Interview mit Gesa Kluth

Nahaufnahme von Gesa Kluth

Wölfe in Deutschland

Interview mit Gesa Kluth

Gesa Kluth ist eine der wichtigsten Fürsprecherinnen für Wölfe in Deutschland. Sie hat sich als Biologin zur Wolfsexpertin spezialisiert, noch bevor es überhaupt Wölfe in Deutschland gab. Im Gespräch erzählt sie, wie sie die Rückkehr der Wölfe erlebt hat.

Planet Wissen: Frau Kluth, wann haben Sie angefangen, sich für Wölfe zu begeistern?

Gesa Kluth: Das kann ich gar nicht so genau sagen. Ich erinnere mich aber, wie begeistert ich als Teenager das Buch "Der Wolf" des Verhaltensforschers Erik Ziemen gelesen habe. Schon damals hat mich ein Widerspruch fasziniert: Wir lehnen den vermeintlich bösen Wolf ab und haben Angst vor ihm, leben aber gleichzeitig eng zusammen mit seinem ganz nahen Verwandten, dem Hund.

Sie haben dann Biologie studiert. War es damals ihr Ziel, Wolfsforscherin zu werden?

Nein, ich war damals nicht so ein totaler Wolfsfreak. Zunächst haben in meinem Studium die Wölfe überhaupt keine Rolle gespielt. Mein Ziel damals war generell die Erforschung von freilebenden Tieren.

Und was hat Sie dann zurück zum Wolf gebracht?

Bei einem Studienaufenthalt in den USA habe ich mich mit dem Wolfsthema theoretisch auseinandergesetzt. Mir ist klar geworden, dass es dort meinen Traumjob gibt: Das "wildlife management". Ich dachte mir: Ich will das machen! Alle haben den Kopf geschüttelt damals: "Den Job gibt es in Deutschland doch nicht", sagten sie.

Das war Anfang der 1990er Jahre, damals gab es noch keine Wölfe in Deutschland. Trotzdem wollten Sie hierzulande Wildtiermanagerin für Wölfe werden?

Nein, denn ich habe damals nicht geahnt, dass die Wölfe wiederkommen. Ich habe gedacht: Wenn sie nicht in Deutschland sind, dann muss ich eben dort arbeiten, wo die Wölfe sind.

Was haben Sie gemacht, um Wolfsexpertin zu werden?

Ich bin nach Estland gefahren, das war im Winter 1996/97. Dort leben wilde Wölfe, die erforschte ich für meine Diplomarbeit. Ich arbeitete dabei mit Ökologen von der Uni Tartu zusammen. In den Hochmooren des Endla-Naturschutzgebietes habe ich dann zum ersten Mal im Schnee die Fährten von Wölfen gesehen.

Ich erinnere mich noch, wie begeistert ich damals war – und wie verwundert die einheimischen Naturschützer darüber waren: Für Esten sind Wölfe ganz normal, sie sind dort so häufig, dass sie sogar gejagt werden dürfen.

Zurück in Deutschland waren Sie Wolfsexpertin ohne Wölfe. Wovon haben Sie gelebt?

Ich hatte gehofft, dass ich nach meiner Diplomarbeit einen Job in Estland bekomme, aber das hat nicht geklappt. So habe ich mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten.

Später habe ich dann vom Internationalen Tierschutz-Fonds ein wenig Geld bekommen mit dem Auftrag, Wolfssichtungen in Deutschland zu überprüfen. Anfang bis Mitte der 1990er Jahre waren gelegentlich Einzelwölfe aus Polen hierher gekommen. Sie haben aber nicht überlebt, sie wurden von Autos überfahren oder von Jägern illegal geschossen.

Dadurch haben Sie auch vom ersten Wolfsrudel erfahren?

Genau, ich hatte Kontakt zur Bundesforstverwaltung, so habe ich davon gehört, dass es in der Muskauer Heide Wolfswelpen geben soll. Ich konnte das erst nicht glauben – und konnte es zunächst nicht überprüfen, denn das war auf einem gesperrten Truppenübungsplatz.

Im April 2001 durfte ich dann endlich auf das Gelände. Als ich die aus Estland so vertrauten Wolfsspuren dort im Sand sah, konnte ich mein Glück kaum fassen. Wölfe sind nach Deutschland gekommen und haben sogar Junge bekommen – das erste deutsche Rudel Wölfe!

Was passierte dann?

Ich habe zusammen mit meiner Kollegin Ilka Reinhardt die Erforschung der Wölfe hier begonnen. Wir hatten zunächst kein Budget und keinen offiziellen Auftrag. Ein wenig später akzeptierte uns das sächsische Umweltministerium als zuständige Expertinnen.

Wie kam es dazu?

Im Mai 2002 gab es große Aufregung in den Medien, weil die Wölfe eine Schafherde angegriffen haben. Insgesamt 33 Tiere wurden getötet. Nach diesem Ereignis bekamen wir ein Budget, um mit den Schäfern der Region zu beraten, wie sie ihre Tiere effektiv vor den Wölfen schützen können.

Außerdem konnten wir im Auftrag des Umweltministeriums Daten zur Entwicklung des Wolfsbestands erheben und Öffentlichkeitsarbeit machen. Vor diesem Hintergrund gründeten wir Anfang 2003 das Wildbiologische Büro LUPUS. Monitoring, Herdenschutz und Öffentlichkeitsarbeit sind auch heute noch die drei Säulen, auf denen das Wolfsmanagement in Sachsen beruht.

Was gab es noch für Schwierigkeiten in den Anfängen?

Im Jahr 2003 hat sich eine Wölfin mit einem Hund gepaart, weil sie damals weit und breit keinen männlichen Wolf gefunden hat. Das Ergebnis waren Wolf-Hund-Mischlinge, wir Wissenschaftler sprechen von Hybriden. Die Mischlinge haben wir eingefangen und in ein Gehege gebracht.

Seitdem hat sich in Deutschland nie wieder ein Wolf mit einem Hund gepaart. Der Grund ist wahrscheinlich, dass es inzwischen genügend Wölfe gibt, dass jedes Individuum einen Paarungspartner aus der eigenen Art finden kann.

Was ist Ihr Fazit jetzt, mehr als 12 Jahre nach der Rückkehr der Wölfe: Haben die Tiere eine Chance bei uns?

Wir haben eine wichtige Erfahrung gemacht: Damit die Tiere hier heimisch werden können, müssen die Menschen sie tolerieren. Bei uns in der Lausitz funktioniert das inzwischen sehr gut: Auch wenn es eine Reihe sehr engagierter Gegner gibt, sind die Wölfe von der Bevölkerung weitgehend akzeptiert.

Auch die Tierhalter haben sich auf ihre Anwesenheit eingestellt. Aber überall, wo sich Wölfe neu ansiedeln, fangen wir mit der Aufklärung beinahe bei Null an: Wir versuchen mit Erfahrungsberichten aus der Lausitz die Menschen in den neuen Gebieten davon zu überzeugen, dass der Wolf nicht böse oder heimtückisch ist - wenn man auch seine Schafe und Ziegen vor ihm schützen muss.

Sondern dass die Tiere eine wichtige Rolle in unserem Ökosystem einnehmen und es gut möglich ist, mit Wölfen in der Nachbarschaft zu leben, ohne dass wir Menschen Angst vor ihnen haben müssen.

Interview: Ragnar Vogt

Stand: 27.03.2014, 09:50

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