Tschernobyl war nicht die erste Reaktorunfall in der Geschichte der Atomenergie. Wo fand der erste Störfall statt, bei dem es fast zum Super-GAU gekommen wäre?
Das war 1957 in Sellafield in Großbritannien. Damals hieß das Kraftwerk noch Windscale und war dazu gedacht, Großbritannien mit Plutonium für das britische Atombombenprogramm zu versorgen. Durch den Bau von Windscale katapultierte sich Großbritannien in den Kreis der Atommächte. Doch das nach dem Zweiten Weltkrieg zügig hochgezogene Werk hatte technische Defizite. Einmal im Jahr musste es für drei Tage ausgeschaltet werden. Beim Herunterfahren am 10. Oktober 1957 kam es im Reaktorkern zu einem Brand, in dessen Folge sehr viel Radioaktivität vor allem auf die Irische See, aber auch über Großbritannien und das europäische Festland geweht wurde.
Vier Tage lang versuchte die Belegschaft, den Brand zu löschen. Glücklicherweise kam es nicht zu einer Explosion, aber um den Reaktor hatte sich am Ende ein Löschsee von 9000 Kubikmeter radioaktivem Wasser gebildet und das Gelände musste dekontaminiert werden. Erst nachdem eine riesige radioaktive Wolke mit verdampftem Löschwasser zum Himmel aufgestiegen war, ahnte auch die benachbarte Bevölkerung, dass es im Reaktor Probleme gegeben hatte. Offiziell wurde der Brand drei Jahrzehnte geheimgehalten und die Atomanlage in Sellafield umbenannt. Wissenschaftler einigten sich später auf 100 Todesopfer. Wie viele es wirklich waren, sollte die Öffentlichkeit nie erfahren. Der Windscale-Reaktor ist nicht mehr in Betrieb, dennoch gehört Sellafield heute zu den ältesten Kraftwerken der Welt und macht immer noch negative Schlagzeilen. Zuletzt Ende Mai 2005: Da wurde bekannt, dass 83.000 Liter radioaktives Abwasser verloren gegangen waren. Erst nach neun Monaten wurde entdeckt, dass es offenbar irgendwo ein undichtes Rohr gab.
Christiane Gorse, Stand vom 16.03.2011
Sendung: Die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima - und ihre Folgen, 17.03.2011






