Tierzucht im Zoo

Tier und Mensch

Tierzucht im Zoo

Lange handelten Zoos nach dem Motto: je mehr niedliche Tierbabys, desto mehr Besucher. Dafür wurde auch in Kauf genommen, dass die Tiere unter dem ständigen Nachwuchs litten. Sie wurden zusammengepfercht, hatten unnatürlich viel Konkurrenz und entwickelten oft Verhaltensstörungen. Heute wird gezüchtet, um Arten zu erhalten. Ist genug Platz da und entsteht kein Stress für die Tiere, wird die Fortpflanzung auch bei nicht gefährdeten Arten zugelassen. Denn natürlich locken Tierbabys Besucher an, auf die Zoos auch heute noch angewiesen sind.

Exotische Tiere als Zeichen für Luxus

Papst Leo X. bekam vom portugiesischen König 1514 einen Elefanten geschenkt. Kaiser Franz I. ruhte am liebsten mit einem Löwen am Fußende seines Bettes. Und der Königin von Frankreich brachten Gesandte aus Marokko 1682 eine zahme Tigerdame als Beweis ihrer Wertschätzung mit. Drei Beispiele dafür, dass exotische Tiere zur Zeit der Kaiser, Könige und Fürsten in Europa gerne als Symbole für Macht und Luxus gehalten wurden. Wer es sich leisten konnte, umgab sich mit wilden Kreaturen aus fernen Ländern.

Es galt: Je außergewöhnlicher die Tiere, desto größter das Ansehen. Dementsprechend hartnäckig waren die Adligen, wenn es darum ging, seltene Exemplare bei Tierhändlern aufzustöbern und zu erwerben. So beschreibt ein Bediensteter eines französischen Prinzen 1682 seine Suche nach exotischen Vögeln: "Der Vogelhändler hatte mir mitteilen lassen, er habe einen außergewöhnlichen Vogel, der vor kurzem aus Indien eingetroffen sei, weshalb ich mich zu ihm begab. Ich fand den Vogel in der Tat selten, sowohl was seine Gestalt als auch sein Gefieder betrifft. Er ist etwas größer als eine Lerche, ganz feuerfarben, mit einer Haube auf dem Kopf; er hat einen großen rötlichen Schnabel, ist kräftig gebaut, sehr munter, sehr lebhaft und ein guter Esser."

Kritik an gesteuerter Fortpflanzung

Das Bild zeigt ein Flusspferd im Wasser, das das Maul weit geöffnet hat. Es bekommt von seiner Tierpflegerin eine große ovale Tablette.

Genug Nachwuchs: Rosl bekommt die Pille

Der erste Zoo der Welt wurde im Jahr 1752 von Franz Stephan I. in Wien gegründet. Er war anfangs jedoch mehr ein höfisches Tiergehege und hatte mit den heutigen Zoos kaum etwas gemein. Anders die "Ménagerie du Jardin des Plantes", die 1794 in Paris gegründet wurde: Sie gilt als erster wissenschaftlich geführter Zoo.

Die Aufklärung sorgte dafür, dass sich Zoos langfristig von Orten der Betrachtung zu Stätten der Wissenschaft wandelten. Gelehrte forderten, die Leitung von Zoos und Tiergehegen in die Hände von fähigen Naturwissenschaftlern zu legen und beispielsweise Artenkreuzungen vorzunehmen. Damit war der Grundstein für die Zucht von Tieren in Zoos gelegt. Allerdings waren die Lebensbedingungen der Zootiere im 18., 19. und bis weit ins 20. Jahrhundert oft so schlecht, dass Verhaltensstörungen auftraten und viele Tiere nicht lange im Zoo überlebten.

Diesen und anderen Vorwürfen sehen sich Zoos manchmal auch heute noch gegenüber. Besonders die von außen gesteuerte Fortpflanzung wird kritisiert. Der Vorwurf: Bestimmte Tiere sollen sich fortpflanzen, und die Zoodirektoren, Tierärzte und Pfleger unternehmen alles dafür, dass es klappt. Andere Tierarten dagegen werden durch Sterilisation, Verhütung oder schlicht durch Platzmangel davon abgehalten, sich zu paaren – das sei unnatürlich und deshalb schlecht für die Tiere.

"Was ist denn in der Natur noch normal?", erwidert darauf Jörg Adler, der Direktor des Allwetterzoos Münster. "Die Menschen sorgen mit ihrem Verhalten dafür, dass Tiere in der freien Natur vom Aussterben bedroht sind. Für diese Arten geht es ums nackte Überleben. Da kann man sich bei der Zucht im Zoo nicht immer danach richten, was für ein Tier natürlich ist."

"Der Zoo als wissenschaftliche Einrichtung zur Erhaltung von Arten"

Das Bild zeigt ein Trampeltier-Baby, das von einem Tierpfleger mit der Flasche gefüttert wird.

Umstrittene Handaufzucht

Der Münsteraner Direktor kennt die Welt des Zoos seit über 40 Jahren und hat erlebt, wie sich die Haltung gegenüber der Zucht geändert hat: "Früher haben wir im Zoo gezüchtet, was das Zeug hält – am liebsten die Tiere, bei denen die Babys besonders niedlich aussehen und die bei den Besuchern gut ankommen."

Innerhalb der letzten 20 bis 30 Jahre hat ein Sinneswandel stattgefunden. "Heute züchten wir dort, wo Tierbestände gesichert sind, nur noch so viel, wie genetisch sinnvoll ist", erklärt Adler. Der Zoo als wissenschaftliche Einrichtung zur Erhaltung von Arten – allein durch diese Funktion sei ein Zoo legitimiert, so Adler.

Koordiniert und gesteuert wird die europaweite Zucht von der EAZA, der europäischen Zoovereinigung. Jede gefährdete Tierart hat ihr eigenes Programm. Ein Koordinator, der in einem EAZA-Mitgliedszoo arbeitet und sich besonders gut mit einer Tierart auskennt, wacht über deren Zucht: Er sammelt Daten über die Tiere in den verschiedenen Zoos der EAZA und pflegt sie in ein Computerprogramm ein. Anschließend ermittelt er damit, welche Männchen und Weibchen gut miteinander Junge haben können. Dabei muss der Koordinator darauf achten, dass die Tiere verwandtschaftlich möglichst weit voneinander entfernt sind. Denn: Je enger verwandt, desto größer die Gefahr eines genetischen Defekts bei den Jungen.

Zucht im Zoo – "mehr Vorteile als Nachteile"

Das Bild zeigt eine Elefantenherde im Freigehege eines Zoos. Es sind zwei erwachsene Tiere und ein Jungtier zu sehen.

Bei Elefanten muss die Zucht noch verbessert werden

Schwierig wird es für die Zoos, wenn so viele Jungtiere geboren werden, dass nicht ausreichend Platz da ist, oder wenn die Mutter das Junge nicht annimmt. Wohin mit diesen Tieren? Aus Rücksicht auf die Besucher hat sich der Zoodirektor des Allwetterzoos Münster dafür entschieden, Paarungen bei bestimmten Tierarten zu unterbinden, um nicht dazu gezwungen zu sein, anschließend Jungtiere töten zu müssen. Da stünden die Emotionen der Öffentlichkeit im Weg.

"Ich finde das scheinheilig: Es werden jeden Tag tausende von Tieren für den menschlichen Nutzen umgebracht. Das finden die Leute normal. Aber wenn wir uns aus sinnvollen Gründen dazu entscheiden, Tiere sich paaren zu lassen und dann ein oder zwei Junge überzählig sind und wir sie einschläfern müssen, ist das Geschrei riesig", ärgert sich Adler. Bestimmte Tierarten wären längst ausgestorben, wenn nicht Zoos eingegriffen und gezüchtet hätten. Deshalb ist Adler davon überzeugt, dass die Vorteile der Zucht im Zoo die Nachteile und Risiken bei weitem überwiegen.

Bei bestimmten Tierarten müssen die Zuchterfolge langfristig verbessert werden, damit diese nicht doch aussterben – beispielsweise bei Elefanten sowie bestimmten Fisch- und Reptilienarten. Selbst eine noch so gute, artgerechte Haltung im Zoo ist eben nicht mit den natürlichen Bedingungen vergleichbar.

Adler ist dankbar für die konstruktive Kritik, die in den 1970er und 1980er Jahren von Tierschutzverbänden, internationalen Vereinen und Einzelpersonen geübt wurde. "Viele Sachen waren und sind absolut berechtigt. Die Tierhaltung war in vielen Zoos nicht akzeptabel, und es gibt auch heute noch schwarze Schafe." Er ärgert sich nur über unsachliche Vorwürfe, die inzwischen allerdings nicht mehr häufig vorkommen.

Moderne, verantwortungsbewusste Zoos: Artenerhaltung als erste Priorität

Das Bild zeigt einen Wolf mit zwei Jungen.

Auch einige Wolf-Unterarten sind inzwischen gefährdet

Während sich an der Faszination, die exotische und wilde Tiere auf den Menschen ausüben, seit der Zeit von Kaiser Franz I. nichts geändert hat, hat sich die Einrichtung Zoo stark gewandelt – vom Ort der Beobachtung zum Artenschutzzentrum. Die meisten deutschen Zoos haben heute nichts mehr mit dem oft und berechtigt angeprangerten reinen Zur-Schau-Stellen von Tieren zu tun, sondern sind wissenschaftlich geführte Einrichtungen, die mit kontrollierter Zucht dafür sorgen, dass Tierarten erhalten bleiben.

Autorin: Alexandra Stober

Stand: 22.07.2016, 12:00

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