Der persönliche Wasserfußabdruck

Wassernot

Der persönliche Wasserfußabdruck

Etwa 130 Liter Wasser verbraucht jeder Bundesbürger pro Tag – zum Händewaschen, Duschen, Essen kochen oder für die Waschmaschine. Damit haben die Deutschen im Vergleich zu anderen Industrieländern einen geradezu vorbildlich niedrigen Wasserverbrauch. Doch es gibt noch einen anderen Wasserverbrauch, der im Verborgenen liegt: der virtuelle. Und da sind wir in Deutschland gar nicht mehr so vorbildlich.

Jedes Produkt verbraucht Wasser

Mehrere Rinder nebeneinander.

Fleischkonsum erhöht den Wasserverbrauch

Der direkte tägliche Wasserverbrauch ist relativ einfach auszurechnen. Doch um den gesamten Wasserkonsum zu ermitteln, ist es damit nicht getan. Das Konzept des virtuellen Wassers beruht auf der Idee, dass jedes Produkt – egal ob landwirtschaftlich oder industriell – für seine Herstellung eine bestimmte Menge Wasser benötigt. So wird bei der Herstellung eines Brotes der Wasserverbrauch mit eingerechnet, den das Getreide für sein Wachstum benötigt.

Mehr als 70 Prozent des Wassers wird weltweit für die Herstellung von Nahrungsmitteln verbraucht. Der Rest verteilt sich auf industrielle Güter und den persönlichen Wasserbedarf. Der virtuelle Wasserkonsum in den Industrieländern ist deutlich höher als in den Ländern der Dritten Welt. Das liegt vor allem daran, dass die Industrieländer viele Nahrungsmittel aus ärmeren Ländern importieren, in denen die Landwirtschaft meist sehr bewässerungsintensiv ist.

Im Großen und Ganzen verbrauchen tierische Produkte deutlich mehr Wasser als pflanzliche Nahrungsmittel. Da wir in Deutschland viel Fleisch und Milcherzeugnisse zu uns nehmen, ist der virtuelle Wasserverbrauch dementsprechend hoch. Der niederländische Professor für Wassermanagement, Arjen Hoekstra, hat 2002 den Begriff des Wasserfußabdrucks geprägt und ihn für einzelne Länder ausgerechnet. Demnach verbraucht ein Deutscher jeden Tag durchschnittlich 5300 Liter virtuelles Wasser. Ob das bei mir genau so ist?

Rind ist schlimmer als Schwein

Aufgeschlagenes Frühstücksei.

Jedes Frühstücksei enthält 200 Liter virtuelles Wasser

Bei mir beginnt der Tag – wie bei den meisten – mit dem Frühstück. Da ich morgens nicht viel esse, beschränkt sich das auf einen großen Milchkaffee und ein Ei. Eine Tasse Kaffee benötigt in der Herstellung 140 Liter Wasser, ein Liter Milch 1000 Liter Wasser und ein Ei 200 Liter Wasser. So komme ich trotz meines eher spärlichen Frühstücks auf einen virtuellen Wasserverbrauch von etwa 540 Litern, wenn ich 0,2 Liter Milch für den Kaffee veranschlage.

Auf dem Weg zur Arbeit gönne ich mir einen Apfel (70 Liter) und eine Banane (200 Liter). Bis zum Mittagessen schlagen zwei weitere Tassen Kaffee zu Buche – diesmal schwarz (280 Liter). Da ich nicht so ausgiebig gefrühstückt habe, habe ich mittags um so mehr Hunger. In der Kantine nehme ich ein Schweineschnitzel mit Bratkartoffeln und eine Salat mit Tomaten. Ein etwa 250 Gramm großes Schweineschnitzel verbraucht 1200 Liter Wasser, 250 Gramm Kartoffeln etwa 225 Liter Wasser. Der Salat mit Tomate liegt bei etwa 65 Liter Wasser.

Wem 1200 Liter für ein Stück Schweinefleisch hoch vorkommen, sollte Rindfleisch gar nicht mehr anrühren. Ein vergleichbares Stück davon verbraucht mehr als das Dreifache. Zum Essen trinke ich noch eine kleine Flasche Apfelsaft (300 Liter). Würde ich eine Cola nehmen, läge der virtuelle Verbrauch bei nur drei Litern. Nach dem Mittagessen liegt mein virtueller Wasserverbrauch schon bei etwa 2880 Litern.

Schokolade benötigt extrem viel Wasser

Schokoriegel, Schokoladentafeln und Gummibärchen nebeneinander.

Schokoriegel sind nicht nur für die Figur eine Sünde

Bis zum Abendessen überbrücke ich meinen Hunger mit einem Schokoriegel. Neben Rindfleisch ist die Herstellung von Kakaoerzeugnissen der höchste Wasserverschwender. Ein kleiner Schokoriegel schlägt mit 2000 Litern zu Buche, für ein Kilo Kakaobohnen werden ganze 27.000 Liter Wasser benötigt. Zum Abendessen gibt es dann zwei Käsebrote (180 Liter) und ein Glas Rotwein (120 Liter).

Die Angaben für Rotwein basieren auf dem durchschnittlichen weltweiten Verbrauch. Hier kann man als Konsument allerdings den Wasserverbrauch bewusst steuern. Weine aus Deutschland, Österreich oder Frankreich verbrauchen nicht so viel Wasser, da die Rebstöcke in diesen Regionen nicht künstlich bewässert werden.

Weine aus Australien, Kalifornien oder Südafrika verbrauchen hingegen deutlich mehr Wasser, da es in diesen Anbaugebieten nicht ausreichend regnet. Ganz abgesehen davon, dass der Transport des Weins über diese Strecken ebenfalls ökologisch bedenklich ist.

Als Abschluss meines Tages gönne ich mir vor dem Fernseher noch eine Halbe Tüte Chips (90 Liter). Allein für Essen und Getränke habe ich an diesem Tag etwa 5270 Liter Wasser verbraucht. Ich bin auf den ersten Blick also ein ganz durchschnittlicher deutscher Wasserverbraucher.

Kleider, Autos und Papier – der Verbrauch steigt

Neben den Nahrungsmitteln werden in den persönlichen Wasserfußabdruck jedoch noch viel mehr Güter eingerechnet, die wir täglich oder regelmäßig benutzen. Wie selbstverständlich fahren wir mit dem Auto, arbeiten mit dem Computer oder schreiben auf Papier. Ganz zu schweigen von der Kleidung, die wir fast täglich wechseln. All diese Dinge verbrauchen eine enorme Menge Wasser bei ihrer Herstellung.

Baumwollpflanzen vor blauem Himmel.

Der Anbau von Baumwolle ist sehr bewässerungsintensiv

Ein einfaches T-Shirt aus Baumwolle zum Beispiel verbraucht durchschnittlich 2700 Liter virtuelles Wasser. Je nachdem wo die Baumwolle herkommt und wo das T-Shirt verarbeitet wird, kann der Verbrauch auf bis zu 15.000 Liter ansteigen. Eine Jeans verbraucht durchschnittlich 6000 Liter Wasser.

Wer einen Neuwagen besitzt, hat für die Anschaffung bis zu 400.000 Liter virtuelles Wasser verbraucht. Ein Computer schlägt mit etwa 20.000 Litern zu Buche, ein Handy mit 1300 Litern. Der Bestseller aus dem Buchladen hat circa 1600 Liter Wasser verbraucht, jedes DIN-A4 Blatt Papier, das wir bedruckt oder beschrieben haben, zehn Liter.

Wenn ich all das noch auf meinen täglichen Verbrauch umrechne, komme ich zum meinem Erschrecken auf einen deutlich höheren Wasserverbrauch, als für den durchschnittlichen Bundesbürger veranschlagt wird. Doch was kann der Einzelne tun, um virtuelles Wasser zu sparen?

Erdbeeren nur im Sommer

Körbe voll mit Erdbeeren auf einem Erdbeerfeld.

Erdbeeren sollten nur im Sommer konsumiert werden

Beim Einkauf von Lebensmitteln kann man ein paar grundlegende Dinge beachten. Gemüse und Obst sollte man vorwiegend saisonabhängig kaufen. Wer zum Beispiel Erdbeeren im Winter essen möchte, kann sie nur aus bewässerungsintensivem Anbau in Südeuropa beziehen. Im Sommer hingegen wachsen Erdbeeren ganz natürlich bei uns auf den Feldern – ohne künstliche Bewässerung.

Wer auf seine Kaffee nicht verzichten möchte, sollte lieber Hochland-Kaffee trinken. In diesen Regionen fällt mehr Niederschlag als in tiefer gelegenen Anbaugebieten. Fair gehandelter Kaffee gibt zum Beispiel seine Anbaugebiete auf den Packungen an. Rindfleisch sollte eher aus heimischen Gefilden kommen als aus Südamerika. Das gleiche gilt für Wein.

Ab und an auf Fleisch zu verzichten, reduziert den Verbrauch gewaltig, denn vegetarische Kost benötigt deutlich weniger Wasser. Und den ein oder anderen Schokoriegel weniger wird einem nicht nur die Figur danken.

Wiederverwertung im Kleinen

Regale in einer Bücherei.

Der Gang zur Bücherei schont auch die Wasservorräte

Bei der Kleidung wird es schon ein bisschen schwieriger, den Wasserverbrauch zu senken. Dennoch kann man auch hier darauf achten, wo das Kleidungsstück hergestellt wurde. In Ländern der Dritten Welt wird beispielsweise deutlich mehr Wasser bei der Herstellung verbraucht als in Deutschland. Mittlerweile gibt es bei uns genügend qualitativ gute Secondhand-Läden, in denen man auch fündig werden kann.

Bücher, die keine Neuerscheinungen sind, kann man auch aus zweiter Hand kaufen oder in Büchereien ausleihen. Und beim Druckerpapier sollte man abwägen, ob es nicht zweiseitig bedruckt werden oder als Schmierpapier wiederverwertet werden kann. Wenn man nur ein paar dieser Tipps beherzigt, wird jeder seinen persönlichen virtuellen Wasserverbrauch deutlich senken können.

Autor: Tobias Aufmkolk

Stand: 16.08.2016, 11:00

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