Intelligente Menschenaffen

Menschenaffen

Intelligente Menschenaffen

"Du blöder Affe" - Schimpfworte, die oft benutzt werden, aber ganz und gar nicht der Realität entsprechen. Denn gerade Menschenaffen sind sehr intelligente Tiere. Wie schlau sie aber wirklich sind, darüber sind sich selbst die Affen-Forscher nicht einig. Allerdings steht fest: Bei einigen Tests schneiden Menschenaffen sogar besser ab als wir Menschen selbst.

Erst denken, dann handeln?

Nicht nur im Versuchslabor, sondern auch in freier Wildbahn beweisen Menschenaffen jeden Tag aufs Neue ihre Intelligenz. Sie gehören beispielsweise zu den wenigen Tierarten, die in der Lage sind, Werkzeuge zu benutzen. Erstaunlich ist dabei, dass Menschenaffen offensichtlich über Probleme nachdenken.

Schon oft wurde beobachtet, dass Schimpansen eine Nuss mit einem Stein knacken können. Zwar brauchen sie manchmal Jahre, um die Gleichung "Nuss plus Stein gleich Futter" zu verstehen, dennoch erfordert dieses Handeln das bewusste Verknüpfen zweier Gegenstände. Außer den Menschenaffen können nur einzelne Vogelarten, wie zum Beispiel Krähen, ähnliche Zusammenhänge begreifen.

Trotzdem sind sich Forscher nicht einig, inwieweit die Menschenaffen wirklich verstehen, was sie tun. So diskutieren Wissenschaftler aus aller Welt darüber, ob die Tiere in der Lage sind, erlernte Techniken - zum Beispiel das Benutzen von Werkzeugen - von ihren Artgenossen wissentlich zu übernehmen.

Unbestritten ist, dass Menschenaffen das Verhalten anderer nachahmen. Doch ob sie damit auch den kausalen Zusammenhang der Handlung verstehen, also beispielsweise das Ziel eine Nuss zu knacken, oder die Technik lediglich aus sozialen Gründen kopieren, ist noch nicht geklärt.

Die entscheidende Frage in diesem Zusammenhang lautet: Können Menschenaffen wirklich begreifen, gibt es also eine Einsicht? Oder beherrschen sie nur das sogenannte Assoziationslernen? Dabei verbindet das Tier eine bestimmte Aktion mit einem Ergebnis (oft einer Belohnung) und wiederholt die Handlung, um das gleiche Ergebnis zu erzielen. Manche Forscher glauben, dass die Menschenaffen dabei trotzdem nicht begreifen, warum das Ergebnis eintritt.

Meister der "Assoziation"

Ob nun mit oder ohne Verständnis - Menschenaffen sind Meister der Assoziation. Sie lernen Ursache und Wirkung so gut zu verbinden wie kaum ein anderes Tier - das zeigte eine Forschungsreihe am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig: Bei verschiedenen Tests traten Schimpansen und Orang-Utans gegen zweijährige Kinder an.

Eine Aufgabe: Menschliche und tierische Probanden sollten durch ein Gitter eine Belohnung "angeln" - mithilfe eines Werkzeuges und ohne Anleitung. Das erstaunliche Ergebnis lautete: 74 Prozent der Schimpansen und 38 Prozent der Orang-Utans lösten das Rätsel. Von den Kindern schafften es nur 23 Prozent.

Eine Gruppe Bonobos knackt Nüsse mit einem Stein

Ob abgeschaut oder nicht: Bonobos können Nüsse knacken

Das assoziative Denken geht bei den Menschenaffen sogar so weit, dass sie in die Zukunft planen können. Bei einem ähnlichen Test stellten die Leipziger Forscher den Menschenaffen ein Werkzeug zur Verfügung, um damit an eine Flasche Saft zu gelangen - zunächst keine große Herausforderung für die Tiere. Anschließend wurden die Menschenaffen in einen Raum geführt, in dem verschiedene Werkzeuge lagen, unter ihnen auch das bereits Bekannte. Diesmal gab es jedoch keinen Saft. Im nächsten Raum hingegen gab es nur den Saft. Beim nächsten Versuch hatten fast alle Tiere den Zusammenhang begriffen und nahmen das Werkzeug mit in den Raum, wo der Saft stand.

Ganz anders sehen jedoch die Ergebnisse von Tests aus, bei denen die Menschenaffen Gesten deuten mussten. Unter einem Hütchen versteckten die Wissenschaftler ein Objekt und deuteten anschließend mit dem Finger darauf. Nur etwa zwei Drittel der Tiere konnten den Hinweis deuten. Bei den kleinen Kindern waren es hingegen über 90 Prozent.

Die Schlauesten aller Affen

Schimpanse Robert (hinter einer Glasscheibe) wird von einer Kamera beobachtet.

Schimpanse Robert hilft den Forschern in Leipzig

Besonders Schimpansen, die dem Menschen genetisch am ähnlichsten sind, erweisen sich immer wieder als auffallend talentierte Schüler. Bei einem Test an der Universität Kyoto in Japan wurden erneut Menschen und Affen miteinander verglichen. Auf einem Bildschirm wurden die Zahlen eins bis neun in immer unterschiedlichen Reihenfolgen und nur für kurze Zeit angezeigt. Die Probanden mussten die Zahlenreihen anschließend so schnell wie möglich wiederholen.

Obwohl es sich bei den menschlichen Testpersonen diesmal nicht um Kinder, sondern um Studenten handelte, waren insbesondere die jungen Schimpansen haushoch überlegen. Selbst als die Zahlen nur für 210 Millisekunden angezeigt wurden, konnten sie die Reihenfolge rekonstruieren. Da die erwachsenen Tiere aber nicht besser abschnitten als die Menschen, vermuten die Forscher nun, dass Jungtiere über ein fotografisches Gedächtnis verfügen, das erst mit der Zeit langsam verloren geht.

Als "Klassenbeste" der Schimpansenschüler galt lange Zeit das Weibchen Washoe, das im November 2007 verstarb. Ihr Adoptivvater Roger Fouts, Kommunikationsforscher an der Universität Ellensburg im US-Staat Washington, hatte die Schimpansendame angeblich gelehrt, sich in der amerikanischen Gebärdensprache zu verständigen. Fouts behauptet, Washoe habe etwa 250 Wörter beherrscht, benutzt und sogar Artgenossen Teile der Sprache beigebracht.

Doch wie so oft in der Intelligenzforschung bei Menschenaffen gab und gibt es zahlreiche Skeptiker. Wie auch bei anderen Tests vermuten manche Wissenschaftler, Washoe habe die Sprache nie wirklich verstanden, sondern nur Ursache und Wirkung miteinander verknüpft (Assoziationslernen).

Tierisch intelligente Konkurrenz: Vögel

Lange galten Menschenaffen als die intelligentesten Tiere der Welt. Doch obwohl sie enorm lernfähig sind, gibt es Tiere, die ihnen im Intelligenzvergleich in nichts nachstehen. Wissenschaftler der englischen Universität Oxford fanden heraus, dass Krähen ebenso kreativ handeln, um an versteckte Belohnungen zu gelangen, wie Menschenaffen. Dabei nutzen die Vögel zum Teil drei Werkzeuge hintereinander, um die Aufgabe zu lösen - eine Fähigkeit, die man bisher nur Menschenaffen zugeschrieben hatte.

Ein weiterer Versuch, der die Intelligenz von Vögeln beweist, ist der Spiegeltest. An der Ruhr Universität Bochum wurde Elstern ein roter Punkt auf die Brust geklebt. Als sich die Tiere später im Spiegel betrachteten, versuchten sie sofort den Punkt zu entfernen - ein Zeichen der Selbsterkenntnis. Auch dieses Verhalten war zuvor nur bei Menschenaffen beobachtet worden.

Doch warum erscheinen uns die Ergebnisse der Vögel so erstaunlich? Der Mensch neigt wohl dazu, den Menschenaffen aufgrund ihrer optischen und genetischen Ähnlichkeit menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Doch gerade dies kann zu Missverständnissen führen. Denn offensichtlich kann man auch Tiere, die uns weniger ähnlich sehen, durchaus als intelligent bezeichnen.

Autorin: Jennifer Daqué

Weiterführende Infos

Stand: 14.10.2015, 10:06

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