Landschaft mit Hindernissen – Interview mit Martin Klatt

Portrait von Martin Klatt

Artensterben

Landschaft mit Hindernissen – Interview mit Martin Klatt

Der Biologe Martin Klatt ist Referent für den Arten- und Biotopschutz beim NABU Baden-Württemberg. Wichtigstes Thema für ihn ist der Biotopverbund, das "grüne Wegenetz". Denn durch die Zerschneidung der Landschaft werden die Bestände von Tieren und Pflanzen immer weiter isoliert. Mit "Natur nah dran", dem Naturschutzprojekt des NABU und des Landes Baden-Württemberg, soll der Natur in Gemeinden auf die Sprünge geholfen helfen.  

Planet Wissen: Herr Klatt, Sie sind leiten dieses NABU-Projekt "Natur nah dran".  Was steckt hinter dem Titel?

Martin Klatt: Hinter Natur nah dran, steckt die Idee, mehr bunte Blumen, Schmetterlinge, Bienen und andere Insekten in die Gemeinden zu bringen. Wir wollen die biologische Vielfalt fördern. Konkret geht es dabei um eine naturnahe Gestaltung von Grünflächen. Dazu wollen wir die Kommunen ermuntern und dabei wollen wir sie unterstützen.

Wie können sich die Kommunen an "Natur nah dran" beteiligen?

Die Kommunen bewerben sich für das Projekt, das ist der erste Schritt. Dann werden zehn Gemeinden von einer Jury ausgewählt. Sie erhalten jeweils 15.000 Euro für die Gestaltung von Grünflächen – von ökologisch sinnvollen Grünflächen. Wir stehen den Kommunen dabei mit Rat und Tat zur Seite. Das Projekt ist auf fünf Jahre angelegt, mit anderen Worten: Jedes Jahr werden aufs Neue zehn Kommunen für die Förderung ausgewählt, insgesamt also 50 Gemeinden – egal ob groß oder klein.

Warum ist dieses  Projekt so wichtig?

Es werden immer mehr Flächen versiegelt, die Natur hat in vielen Bereichen kaum noch eine Chance. Hinzu kommt, dass die bestehenden Grünflächen in den Gemeinden oft keinen Nutzen für die Natur darstellen. Zum Beispiel die beliebten Zierblumenbeete oder der klassische englische Rasen – dort finden Insekten keine Nahrung. Und wenn die Insekten keine Nahrung finden, sinkt die Anzahl der Insekten; und wenn es weniger Insekten gibt, sinkt auf Dauer die Anzahl der Vögel, weil die von den Insekten leben, und so weiter.

Unser Ziel muss es daher sein, möglichst viele naturnahe Flächen zu schaffen, zum Beispiel mit Wildblumenwiesen. Am allerbesten wäre es, wenn es gelänge, ein Netz zu schaffen, einen Verbund, sodass zum Beispiel verschiedene Insektenarten die Möglichkeit haben, von Wildblumenwiese zu Wildblumenwiese zu gelangen. Das wäre, wenn man so will, die Utopie, die unserer Idee von Natur nah dran zugrunde liegt: Wir schaffen perspektivisch so viele Wildblumenwiesen, dass ein weitverzweigtes Netz entsteht. 

Nun könnte man auch argumentieren: Grünflächen in Gemeinden anlegen, das kann doch eigentlich jeder. Wozu brauchen wir dieses Projekt?

Es sind ja nicht irgendwelche Grünflächen, die hier entstehen sollen. Es sind, wie bereits angesprochen, Wildblumenflächen und das ist etwas ganz anderes. Und eine richtige Wildblumenwiese anzulegen, das ist gar nicht so einfach, wie man im ersten Moment denkt. Auch auf so einer Fläche gibt es zum Beispiel Unkraut, das man entfernen sollte, damit es nicht die gesamte Fläche zuwuchert.

Aber was ist Unkraut auf einer Wildblumenwiese und was nicht? Was sollte stehen bleiben und was muss entfernt werden? – Das alles muss gelernt sein, das muss man erst einmal wissen.

Wie setzen Sie vor Ort das Naturschutzprojekt in die Tat um?

Wir müssen die ausgewählten Gemeinden schulen, wir müssen ihnen zeigen, was alles auf so eine Wiese gehört und was nicht. Das heißt, wir – der NABU und das Land Baden-Württemberg – geben den Kommunen nicht nur die 15.000 Euro in die Hand, sondern zeigen ihnen auch auf bis zu fünf Flächen in der Gemeinde, wie sie die Sache richtig anpacken.

Das ist Arbeit für alle Beteiligten, aber eine Arbeit, die sich im Sinn der biologischen Vielfalt lohnt. Uns geht es insgesamt bei dem Projekt darum, dass wir die Menschen vor Ort langfristig begeistern und das ist wichtig: Ohne Begeisterung für die Natur geht´s nicht!

Das Wichtigste an so einem Projekt wie "Natur nah dran" ist Nachhaltigkeit. Wie können Sie denn sicherstellen, dass nach der Förderung die Fläche nicht wieder plattgemacht wird?

Klar, ganz verhindern können wir nicht, dass die Wiesen später wieder in steriles Einheitsgrün umgewandelt werden. Zumal viele eine Wildblumenwiese als ästhetisch störend empfinden, weil sie eben nicht so ordentlich aussieht wie die Grünflächen, deren Anblick die Bürger über Jahrzehnte gewohnt waren.

Wir setzen darauf, dass wir möglichst viele Menschen vor Ort wirklich mitnehmen können auf dem Weg hin zu einer naturnahen Umgestaltung der Grünflächen. Gleichzeitig setzen wir darauf, dass sich die Bewerbergemeinde am besten per Gemeinderatsbeschluss zum Bündnis "Kommunen für biologische Vielfalt" bekennt. Das ist ein Zusammenschluss von Gemeinden, der sich für den Naturschutz stark macht.

So, wie Sie das beschreiben, kostet das sicher auch viel Geld, oder?

Na ja, was heißt viel Geld. Klar, eine Wildblumenwiese muss auch gepflegt werden, damit sie nicht zuwuchert, aber mal ganz ehrlich: Wenn Sie jedes Jahr neue Zierpflanzen setzen oder Ihre Grünflächen in der Gemeinde bei jeder Gelegenheit akkurat stutzen, dann ist das auch nicht billig. Im Gegenteil: Bei der Wildblumenwiese kommen Sie da in der Regel besser weg.

Was ist das langfristige Ziel des Projektes?

Natürlich erhoffen wir uns von dem Projekt auch eine gewisse Strahlkraft über die geförderten Gemeinden hinaus. Wie gesagt, das Ziel wäre es, ein Netz zu schaffen, einen Verbund, um so die biologische Vielfalt zu fördern. Und: Wir müssen den Menschen nahebringen, wie wichtig diese Flächen sind, wichtig für den Erhalt unserer Natur.

Wir müssen der Natur eine Chance geben, und zwar nicht nur um der Natur Willen, sondern auch um des Menschen Willen. Man kann sich ja leicht ausmalen, was es langfristig auch für uns Menschen bedeutet, wenn zum Beispiel die Bienen keine Blüten mehr zum Bestäuben finden.

Übrigens gibt es bereits in etlichen Gemeinden ein Netzwerk naturnaher, bunt blühender Flächen. So zum Beispiel in Bad Saulgau, Donzdorf oder Karlsruhe  in Baden-Württemberg oder in der Gemeinde Haar in Bayern.

Interview: Christian Jakob

Stand: 24.06.2016, 11:00

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