Wissensfrage
Stimmt es, dass nach einer Herztransplantation der Empfänger Eigenschaften des Spenders annimmt?
Ende der 90er Jahre erregte die US-Amerikanerin Claire Sylvia mit ihrem Buch "Herzensfremd" weltweit Aufsehen. Darin beschreibt sie nicht nur, dass ihr Herz und Lunge eines verunglückten Motorradfahrers transplantiert worden waren. Mehr noch, bald nach der Operation entdeckte die damals 48-Jährige an sich Wesenszüge und Vorlieben, die sie vorher nicht gekannt hatte. Obwohl die ehemalige Tänzerin bis dahin Fastfood verabscheut hatte, entwickelte sie auf einmal Appetit auf Chicken Nuggets und erstmals auf Bier. Getrieben von einer neuen Rastlosigkeit, erlebte sie sich als Frau, die plötzlich einen Gang hatte wie ein jugendlicher Footballer und starke sexuelle Begierden. Sie träumte von dem Spender, "wusste" seinen Namen und kannte sein Aussehen. Als es der Patientin gelang, die Angehörigen des Verstorbenen ausfindig zu machen, stellte sich heraus: Alle diese Eigenschaften und Vorlieben hatte auch der 18-jährige Tim tatsächlich gehabt.
Claire Sylvia glaubt an ein Zellgedächtnis und daran, dass Informationen nicht nur im Hirn, sondern möglicherweise auch im Herzen gespeichert sind. Im selben Jahr publizierte der amerikanische Neuropsychologe Dr. Paul Pearsall Ergebnisse einer Untersuchung, bei der sich ebenfalls Parallelen in Verhaltensweisen zwischen Organspendern und -empfängern gezeigt haben sollen. Die Studie wurde von vielen Ärzten und Transplantationspatienten kritisiert, weil international gültige Standards bei der Befragung nicht eingehalten wurden und weil es sich offenbar um Ausnahmeerscheinungen handelte. Insofern fehlt bislang der naturwissenschaftliche Beweis, dass ein neues Herz tatsächlich ein neues oder gar zusätzliches Selbst bedeutet.
Und trotzdem: Eine Herztransplantation verändert den Empfänger. Die Transplantation eines lebensrettenden Organs versetzt Betroffene in eine Ausnahmesituation. Dies ist die Erfahrung von Professor Hans-Werner Künsebeck, dem Leitenden Psychologe der Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover. Seit 1987 betreut er Transplantationspatienten vor und nach der alles entscheidenden Operation. Künsebeck: "Die Patienten erleben eine riesige Veränderung. Wer vorher bettlägerig und schwach war, kann plötzlich wieder gehen. Wer vorher kaum Luft bekam, kann wieder frei atmen." Immer wieder beobachtet er zunächst eine regelrechte Euphorisierung - eine "Honeymoonphase", also ein Hochgefühl wie sonst vielleicht nur in den Flitterwochen. Die allerdings lässt nach, wenn Probleme auftauchen, durch kleine oder größere Abstoßungsreaktionen, wie sie viele Betroffene mit ihrem neuen Organ erleben. Es folgt oft eine starke Ängstlichkeit und beispielsweise eine dauernde Furcht vor Infektionen. "Die Patienten leben quasi unter einem Damoklesschwert, weil sie natürlich wissen, dass ein transplantiertes Organ nur eine begrenzte Lebensdauer hat." Doch neben diesen Empfindungen spüren seiner Erfahrung nach die Betroffenen auch eine große Dankbarkeit. Sie sind dem Organspender und den behandelnden Ärzten außerordentlich dankbar. Außerdem leben die Patienten bewusster als früher, sie freuen sich an kleinen Dingen wie den ersten Blüten im Frühjahr.
Auch Patienten, die nicht solch außergewöhnliche Erlebnisse hatten wie Claire Sylvia, sind übrigens nicht vor Überraschungen gefeit. Hans-Werner Künsebeck: "Die immunsuppressiven Medikamente - die Medikamente, die verhindern, dass körpereigene Zellen das fremde Gewebe angreifen - bewirken mitunter eine Veränderung des Geschmackssinns. Frühere Leibgerichte schmecken dann vielleicht nicht mehr so gut, andere Speisen werden auf einmal als köstlich empfunden." Wer dies dem Organspender zuschreibe, "der entwickelt Strategien, mit dem neu gewonnenen Leben umzugehen. Aber das hat nichts Mystisches, es ist erklärbar", so der Psychotherapeut.
Sigrid Lauff/Prem Lata Gupta, Stand vom 16.08.2010






