Reise, die ihn durch über 60 Länder führte. Seine Beobachtungen der am stärksten gefährdeten Tiere der Welt hielt er im Dokumentarfilm "Die letzten Paradiese" fest, der 1967 zu einem internationalen Kinoerfolg werden sollte. Zwischen 1964 und 1972 stellte er in seiner ARD-Filmreihe "Auf den Spuren seltener Tiere" die Flora und Fauna in den entlegensten Winkeln der Erde vor. Sielmann erreichte ein Millionenpublikum mit seiner NDR-Serie "Expeditionen ins Tierreich", die die Zuschauer von 1965 bis 1991 auf die Galapagosinseln im Pazifik, in den Bergdschungel Neuguineas oder in die Wildnis Nordamerikas lockte.

Mrs Daktari und die Frau bei den Gorillas

Cheryl Miller als Paula Tracy mit der Schimpansin Judy in einer Szene der amerikanischen TV-Serie 'Daktari'.

"Daktari" zeigte das Leben als Wildtierarzt im Busch

Die Arbeit eines Wildtierarztes im afrikanischen Busch stand im Mittelpunkt der amerikanischen Unterhaltungsreihe "Daktari", die das ZDF ab 1969 in 89 Folgen ausstrahlte. Populär wurden vor allem auch der schielende Löwe Clarence und Schimpansendame Judy, die das Team um Doctor Tracy vervollständigten. Vorbild für die Kultserie, in der es stets um die Rettung verletzter Wildtiere ging, war die engagierte Veterinärmedizinerin Susanne Hart. 1964 ging sie mit ihrem Mann, dem Tierarzt Toni Harthoorn, nach Kenia und baute dort eine Veterinärstation für Wildtiere auf.

Die Primatenforscherin Dian Fossey sitzt mitten zwischen mehreren Berggorillas.

Dian Fossey wurde von den Gorillas als Mitglied der Gruppe akzeptiert

Eine andere Frau, die ihr Leben den Tieren in freier Natur widmete, ist die amerikanische Zoologin und Verhaltensforscherin Dian Fossey. In ihrer Autobiografie "Gorillas im Nebel" beschrieb sie, wie sie in den Bergen Ruandas ein Forschungszentrum gründete, von wo aus sie die scheuen Berggorillas in 3000 Meter Höhe beobachtete. Während ihrer Langzeitstudie kam sie den Tieren so nah, dass die Menschenaffen sie sogar als Mitglied der Gruppe akzeptierten. An Weihnachten 1985 wurde Dian Fossey in ihrer Forschungsstation ermordet - vermutlich hat sie ihr Kampf gegen Wilderer und gegen die touristische Ausbeutung der Primaten das Leben gekostet.

Zoos im Wandel: Von der Tierschau zur Erhaltungszucht

Ein Tierarzt untersucht einen jungen Berberlöwen, der betäubt auf einem Tisch liegt. Neben ihm steht eine Kollegin.

Probleme bei den Zootieren werden vom Tierarzt genau untersucht

Durch die Arbeit von Zoologen und Verhaltensforschern hat sich in den zoologischen Gärten ein grundlegender Wandel vollzogen. Während früher die Zurschaustellung exotischer Tiere im Vordergrund stand, geht es heute vor allem um eine möglichst artgerechte Haltung der Tiere in menschlicher Obhut. Zoos verstehen sich inzwischen als wissenschaftliche Einrichtung, ohne deren Arbeit manche Tierart schon ausgestorben wäre. Dabei berücksichtigt die kontrollierte Erhaltung bedrohter Arten auch die Tatsache, dass zu viel Nachwuchs die Tiere unter Stress setzt und zu Verhaltensstörungen führen kann - auch wenn die niedlichen Tierbabys nach wie vor die größten Publikumsmagneten darstellen.

Wildtierärzte heute - Reproduktionsmedizin als Chance

Porträt von Thomas Hildebrandt zu Gast bei Planet Wissen.

Thomas Hildebrandt ist Spezialist für Reproduktionsmedizin

Bedrohte Tierarten können oft nur noch durch eng aufeinander abgestimmte Maßnahmen in zoologischen Gärten und in freier Wildbahn vor dem Aussterben bewahrt werden. Davon ist Tiermediziner Prof. Dr. Thomas Hildebrandt überzeugt, Leiter einer Forschungsgruppe, die sich mit der Reproduktionsmedizin beschäftigt. Im Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung nutzt er aktuelle medizinische Diagnosetechniken wie Computertomografie und Ultraschall, um beispielsweise durch den dicken Panzer einer Riesenschildkröte hindurchzuschauen. Neben Magnetresonanz- und Ultraschalldiagnostik sind inzwischen auch andere medizinische Verfahren, etwa künstliche Befruchtung im Reagenzglas, für das Überleben mancher bedrohten Spezies von entscheidender Bedeutung. Da Säugetiere in Gefangenschaft häufig nicht paarungswillig sind, haben Thomas Hildebrandt und sein Team schon Elefanten, Nashörner und andere Tiere bei der Familienplanung unterstützt. In Tanks mit flüssigem Sauerstoff bewahren die Berliner Wissenschaftler bei annähernd minus 200 Grad Celsius Keimzellen auf, die sie von Tieren in Zoos und in freier Wildbahn gewonnen haben. Diese Eizellen und Spermien sind unvorstellbare 3000 Jahre lang haltbar und sollen weltweit zur Rettung bedrohter Arten eingesetzt werden.

Autor/in: Claudia Weber

Stand: 15.01.2015, 12:00

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