Die Sprache der Affen

Menschenaffen

Die Sprache der Affen

"Manchmal bin ich mir unsicher, wer hier wen erforscht: ich die Affen oder die Affen mich…", sagt Julia Fischer. Die Biologin untersucht am deutschen Primatenzentrum in Göttingen die Kommunikation und das Sozialleben von Affen und geht regelmäßig in die Wildnis, um ihre Forschungsobjekte in ihrem eigenen Lebensraum zu beobachten. Dabei fasziniert sie weniger der Mensch im Affen, als der Affe, der in uns allen steckt.

Planet Wissen: Frau Fischer, wie sind Sie auf die Affen gekommen?

Julia Fischer beobachtet einen Berberaffen.

Julia Fischer bei der Arbeit

Julia Fischer: Das war kein fester Plan. Ich habe mich immer sehr für Sprachen und Gesellschaftswissenschaften interessiert, aber auch für Naturwissenschaften. Und bei den Affen kann ich das alles unter einen Hut bringen.

Haben Affen denn eine eigene Sprache?

Sie haben ein ausgeprägtes Kommunikationssystem mit Begrüßungs- und Abschreckungs-, Warn- und Werbelauten. Die klingen je nach Spezies, aber auch nach Region ganz anders: Affen haben richtige Dialekte. Die Laute sind sehr differenziert. Bei einer Gefahr unterscheidet sich der Warnruf, je nachdem, ob der Angreifer am Boden, in der Luft oder im Wasser lauert. Aber sie haben keine Sprache in unserem Sinne. Sie können keine Gedichte verfassen oder Reden halten. Sie kommunizieren anders, eher emotional mit Gesten, Berührungen.

Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor?

Affenmutter und Kind schauen sich tief in die Augen.

Zwiegespräch ohne Worte: Affenmutter und Kind

Ich bin ja viel wirklich vor Ort unterwegs, im Busch, da wo die Affen leben. Ich beobachte und sammle Töne von Affen, um sie quasi zu katalogisieren: In welcher Situation artikuliert sich ein Affe auf welche Weise? Dann können wir mit dem Material experimentieren. Wir spielen es in vorbereiteten Situationen den anderen Mitgliedern der Horde vor und gucken, wie sie sich verhalten: Wer reagiert auf einen Hilferuf? Was macht die Horde bei Tönen fremder Tiere?

Im Institut arbeiten wir dann auch mit Versuchstieren. Sie haben gelernt, über einen Touchscreen mit uns zu kommunizieren. Wir zeigen zum Beispiel einem Affen jeweils ein Bild von einem Mann und einer Frau, und er muss entscheiden, wer die Frau ist. Das ist für Affen überhaupt kein Problem. Sie erkennen, was wir auch erkennen - auch wenn sie nicht darüber reden.

Es hat ja immer wieder Versuche gegeben, mit Affen zu kommunizieren.

Affe begutachtet das Gesicht eines Artgenossen auf einem Foto.

Fischer studiert die Reaktionen der Affen

Ja, es gab Forscher, die Affenbabys in ihrer Familie großgezogen haben. Die Kelloggs in den 1930er Jahren haben Gua, eine Schimpansin, parallel mit ihrem Sohn großgezogen und gesehen, dass Gua sich in vielen Punkten schneller entwickelte. Die Gardners haben der Schimpansin Washoe Gebärdensprache beigebracht. Sie hat das ganz erstaunlich gut angenommen, auch eigene Begriffe gebildet. Den Kühlschrank hat sie zum Beispiel "Offen-essen-trinken" genannt.

Aber diese Affen haben nicht unter ihresgleichen gelebt. Sie haben Kleidchen getragen und in Kinderstühlchen gesessen. Diese Affen waren sehr auf den Menschen fixiert. Sie lernen auch viel, aber sie fangen nicht an zu sprechen. Und solche Affen, die Symbolsprache oder Touchscreens benutzen, tun das hauptsächlich, wenn sie etwas zu essen oder zu trinken haben wollen oder gekrault werden möchten.

Haben Sie das Gefühl, wenn Sie längere Zeit eine Affengruppe beobachten, dass eine Beziehung zwischen Ihnen und den Affen entsteht?

Affe beobachtet von einem Baum aus die Umgebung.

Ein direkter Nachbar im Forschungscamp

Natürlich, aber ich glaube, es ist eine Einbahnstraße. Es ist ein bisschen wie bei Menschen, die immer eine Fernsehserie gucken - Greys Anatomy oder Verbotene Liebe: Der Zuschauer macht sich Gedanken um die Zukunft und die Handlungsgründe, aber die Figuren der Serie scheren sich nicht um den Zuschauer und seine persönlichen Motive und Erwartungen. So geht es mir mit den Affen. Obwohl: Als ich nach einigen Jahren in das Forschungscamp in Botswana zurückkam, hatte ich das Gefühl, dass die Affen mich wiedererkannt haben. Aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet.

Wie ist das Leben in der Wildnis mit den Affen so?

Ich hatte es eigentlich immer ziemlich gut, aber es ist schon nicht ganz ungefährlich: Löwen beim Abendessen oder Schlangen in der Küche, damit muss man schon mal rechnen. Man muss vielseitig sein: Wenn der Generator streikt oder die Elefanten die Wasserleitung zertrampelt haben, kann man keinen Handwerker anrufen, sondern muss das selbst in Ordnung bringen. Man wird sehr vielseitig im Busch.

Aber es ist auch immer wieder traumhaft schön. Wenn am Nachmittag die Feldassistenten singen und wir nur noch zu zweit waren: Das ist schon eine ganz exquisite Einsamkeit, abgesehen natürlich von den vielen wilden Tieren. Für mich ist immer noch Baboon Camp in Botswana der schönste Ort auf dieser Welt. Da habe ich eineinhalb Jahre geforscht. Bei der Abreise habe ich bitterlich geweint.

Wie war nach so einer langen Zeit die Rückkehr nach Deutschland?

Das war schockierend - so viele Menschen. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich mich wieder in eine U-Bahn getraut habe. Der Asphalt hat mich fertig gemacht, alles ist hier so eng, so zugekleistert. Man riecht die Erde nicht, man sieht die Sterne nicht. Und man ist immer zugetaktet, verplant.

Das ist im Busch ganz anders. Die Affen geben den Ablauf vor, es gibt nichts anderes. Aber zugegeben: Ab und zu habe ich mir dort einen magischen Schrank wie in Narnia oder bei Erich Kästner gewünscht, durch den man durchgehen kann und in Berlin im Kino oder in einer Bar herauskommt.

Was ist das Wichtigste, das Sie von den Affen gelernt haben?

Kleiner Affe schmiegt sich an größeren Kollegen.

Nähe ist wichtig - nicht nur für Affen

Die Wichtigkeit von Nähe und Zuneigung. Berührungen, Umarmungen sind bei ihnen ein wichtiges Mittel, um Beziehungen zu regulieren. Bei uns ist das ja alles kulturell festgeschrieben, wer wen wann, wo und wie anfassen darf. Menschen sind da ja sehr restriktiv in der Frage: Wer darf wen wann anfassen? Ich denke, ganz viele unserer Gefühle und Reaktionen sind altes Primatenerbe und es wäre schön, wenn bestimmte wichtige Elemente nicht in Vergessenheit gerieten.

Was halten Sie von der Idee, den Menschenaffen auch Menschenrechte zuzugestehen?

Ich unterschreibe jede Petition, die verhindert, dass Affen verletzt, benutzt, gejagt werden. Aber ich finde es einen falschen Ansatz, sie wegen ihrer Menschenähnlichkeit schützen zu wollen. Wo zieht man da die Grenze, was schützenswert ist und was nicht? Affen sind ganz verwunderbare Tiere. Wir können viel von ihnen über uns lernen, sie sind toll - ganz unabhängig davon, wie menschenähnlich sie sind.

Interview: Barbara Garde

Stand: 14.11.2014, 12:00

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